Jahreswechselnotiz

Das Erleben von Zeit ist, so meine These, an eine Art inneren Schlag gebunden, ganz wie in der Musik, gibt das Metrum dem Stück erst, und vor allem: der Spielende sich selbst, ein bestimmtes Erleben von Zeit. Der Schlag entspricht nicht der objektiv verstreichenden Zeit und definiert sie trotzdem: Die gefühlte steht gegen die gemessene und es läge an uns, auch an uns.

Das „wie“ ist allerdings schwierig auszumachen, man müsste es schon in einer weitgehenden und zu erweiternden Autonomie vermuten — vielleicht die Gelassenheit der deutschen Mystiker?

Advertisements

11 Antworten zu “Jahreswechselnotiz

  1. Phorkyas 29. Dezember 2011 um 6:33 pm

    und es läge an uns, auch an uns.
    Ist das eine emphatische Wiederholung, oder hätte da ein „in“ oder etwas anderes hingesollt?

    Warum müssen denn subjektive Zeit und objektives Zeitmaß gegeneinanderstehen – Momo vs. Zeitdiebe? (Kants Widerlegung des Solipsismus geht paradoxerweise auch über das subjektive Empfinden von Zeit: weil dann auch außerhalb von uns etwas gegeben sein muss, dass sich verändert, denn sonst könnten wir das Verstreichen von Zeit gar nicht bemerken.. – ich glaube, das war eines der Hauptargumente)
    ..das frag ich mich – das „Wie“ sie gegeneinanderstehen ist für mich deshalb noch etwas in Ferne.

  2. metepsilonema 29. Dezember 2011 um 8:54 pm

    Eine Emphatisierung und eine Relativierung zugleich, wie mir eben erst bewusst wird.

    Das subjektive steht gegen das objektive Maß, oftmals und vor allem dann, wenn sich beide wie eine Schere auseinander bewegen, uns unsere Zeit zwischen den Fingern zerrinnt: Wir fragen, wie es denn kommen kann, dass schon wieder ein Jahr um ist oder eine Woche, ein Tag. Irgendetwas an unserem Erleben wird der objektiv gemessenen Zeit nicht gerecht, als ob wir ihr Verstreichen, uns selbst, unsere Anwesenheit oder unsere Relation zu unserer Umwelt nicht bemerken.

  3. phorkyas 2. Januar 2012 um 10:52 am

    Für ein Flow-Erlebnis oder auch ein mystisches hätte ich nun gerade postuliert, dass dort das Primat der subjektiven Zeit herrsche, die objektive Zeit also gewissermaßen aufgehoben (vielleicht hattest du das schon angedeutet, du selbst brachtest ja die Mystik auf).

    Nicht ganz klar ist mir nach wie vor, ob es erstrebenswert ist. Vielleicht sind beide Beispiele (‚Flow‘ und ‚Mystik‘) aber Beispiele dafür, dass wir die Zeit hernach als erfüllt bezeichnen würden. Wobei sich das Erfülltsein wohl nach sehr subjektivem Empfinden richten wird. Selbst das Erstellen von Blogkommentaren könnte als erfüllte Zeit empfunden werden, insofern man selbst das Gefühl hat, es führe zu irgendwas, es würden dabei gewisse neuralgische Punkte langsam angetastet,.. dass neuer Sinn entstünde(?)

    Und damit wollte ich zu den Beiträgen mit der Sinnleere noch eine Frage stellen. Da ich gerade versuche Frege ein bisschen zu verstehen wurde ich wieder auf den Unterschied von Bezeichnendem (Zeichen, Referenzierendes, vllt auch Bedetung) und Bezeichnetem (das Referenzierte, Sinn — Irritierenderweise benutzt Frege Sinn und Bedeutung gerade im umgekehrten Sinne). Das könnte man gut mit einem Pointer beim Programmieren vergleichen, glaube ich: das Zeichen ist nur die Speicheradresse, während der Sinn ihr Inhalt ist (die darin gespeicherte Variable). Wenn du nun ‚Sinn’leere feststellst auf welches beziehst du dich? Meinst du der Inhalt, der Sinn ist leer; man möchte sozusagen sein Törchen, seine Speicheradresse auflösen aber da ist nichts mehr drin? Oder meinst du die Sinnleere entsteht schon auf der Ebene des Zeichens: Sprache ist so feingliedrig, dass Bedeutungen kontextabhängig sind etc. Gibt es also schon da ein Problem, dass eine Symbolüberfrachtung, -überladung stattgefunden hätte, so dass wir in diesem bunten Zeichen-Towuhabowu den Überblick derart verloren haben, dass wir vom Sinn uns kein Urteil mehr anmaßen wollen?

