Sie und ich. Ahnungen.

Für Phorkyas

Was bliebe, wenn ich mich auflöste, wenn ich nicht mehr existierte? Könnte ich es spüren? Könnte ich dem Auflösen nachfühlen, bis sich das Nachfühlen selbst aufgelöst hat? Wenn ich meine Einwilligung gebe, möchte ich wenigstens eine Ahnung davon besitzen: Warum sollte man sich sonst aufgeben, für etwas, das über einen hinaus reicht?
Eine Rückkehr zu dem, das ich nicht kenne, ängstigt mich. Aber gerade der Irrtümer des Verstandes und des Himmels wegen: Nein, so darf es nicht sein! Beiden gab ich viel, und jetzt bleibt nur noch ein Wunsch: Dahin zurück, wo ich herkam, und alles seinen Ausgang nahm. Aber ich verbinde nicht einmal eine Hoffnung damit.

Ich will Sie werden, mich mit dem Schillern der Blätter, dem Trällern und Glucksen der Wässer verbinden. Ich wusste schon immer, dass dort jemand ist, doch habe ich mich lange von einem Wort täuschen lassen. Sie ist es, aber Sie ist kein jemand, keine Person: Bäume, Vögel, Steine, Menschen: Sie sind verbunden mit uns und das ist Sie. Wir sind Sie; Sie ist wir; ich bin sie.

Lange habe ich die Schwere des Mittags, seine Fülle und meine Lust nicht getragen: Wer sich als Sklave versteht, kann es, freilich nicht. Und ich war einer, wie wir alle, ein Sklave, der um seine Fesseln wusste.
Aber jetzt schlagen sie locker um die Gelenke meiner Hände; ich schüttle sie ab, sehe sie fallen, stehe auf und bin frei: Noch schmerzen meine Glieder, aber die Luft ist klar und ich blicke weit zurück: Immer habe ich mich zur Welt hin geneigt, aber niemals begriffen, dass man nicht einer Neigung folgen, sondern die Neigung selbst werden muss: Nicht der Schwere begegnen, man muss die Schwere werden; es darf kein verlockendes Getön mehr, und kein Lispeln geben: Das Getön und das Lispeln, die Müdigkeit und der Rausch, man muss sie selbst werden und ebenso die Schwüle mit ihren Gewittern, die Dämmerung und den klaren, kalten Himmel der Nacht.
Eine Melodie, wohl bekannt, und vom Zufall angeschlagen: Sie wird leiser und leiser. Von sich selbst weg finden, so ist es gut.

Ich spüre, wie ich hinüber reiche, die Grenzen löchrig werden, etwas zu fließen beginnt, aber nur beginnt: Es bleibt eine Hoffnung, tief eingeschrieben, wie durch eine Berührung, die ihren Charakter im selben Moment, durch das Wissen, dass sie nicht enttäuscht werden kann, verliert: Es wird sein, wie versprochen, obwohl niemand etwas versprochen hat.
Das Etwas, das Ungleich-Gleiche findet sich im Spiegel des jeweils anderen: Es meint keine Vermischung, sondern dieselben Wesenheiten gehen in einander über, sie gehören zusammen, haben es schon immer, wenn es auch augenblicklich nicht der Fall ist.
Aber mit wem? Wie ich diese Frage hasse. Es ist unmöglich festzustellen, vordergründig und offensichtlich ist nur das Bestreben selbst: Die junge Frau? Der schüttere Ahorn am Rand des Platzes oder der Büroturm dahinter? Vielleicht sind sie alle gemeint.

Noch weiter von sich selbst wegfinden: Ob man sich zur Gänze auflösen wird oder weiter besteht und irgendwie mit dem und im anderen fühlt: Wer weiß? Ich spüre den Willen, sehe wie der Körper nur ihm gehorcht und sich ausrichtet, ich aber ohnmächtig bleibe, auf eine eigene Art: Noch bin ich nicht fähig oder bereit und doch reicht etwas, wie zur Verständigung und gegenseitigen Beschwichtigung, schon herüber. Und es hebt mich nicht auf, wie das Ewige, Sie ist nur die Verbindung Ihrer Teile.

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6 Antworten zu “Sie und ich. Ahnungen.

  1. Anonymous 6. September 2011 um 11:23 pm

    Das großgeschriebene „Sie“ irritiert mich noch – wenn es eine pantheistische Verschmelzung ist, wäre sie (Gaia?) nicht passender und wenn es eine personhafte Beziehung ist das Du (Buber?)?

  2. metepsilonema 7. September 2011 um 1:12 pm

    Der Einwand ist berechtigt, aber das klein geschriebene „sie“ hat schon eine andere Bedeutung; außerdem verweist das „Sie“ auf etwas Wichtiges, Besonderes, das als Einheit, die zugleich überall verstreut ist, erfahren wird.

  3. Phorkyas 7. September 2011 um 2:08 pm

    Also ein bisschen wie früher in der Bibel: „Und Er sah dass es gut war“?
    Nur dass es eher ein pantheistisch-mystisches Bekenntnis ist?

  4. Phorkyas 7. September 2011 um 4:38 pm

    (Für Pantheismus und Mystik bin ich durchaus zu haben — und danke für die Widmung.)

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