Erzählungen und Labyrinthe

Sie schüttelte sich, fiebrig vor Lust, und tauchte ihren Löffel in den Cappuccino. Die Adern des milchgeschäumten Blattes zitterten, aber die Aufwallungen
blieben gering: Eine gemächliche, gleichförmige Bewegung.
Weiße Schlieren umflossen den Löffel, sie grinste, fuhr schneller vorwärts und schnitt das Blatt entzwei: Es löste sich, langsam, in milchbraunen Verflechtungen, nur seine Spitze blieb unberührt. Sie zog den Löffel heraus, legte ihn an ihre Lippen und klopfte mit Zunge und Schneidezähnen dagegen. Für einen Augenblick sah sie nachdenklich aus, obwohl sie sich längst entschieden hatte: Ein helles, lautes Lachen, dann wirbelte sie alles durcheinander, und trank.

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23 Antworten zu “Erzählungen und Labyrinthe

  1. phorkyas 25. August 2011 um 9:47 pm

    Die hat mir sehr gefallen. Vielleicht weil ich mit der zentralen Metapher etwas verbinden konnte (gerade selbst ja in einer Such- oder Irrbewegung mich befinde)
    [Zwei nichtige Fragen: Mit der Aufhebung der Subjekt-Objekt-Spaltung möchtest du dich aber nicht auf die Jaspersche Bewegung des Umgreifenden begeben? – Und dass ein Palimpset sich auch in deinem Blogroll befindet ist Zufall?]
    Jedenfalls konnte ich beim Lesen die Gedanken gut durch meine Labyrinthe schweifen lassen und… irgendwas an ihrer „Stimme“ reizte mich schon von ihren ersten Worten zum Widerspruch. Vielleicht waren es inhaltliche Dinge, oder auch das scheinbar selbstbewusste: Für mich sind alle Probleme gelöst, ich bin raus! – der Patent-Alles-Lösung, der ich per se schon misstraue. Kann sein, dass ich mich an mein Labyrinth, mein verdammtes Leiden klammere, aber.. wer ist denn schon ohne? Selbst wenn man aus einem wirklich herauskäme, würde doch vermutlich nur das nächste Warten (selbst wenn es zunächst unsichtbar wäre)… und irgendwie klingt das auch ein bisschen zu sehr nach Carpe-Diem? Freiheit mag ja schön und gut sein. Aber gerade versuche ich Kunst fast als das volle Gegenteil zu denken. Die totale Unfreiheit: Das Getriebensein von einer Idee, die nur so und so ausgedrückt, vollendet werden kann (ebenso in der Literatur). Da bleibt gar keine Wahl. Sie tritt dir in den Arsch: Du musst!
    (Und dazu gehörte eben vielleicht auch sich die Besonderheit des eigenen Labyrinths bewusst zu werden, ganz in seine Tiefen hinabzutauchen, bis man hervorzerren kann, was bisher noch nicht gesehen ward?)
    …Vielleicht ist das nur die Angst des Vasallen davor, in die Freiheit zu treten… vielleicht nur ein anderer Modus – ein Mittel… letztlich geht es so ja auch um die Katharsis, die Befreiung aus dem Labyrinth, aber eben, indem voll darin aufgeht?

    ___________________-
    (Du siehst die Erzählung hat auf jeden Fall gewirkt…)

    • metepsilonema 27. August 2011 um 11:48 am

      Vielen Dank für Deinen Kommentar!

      Wenn, dann bezieht sich die Subjekt-Objekt Aufhebung auf Heidegger (aber es ist im Grunde egal, da es um das Erfahren der fehlenden Trennung geht, um ein Bewusstsein davon im Zurücksehen, nicht um eine theoretische Erfassung oder Begründung).

      Ja, genau: Etwas in ihrer Stimme reizt zum Widerspruch, das empfinde ich genauso (ich würde sogar sagen, dass es mehrere Aspekte sind).

      Das Müssen kann, obwohl es die Zwanghaftigkeit nicht ist, vielleicht positiv sein, weil die Tätigkeit, der man sich widmet, etwas „Erfüllendes“ hat.

      Das Palimpsest ist keine Anspielung auf Laras Blog, aber es ist ein mögliches Bild dafür, was Realität (Wirklichkeit) für uns bedeuten könnte; es scheint mir zwei Aspekte zusammenzuführen: Einerseits gibt es etwas wie eine gemeinsame Welt in der wir leben, andererseits sind wir alle wieder so grundverschieden (bzw. die Labyrinthe in denen wir leben), dass man auch das berücksichtigen muss; man könnte also sagen, dass wir eine gemeinsame Grundlage, des Erlebens von Welt teilen, die jeder für sich wiederum abwandelt…

      Und freut mich sehr, die Wirkung…

    • metepsilonema 27. August 2011 um 12:06 pm

      Seinsvergessenheit meinte ich, haben wir hier schon diskutiert.

    • metepsilonema 27. August 2011 um 3:50 pm

      Ich hoffe der letzte Kommentar meines Stückwerks: Das Müssen kann man bejahen bzw. sich selbst auferlegen, also „begründet“ in seinem Labyrinth bleiben wollen — der Unterschied wäre ein Bewusstsein dafür, wo man ist und warum (so weit eben möglich).

  2. Gregor Keuschnig 27. August 2011 um 10:22 am

    Phorkyas‘ Kommentar sagt mir: Ich muss es noch einmal lesen.

  3. Gregor Keuschnig 28. August 2011 um 2:24 pm

    Ein komplexes Stück. Und ein programmatisches. Manchmal mutet es wie eine Selbstvergewisserung, wie ein inneres Selbstgespräch an; Anima und Animus im Dialog. Labyrinth vs Erzählung = Ideologie vs Freiheit? Oder eher Naturwissenschaft vs Leben?

    Das „Labyrinth“ als Allegorie ist sehr gelungen; ich habe während der Lektüre immer die Windungen des Gehirns gesehen, in den sich labyrinthisch die Synapsen (?) verirren. Der Widerstreit eines Rationalisten gegenüber einer Empiristin? Nein, das wäre vermutlich zu „verkopft“. Es geht (fast) um mehr: Um das Leben, um den Umgang mit dem Leben in einer Welt, die nicht mehr transformierbar ist. „Carpe diem“ als einzig mögliche Lebensform? Nannte man das früher nicht einfach „Aussteiger“?

    Der Widerspruch des „Monologisierenden“ ist mir nicht nur geläufig. Ist es zu einfach (bzw.: zu offensichtlich), einen „dritten Weg“ zu versuchen? Oder ist das auch nur alles ein Ausbund labyrinthischen Lebens?

    „Labyrinthe“ als Konstrukte, die Kreativität zu kanalisieren bzw. zu verhindern. Aber warum Sprache als „Labyrinthvermeider“? Ist nicht Sprache auch der Baumeister der Labyrinthe? (Gerade überlege ich, ob man hieran Literatur von Schund unterscheiden könnte.)

    • metepsilonema 28. August 2011 um 10:20 pm

      Ja, manchmal programmatisch und an das innere Selbstgespräch dachte ich auch schon … die Gegensatzpaare bzw. die Auffassung und das Verständnis der Labyrinthe hängt eng mit den jeweiligen Erzählungen zusammen (oder könnte es).

      Es geht (fast) um mehr: Um das Leben, um den Umgang mit dem Leben in einer Welt, die nicht mehr transformierbar ist.

      Auch das, oder besonders das, obwohl ich mir nicht sicher bin, was Du mit dem „nicht mehr transformierbar“ meinst.

      Ja, die Sprache ist beides, kann beides sein: Aber die Darstellung, die Erzählung, hat Rückwirkungen auf den Leser und dem geht vielleicht ein Licht auf (oder auch nicht). Das wäre vielleicht eine Forderung, ein Kriterium: Dass ein Buch, ein Text etwas (Wesentliches) verändert. Vielleicht dahingehend, dass man „weiter“ kommt, wie auch immer man das weiter jetzt denken mag (soviel vielleicht zur Unterscheidung).

  4. Gregor Keuschnig 29. August 2011 um 11:01 am

    Zur Transformierbarkeit. Im Gegensatz zum in der Moderne geformten Weltbild des strebenden, großartigen Individuums und seiner Möglichkeiten steht doch seine Einflußlosgkeit. Die Arbeitsteilung ist das beste Beispiel. Niemand umfasst mehr den gesamten Apparat; man ist Teil desselben, Rädchen, aber zumeist ohne Einfluß auf andere Teilnehmer. Die Diversifikation – übrigens auch im Privatleben – steht doch im Gegensatz zur Doktrin einer Demokratie, die dem Einzelnen seine Rechte zuspricht. Die Komplexität der Welt trägt ein übriges dazu bei: Es entsteht ein Ohnmachts- oder sogar Gleichgültigkeitsgefühl. Geschürt wird dies nicht zuletzt durch eine Art medialer Overkill, dem man sich mehr oder weniger freiwillig aussetzt. Hieraus entsteht dann vielleicht so etwas wie das „labyrinthische“, welches uns in einen (falschen, mindestens künstlichen) Kausalitätszwang setzt.

    Den schönsten Ausdruck über die Wirkung von Literatur stammt von Kafka. Er ist leider ein bisschen abgenutzt, da inflationär verwendet. Demnach soll ein Buch „die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“.

    Ein bisschen ketzerisch: Ist dieses „Weiterkommen“, von dem Du sprichst, nicht auch schon wieder „labyrinthisch“?

  5. metepsilonema 29. August 2011 um 4:36 pm

    Danke für die Erläuterung der Transformierbarkeit, das sehe ich sehr ähnlich (nur bin ich mir nicht sicher, ob es dem demokratischen Konzept widerspricht).

    Kafkas Ausdruck ist in der Tat sehr schön (obwohl es da doch noch ein verwandtes Diktum von ihm gibt, oder?).

    Zum Ketzerischen: Das hoffte ich durch den Text auch thematisiert zu haben: Gibt man das auf oder nicht? Hat es einen Sinn durch ein Labyrinth zu gehen, obwohl man sich nicht sicher sein kann, was das Verbessern bringt und ob es tatsächlich eines ist. Letztlich die Frage, die wir uns (oder zumindest ich mir) immer noch stelle(n): Macht man weiter, obwohl es aussichtslos erscheint?

    Was mich noch interessieren würde: Wie hast Du den Text vor dem zweiten Lesen gesehen?

    • Gregor Keuschnig 30. August 2011 um 10:18 am

      Nach dem ersten Lesen war ich etwas verwirrt und dachte zunächst, dass es sich um eine Vertreterin eines fast anarchisch-libertären Lebensentwurfes handelt. Ich kam auch nicht klar mit dem Begriff der „Erzählung“, der ja hier emphatisch verwendet wird.

      Macht man weiter, obwohl es aussichtslos erscheint?
      Ich glaube man macht solange weiter, solange es nur aussichtslos erscheint. Die Möglichkeit der Veränderung – sei sie auch noch so klein – erhält uns. Sobald diese Möglichkeit zur Gänze unmöglich geworden ist, stellt sich die Frage neu.

      Ich muss immer daran denken, wie Camus darauf bestand, dass im Alter der Mensch nicht in die Religion „flüchtet“, sondern bei sich bleibt – selbst wenn es faktisch keine „Argumente“ mehr gibt. In diesem Sinne ist der Existentialismus die größte Herausforderung an den Menschen: er bietet keinen Trost jenseits dessen, was man „diese Welt“ nennen kann. Und er verlangt, sich dieser Tatsache jederzeit zu vergewissern.

      • metepsilonema 30. August 2011 um 10:22 pm

        Das anarchisch-libertär ist in einem gewissen Sinn gar nicht so unzutreffend, aber es hängt damit zusammen, was man mit dem Begriff „Erzählung“ verbindet.

        Aber ist es nicht so, dass wir uns eingestehen müssen, schon aus unserer Erfahrung, dass es immer nur so erscheint und wir nie sicher sein können (gerade bei Fragen der Aussichtslosigkeit)?

  6. blogozentriker 30. August 2011 um 5:23 pm

    Wäre Schreiben nicht — aber das muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden — wäre es nicht der Versuch, das uns vorgesetzte Chaos in ein Labyrinth zu verwandeln, in dem wir zwar immer noch hilflos herumtappen und sterben werden, von dem wir uns aber immerhin doch sagen können (wir müssen es uns selbst ZUBRÜLLEN, zu unwahrscheinlich ist die Kunde): „WIR HABEN ES SELBST GEBAUT!“? Das Beharren darauf, man sei dem Blindwütigen, Übermenschlichen, Jenseitigen nicht ausgeliefert … Dieses bisschen Daidalos-Stolz … Ich rate, bitte verzeihen Sie!

  7. Phorkyas 30. August 2011 um 5:50 pm

    @blogozentriker: in dem wir zwar immer noch hilflos herumtappen und sterben werden
    Du musst nur die Laufrichtung ändern

  8. Phorkyas 31. August 2011 um 10:44 am

    Das hat David Mahler (Kehlmann) doch schon getan – allerdings erging´s dem nicht viel anders als Kafkas Maus.

  9. blogozentriker 31. August 2011 um 11:08 am

    „Ach“,sagte die Maus,“die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“
    „Du mußt nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.

  10. blogozentriker 31. August 2011 um 11:47 am

    PS: Hab’s zufällig entdeckt, den Kafka-Text … mit welchen vier Formeln wohl kann man den Zufall aushebeln? Das könnte uns wahrscheinlich Daniel Bruckner sagen.

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