    • metepsilonema 3. Januar 2012 um 8:28 pm

      Ich glaube, es gibt einen Zusammenhang zwischen unserem subjektiven Erleben von Zeit und dem im Nachhinein gefällten Urteil über sie (ganz einfach kategorisiert, etwa: erfüllt, zerronnen, genutzt, tief,…) — ein bestimmtes Erleben korrespondiert mit einer positiven oder negativen Bewertung. Dabei spielt die objektiv gemessene Zeit eine untergeordnete Rolle: Wenn das Erleben positiv beurteilt wird, ist es egal wie viel Zeit vergangen ist oder wie schnell das geschehen ist. Die häufig gehörte Feststellung, dass schon wieder ein Jahr vorüber ist, deutet m.E. darauf hin, dass das Erleben dieser Zeitspanne unbefriedigend war.

      Wenn also das subjektive Erleben von Zeit entscheidend ist, dann liegt nichts näher, als dieses selbst zu bestimmen zu versuchen, es zu setzen, zu gestalten, sich selbst zu geben. Und ich vermute, dass so etwas beim Musizieren passiert, vielleicht bei jeder konzentriert verrichteten Tätigkeit, sie korrespondiert mit einem bestimmten, willkommenen Erleben von Zeit.

    • metepsilonema 3. Januar 2012 um 8:37 pm

      Zum Sinn: Ich bin nicht sicher ob ich Dich richtig verstehe, aber sinnlos oder bedeutungslos, würde ich, auf die menschliche Existenz bezogen, als eine Art Orientierungslosigkeit verstehen, die nicht mehr erlaubt festzustellen was wir tun sollen, also Werte zu setzen und Entscheidungen zu begründen, weil alles wie aus dem Zusammenhang gefallen erscheint. Es gilt alles gleich und es ist gleich was wir tun. Nichts oder etwas.

      Vielleicht bleibt eine Möglichkeit der Sinnstiftung: Unsere Leidenschaft und die Begründung wäre nur mehr auf einer emotionalen Basis zu finden.Eigentlich aber, negiert die große Gleichgültigkeit auch das.

      • Phorkyas 4. Januar 2012 um 5:08 pm

        vielleicht bei jeder konzentriert verrichteten Tätigkeit, sie korrespondiert mit einem bestimmten, willkommenen Erleben von Zeit.
        So ähnlich glaube ich das auch. Wobei doch aber gerade dabei, das objektive Verstreichen der Zeit kaum bemerkt wird („Flow“). Daher wäre ich bei der Bewertung: Die häufig gehörte Feststellung, dass schon wieder ein Jahr vorüber ist, deutet m.E. darauf hin, dass das Erleben dieser Zeitspanne unbefriedigend war wohl vorsichtiger. (Meine Mutter meinte vor kurzem: Dass je älter man würde, desto schneller auch die Zeit vergehen würde. Zack schon wieder ein Monat, ein Jahr – Wie allgemein das gilt weiß ich nicht, aber als Kind vergeht m.E. nach die Zeit auf jeden Fall sehr viel langsamer.)

