Vergeblich…

…unsere Hoffnung, dass endlich einmal Ordnung ist.

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18 Antworten zu “Vergeblich…

  1. Gregor Keuschnig 30. Juli 2011 um 10:42 am

    Ist diese vergebliche Hoffnung nicht eine Art Dauerzustand? Und: Welche Folgen hat das?

    (Keine rhetorischen Fragen. Mir kommt die Formulierung des „Ordnens“ im Zusammenhang mit dem Nachlass eines Verstorbenen in den Sinn. Jemand, der Schubladen und Schränke sichtet.)

  2. metepsilonema 30. Juli 2011 um 1:50 pm

    Ja zu Deiner ersten Frage, zumindest in dem Sinn, dass diese Hoffnung immer wieder auftaucht (ich hatte sie beim Aufräumen meiner Wohnung deutlich vor Augen, aber natürlich auch an ganz anderen „Orten“ im Rahmen anderer Tätigkeiten — viele unserer Handlungen sind davon geprägt).

    Die Folgen wären, dass man immer einen bestimmten, d.h. geordneten „Endzustand“ anstrebt, stets denselben Lösungsweg wählt, und Alternativen kaum beachtet, was möglicher Weise ein Unbehagen oder Unglücklichsein zur Folge hat, wenn es nicht dauerhaft gelingt. Letztlich setzt man sich in einem Kreislauf gefangen, aus dem man nicht mehr heraus kommt, weil die Zielvorstellung „Ordnung“ weiter angestrebt wird. Was intransparent bleibt, sind die Gründe dieses Strebens, z.B. eine bestimmte Art zu denken, eine Sicht von Welt oder fundamentale Bedürfnisse wie Orientierung oder Stabilität — was auch immer es ist.

  3. Blablablagozentriker 30. Juli 2011 um 6:06 pm

    Ist das geheime Wasserzeichen jeder Ordnung nicht der Tod? Wie Benjamin sagte: „Das Werk ist die Totenmaske der Konzeption“? Das transferiere man einmal auf Joyce berühmtes Diktum, der ULYSSES sei „the novel to end all novels“ — und man hat einen neuen Blick auf die wuchernde Postmoderne … sie ist wenigstens nicht die Modernde.

    • metepsilonema 31. Juli 2011 um 8:38 pm

      Ein wunderschön-erschütternder Satz, mein Lieber: Ja, du hast völlig recht. Man muss sich nur die Sterilität eines klinisch reinen Labors vor Augen halten.

      Aber warum sollten wir den Tod, den Stillstand wollen? Der Ideen wegen? Vielleicht haben wir, als moderne Menschen, gelernt, die Selbständigkeit der Dinge (der Umwelt als Gesamtes) nicht hinnehmen zu wollen: Sie bedrohen uns, d.h. unsere Vorstellung von Struktur und damit eben: Ordnung. Der Zerfall – letztlich auch unserer selbst – bedeutet Zufall und Machtlosigkeit. Das ertragen wir nicht, alleine die Erinnerung, aber mit einer möglichst dauerhaften Verwirklichung von Ordnung erreichen wir dasselbe: Sie nimmt dem Organisch-lebendigen seinen Atem.

  4. phorkyas 30. Juli 2011 um 6:48 pm

    (Das ist zumindest mal wieder ein echter Mete – da können die fuffzich Kommentare ja anrollen..)

    Für mich hat diese Ordnung ja auch etwas bedrohliches – Tod und Erstarrtheit ja. Dann ist Ruhe im Karton. (Fast hätte ich das auch so gelesen: „dann ist endlich mal Ruhe im Karton“) – Leider nicht Modrig, denn dann sind die Destruenten ja schon wieder am Werk und der Zyklus, das Gärend-Lebendige ist schon wieder am Werk. Ja, Ordnung als das Anorganische, solange es eine vom Menschen ersonne, überstülpte Ordnung ist. In dem Sinn ist meine Hoffnung also die Hoffnung, dass diese Hoffnung auf Ordnung immer vergeblich bleiben sollte. („Karte und Gebiet“ endet ja so ähnlich, mit Kunstwerken die ihr eigenes zersetzen und modern darstellen – aber meine Hoffnung oder Erwartung war leider anders als mir die Akzentsetzung im Roman dann erschien: da war es nur wieder diese triviale Angst vor dem Tod, vor der Endlichkeit, der Einsamkeit in der im Kosmos – also eigentlich klar, dass der Houllebecq auch ein Parteigänger Monods in diesem Sinne wäre. Was ich mir wünschte wäre ja dass wieder Gras wüchse über die Kunst, die Verwüstungen der Moderne, dass das Organisch-Tierische wieder aus uns herauswüchse…
    aber ich blogosophiere schon wieder)

  5. phorkyas 30. Juli 2011 um 6:52 pm

    (blogosabbere wäre wohl präziser gewesen, denn nicht nur orthographisch und semantisch is mir da einiges durch die Lappen gegangen)

  6. Heiner Müller Gesellschaft 30. Juli 2011 um 7:23 pm

    Schön: „Da können die fuffzich Kommentare ja anrollen..“

  7. Gregor Keuschnig 30. Juli 2011 um 10:20 pm

    Ordnung und Tod. Interessante Diskussion. ich habe ein Bild von Canettis Schreibtisch vor Augen. Dort liegen sauber und sehr ordentlich die gespitzten Bleistifte in Reih und Glied. Mit den gespitzten Bleistiften also dem Tod trotzen?!

  8. blogozentriker 31. Juli 2011 um 10:08 am

    Auch auf Ihrer Seite, werter Herr Keuschnig, scheint ein lauernder Bleistift dem Tod, versinnbildlicht durch eine weiße Notizbuchseite, trotzen zu wollen. Ein Raster aus Linien hilft ihm dabei. So ist das unbekannte Land, von dessen Bezirk kein Wanderer je zurückgekehrt, wenigstens sauber kartographiert. Und wofür stehen die Reclamhefte? Für die Sehnsucht nach Unsterblichkeit?

  9. Gregor Keuschnig 31. Juli 2011 um 10:19 am

    Tja, blogozentriker, ich glaube es wäre vergebens, zu leugnen. Allenfalls vermag ich zu sagen, dass die Bilder vorläufige sind (die dem, was ich wünsche, ziemlich nahe kommen).

    Vielleicht sind die Reclamhefte einfach nur eitel, und ich sollte sie weglassen. Das erinnert doch zu sehr an Statements von „wichtigen“ Persönlichkeiten vor Bücherwänden.

    Unsterblichkeit erringen zu wollen ist m. E. der Gipfel der Eitelkeit. Die aussichtslose Revolte wider die Natur. Man sollte sich bescheiden mit dem Gedanken, dass man noch ein bisschen in der Erinnerung anderer lebt.

    • metepsilonema 31. Juli 2011 um 8:41 pm

      Ein schöner Gedanke: […] dass man noch ein bisschen in der Erinnerung anderer lebt.

      • Gregor Keuschnig 1. August 2011 um 9:52 am

        Ich glaube, der Gedanke kommt aus dem Judentum. Brecht hat das dann irgendwann einmal paraphrasiert. Er gefällt mir auch ausnehmend gut.

      • Phorkyas 1. August 2011 um 11:06 am

        In einem evangelischen Trauergottesdienst habe ich ihn aber auch schon gehoert. Die ganze Predigt kondensierte eigentlich in diesen kleinen Gedanken… der in meinen Augen auch wohl das einzig Realistische ist. Wer soll schon wagen, mehr zu erhoffen?
        (Nur.. wenn wir uns dann von Angesicht zu Angesicht mit der Konsequenz dieses Gedankens konfrontiert sehen – ich glaube, da wird mir noch ganz anders werden..)

  10. blogozentriker 31. Juli 2011 um 1:36 pm

    Nehmen Sie sich doch selbst ein bisschen auf die Schippe. Und legen Sie statt Reclams hartleibiger Qualitätskonfektion das „Soloalbum“ von Stuckrad-Barre dahin und „Sommerhaus, später“ und weitere Ware aus der Abteilung Verkaufsliteratur!

  11. Gregor Keuschnig 31. Juli 2011 um 3:01 pm

    Das ist unmöglich, was Stuckrad-Barre angeht. Und „Sommerhaus, später“ habe ich nicht. Nur „Alice“. Aber muss man dem dauerironischen Raunen des Feuilletons nachheulen wie ein Wolf, der seine Herde verloren hat? (Ich frage das ernsthaft.)

  12. blogozentriker 31. Juli 2011 um 6:32 pm

    Gut, denn: Welchen Text würden Sie gelten lassen? Ganz ernsthaft?

  13. Gregor Keuschnig 1. August 2011 um 9:49 am

    Eine schwierige Frage. Ursprünglich sollten die Titel der Heftchen ja gar nicht lesbar sein. Wie dem auch sei: Vielleicht sollte es Wolfdietrich Schnurres „Als Vaters Bart noch rot war“ sein. Ein Buch, das ich als Kind sehr gerne gelesen habe und immer wieder mal und irgendwann nicht mehr, um mir den damaligen Eindruck nicht zu verderben. (Das ist natürlich Unsinn; Schnurre ist ein vollkommen zu Unrecht Fast-Vergessener.)

  14. Pingback: Blogos Wort von der Ordnung « Makulatur

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