        Zum Sinn: Ich war da sehr auf dem Symbol/Zeichen-Trip. Der Sinn als das, worauf das Zeichen verweist. Und daher: Wie kann der auf einmal weg sein – oder warum sollen wir jetzt auf einmal orientierungslos sein und jahrhundertelang waren’s die Menschen nicht? Vielleicht muss man hier auch vom Zeichen zur Kommunikation überschwenken: denn Sinn hängt ja auch immer an Kodierungen, intersubjektiven Festlegungen.
        Du beschreibst es glaube ich, vom Subjekt aus: dass dieses keinen Boden mehr unter den Füßen hat, kein verbindliches „Sinn-„Netz?
        Auch gut möglich. Aber müsste dieses dann nicht schon bei Kierkegaard oder Descartes oder gar Platon auch aufzufinden sein, wenn dort der einzelne, bzw. sein Denkvermögen so in Gang gesetzt wird – so dass es sich hier nicht um ein Spezifikum der Moderne/Jetzt-Zeit handelt?

      • metepsilonema 4. Januar 2012 um 9:54 pm

        Ich weiß nicht: Wenn man darüber klagt, dass wieder ein Jahr vorüber ist (ich meinte eine Klage, das habe ich vielleicht nicht deutlich genug geschrieben), dann sagt man das doch nicht, weil die erlebte Zeit erfüllt war (etwas verkürzt ausgedrückt), dann wäre es doch egal, oder?

        Genau: Wenn der Augenblick intensiv erlebt wird, verliert man das Gefühl für die tatsächlich verstreichende Zeitspanne und hinterher betrachtet wirkt sie als ob sie schnell vergangen wäre (Aber: Auch im Rückblick noch, spüren wir ihre Tiefe — wiederum: deshalb bestünde eigentlich kein Grund zur Klage).

        Ich weiß natürlich nicht, was Menschen vergangener Jahrhunderte tatsächlich gefühlt und erlebt haben, aber wenn die Romantik eine erste Reaktion auf die Probleme der Moderne war, dann sind diese sicherlich nicht erst mit unserer beider Geburt entstanden. Das mag auch schon viel früher bereits so erlebt worden sein (oder zumindest gedacht) — aber statistisch in unserem Jahrhundert viel häufiger? Vielleicht?

      • metepsilonema 6. Januar 2012 um 4:32 pm

        Noch am Rande zur Orientierungslosigkeit: Ist sie nicht erst in unserer Zeit tagtäglich erlebbar? Die tausend und abertausend Stimmen und Informationen, die sich nicht mehr in ein Ganzes fügen…

      • phorkyas 8. Januar 2012 um 8:19 pm

        Die tausend und abertausend Stimmen und Informationen, die sich nicht mehr in ein Ganzes fügen…
        Aber ist das so schlimm? Vielleicht gilt es ja gerade die Ordnung in dieser Kakophonie zu hören. Und wir Europäer hängen da noch was hinterher? Ein Japaner wäre nicht wie Pauli in eine Lebenskrise verfallen, glaube ich, weil in einem subatomaren Zerfall offenbar wurde, dass es Symmetriverletzungen gibt,.. hätte vielleicht nicht so verzweifelt nach dem höherem Ganzen im Dunkeln gestochert wie Einstein und Heisenberg, weil.. seine Ästhetik eine ganz andere ist, zu der vielleicht auch Einfachheit aber auch Asymmetrie gehört?

        (In irgendeinem kleinen Lexikon meiner Eltern, dass ich immer sehr mochte, weil es so reich an Bildern und voll von unnützem Kram war, war das Motto: „Wissen ist Stückwerk“ – ich glaube, das ist nun einmal so: wir bauen uns für alle Teilbereiche unser Begriffswerk, kleine Floße, mit denen wir uns einigermaßen über Wasser halten und so driften, eiern wir eben durch die Gegend, ob nun in Logik, Ästhetik, Chemie oder Kartoffelanbau)

      • metepsilonema 8. Januar 2012 um 8:41 pm

        Schlimm nur, wenn man nach Orientierung sucht oder auch nur für etwas entscheiden will: Wenn ich in einem Wald stehe und eine Stimme höre ist es schon schwierig genug ihr zu folgen, vernehme ich welche aus den verschiedensten Richtungen, dann habe ich bereits Mühe die Stimmen von einander zu unterscheiden, überhaupt zu verstehen…

  4. phorkyas 2. Januar 2012 um 10:54 am

    (PS. Den einen Satz vor die Wand gefahren: Da ich gerade versuche Frege zu verstehen, wurde ich wieder auf den Unterschied gestoßen von..

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: