Die bleibende Religion

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10 Antworten zu “Die bleibende Religion

  1. Gregor Keuschnig 9. Februar 2012 um 10:18 am

    Komisch. Keine Kommentare bisher.

    Mir wurde bei der Lektüre sehr klar, wie Religion am Ende nur die Vorstufe dessen war (oder ist?), was heute die Naturwissenschaften sind. Religion hat versucht die Welt jenseits der Phänomene zu erklären und mit Bedeutung zu versehen. Das alles ist bekannt und wird längst entsprechend eingeordnet und auch denunziert. Die fiktive Predigt (um nicht das schnöde Wort „Text“ zu verwenden) versucht eine „Rettung“ der Religion und wenn es nicht so abgegriffen wäre könnte man sagen, es wird versucht, Religion mit dem Leben zu versöhnen. Das wirkt natürlich sehr angestrengt, da all die verwendeten Begriffe längst kontaminiert sind mit den Bedeutungen und Interpretationen durch die Jahrhunderte hinweg.

    Ich schwankte bei der Lektüre: Folge ich dem Prediger – wenigstens einen kleinen Weg, schon aus Respekt – oder sehe ich ihn als jemandem, der das eigentlich Unerklärbare „zerquatscht“ und damit ein Stück weit entzaubert? Das hätte er dann mit den Naturwissenschaftlern gemein.

  2. metepsilonema 9. Februar 2012 um 4:05 pm

    Mit Bedeutung versehen: Genau das kann man im Rahmen der Naturwissenschaft nicht tun (freilich man kann versuchen Konsequenzen zu ziehen, wie z.B. Monod, aber das ist dann keine Wissenschaft mehr).

    Vielleicht mehr die Rettung unseres religiösen Erlebens als der Religion? Und ist es ein Widerspruch jemand zu folgen und erst später zu widersprechen? Sich auf etwas einzulassen bedeutet ja nicht ihm zuzustimmen.

    • Phorkyas 9. Februar 2012 um 5:41 pm

      Der Titel hat mich etwas verwirrt: Die bleibende Religion – das erinnerte mich an die Philosophia perennis, und so erwartete ich altgediente Mystik, urwüchsige Gedankengeflechte.

      Die Mystik war dann ja auch da, aber statt Betonung der ewigbleibenden Fragen, dem historischen Schatz, den man aufschließen könnte, wurde Fragilität, Bedrohung betont. Die Religion ist schon in die Ecke gedrängt, fristet ein Nischendasein. So erschien mir die Situation angedeutet. Und ich weiß nicht, ob das zu defensiv ist. Die skizzierte, angedeutete Religion ist dann nur noch das letzte, der übriggebliebene Rest, der Lückenbüßer zwischen den Atomrümpfen, den die Wissenschaft noch lässt. Aber wenn die Rede sich dann aufschwingt zum Lobpreis der Schöpfung, ist dann nicht schon ein ganz anderer Modus möglich, ein Triumphton, das Hohe Lied?

      Ich schätze mir geht es ähnlich wie Herrn Keuschnig, dass ich dem Prediger nicht sehr weit folgen kann. Nicht so sehr weil man in der heutigen Zeit lieber iphones hinterherfolgt als Sandalen, sondern weil ich mir in meinen Glauben nicht hineinquatschen lassen will, weil er mir so ‚heilig‘ ist, dass ich ihn nicht an eine Institution delegieren möchte, die mir dann von außen sagt, wie er sein sollte. (Das einzelne mystische Erlebnis hat ja auch schon dieses Problem, dass es gerade beansprucht nach außen nicht adäquat darstellbar zu sein. Sollte der Pastor also auch schweigen?)

      (Ein paar Druckfehler warn mir aufgefallen – „Wie zufällig stolperte ich IN diese Kirche“ S. 1. „Ein jeder von Ihnen hat…“ S.2 oben – „.. es ist nicht neu und manchmal denke ich, dass es eine jeNer Fragen“ S. 2 unten)

      • metepsilonema 9. Februar 2012 um 6:04 pm

        Fragilität und Bedrohung? Wo, z.B.? Ich weiß gerade nicht was Du meinst.

        Das Wunderbare, Unbegreifliche macht doch redend! Hätte Buddha schweigen sollen? Jesus? Oder irgendein Prophet? — Es drängt ja über einen selbst hinaus.

        Das Delegieren an eine Institution verstehe ich gar nicht. Entweder habe ich völlig versagt oder der Text lässt sich tatsächlich so lesen.

        Danke für die Fehlerhinweise, ich werde sie mir ansehen.

      • Globo Rentziker 9. Februar 2012 um 8:58 pm

        Meine Einlassungen sind wahrscheinlich mal wieder sehr unscharf. ‚Fragil‘ war wirklich schon zu viel, bzw. möglicherweise hineininterpretiert. Es bezog sich auf die vereinzelten Hinweise auf die heutige Zeit; „Nichts, als stumpfe, übersättigte Tage.“

        (Das mit den Institutionen bezog sich überhaupt nicht auf den Text, das ist nur persönliches Empfinden)

      • metepsilonema 9. Februar 2012 um 10:46 pm

        Ich glaube ich weiß jetzt was Du mit Fragilität und Bedrohung meinst, das kann man durchaus so lesen — „bleibende“ allerdings auch anders.

        Aber warum dem Pater nicht folgen? Inwiefern quatscht er wo hinein? Das interessiert mich jetzt. Oder liegt es am Ton, dass überhaupt noch einer eine Predigt wagt (dann könnte man das entgegnen)?

    • Gregor Keuschnig 10. Februar 2012 um 10:14 am

      @metepsilonema
      Vielleicht habe ich mich nur ungenau ausgedrückt. „Mit Bedeutung versehen“ meint: Einen Sinn zusprechen, und sei er noch so rational begründet und vielleicht sogar experimentell nachgewiesen. Zum Beispiel die Evolutionstheorie: Sie ist nicht nur Beschreibung dessen, was Darwin (und die anderen) erforscht haben – sie ist auch Vermittlung von so etwas wie „Sinn“. Eine der Fragen der Naturwissenschaften ist ja „Warum“. Die Religion macht einen Fehler, wenn sie auf diese Fragestellung einlässt wie beispielsweise in der Theodizee. Sie versucht dann die Verwissenschaftlichung des Mytischen, des Göttlichen. Natürlich ist es einfach mit der Unhintergehbarkeit von Gottes Plan eine Erklärung zu verweigern – das darf auch nicht die Erklärung sein. Wenn ich sage, dass ich dem Prediger zunächst folge, dann hat das mit der Antwort zu tun, die zunächst (wenn ich es richtig verstehe) ins Phänomenologische abgleitet. Die „Affirmation“ der Welt hat ja den einen Zweck, die Frage der Theodizee auf die Verantwortung des Menschen zurück zu weisen. Aber dann muss er trotzdem wieder ein Interpretations- und vor allem Imperativ-Gebilde entwickeln und appelliert an ein Leben in der Stille, in der dann Gott zu finden sei. Dies ist genau das, was zunächst versucht wird, zu vermeiden. Was zu Beginn als eine Art von Versuch daherkommt, Gott in das Reich des Undurchdringlichen „auszulagern“, wird dann wieder als Heilsversprechen über die Hintertür eingeführt.

      Das ist m. E. kein Fehler, der in diesem fiktionalen Prosastück steckt. Oder, anders gesagt: Es ist ein Widerspruch, der jeder religiöser Textur innewohnt. Man kann nicht aus den Reflexionen über das Undurchschaubare austreten – ansonsten würde sich Religion fast überflüssig machen (oder in den „naiven“ Kinderglauben einer „Gottgefälligkeit“ abgleiten – hierin liegt dann auch eine gewisse Versuchung).

      • metepsilonema 10. Februar 2012 um 11:08 pm

        Gründe wird die Naturwissenschaft keine liefern, nur Ursachen. Warum gibt es Gravitation? Keine Ahnung. Sie ist einfach da. Punkt. Allerdings man versteht recht gut wie sie wirkt. Es gibt Theorien über die Entstehung unseres Planeten, unserer Welt, des Universums. Gut. Aber warum Seiendes ist und nicht vielmehr nicht? Wiederum: Keine Ahnung. Es ist eben so. Natürlich macht die Evolutionstheorie eine Ursachenerklärung wie „es gibt den Menschen, weil Gott ihn schuf“ (und damit auch den Versuch dieser Sinnstiftung) obsolet, aber eigentlich verschiebt man das Problem nach hinten: Die Sinnfrage aber bleibt.

        Die Religion kommt an der Theodizee nicht vorbei, außer durch negative Theologie vielleicht. Wenn Gott gut ist, warum gibt es Leid, das fragt man sich recht bald und darauf will der Gläubige (berechtigter Weise) eine Antwort. — Ich fühle mich gerade sehr versucht meinen Text zu interpretieren, ich glaube aber, dass ich das nicht tun sollte.

        Kannst Du vielleicht noch mal kurz ausführen (eventuell anhand einer Textstelle) was das Heilsversprechen ist, das über die Hintertür eingeführt wird (mir ist noch nicht klar was Du damit meinst)?

  3. Gregor Keuschnig 10. Februar 2012 um 10:20 am

    @Phorkyas
    Sehr schöne Formulierung: weil ich mir in meinen Glauben nicht hineinquatschen lassen will, weil er mir so ‘heilig’ ist, dass ich ihn nicht an eine Institution delegieren möchte.

    Dabei nehme ich den Prediger gar nicht derart stark als Vertreter einer Institution wahr. Es sei denn, man denkt das Setting auch gleich mit (in der Kirche; die Kanzel, etc). Ich muss in diesem Zusammenhang immer an Bilder aus Gottesdiensten aus Südamerika oder auch Afrika denken: dort tanzen fröhliche Menschen in den Kirchen. Ich glaube (sic!), dass der Glauben bei diesen Menschen wesentlich fester und gleichzeitig unprätentiöser ist. Bei uns wirkt Religion enorm streng, ritualisiert fast wie verordnet (noch schlimmer: diese missionarische Inbrunst der Evangelikalen in den USA).

    • metepsilonema 10. Februar 2012 um 10:41 pm

      Es gibt unterschiedliche Ausprägungen (-formungen, Schwerpunkte) von Religiosität, die sich z.B. auch in der Kirchenmusik zeigen. Im deutschsprachigen Raum (wohl aber auch darüber hinaus) sind sicherlich die ernsten Schattierungen vorherrschend: Freude, Heiligkeit, Weihe, Glorie, Hingabe,… Andererseits: Ich verstehe jeden Geistlichen oder Gläubigen, der sagt: Es ist mir ernst damit.

      In unseren Zeiten hat es eine Religion, die sich selbst ernst nimmt (will sagen: eine ernst grundierte Religiosität vermittelt), alles andere als einfach. Und sie hat sich wohl auch ein Stück weit verrannt — Du hast völlig recht, in diesen fröhlich (ekstatisch!) tanzenden Menschen liegt etwas Bewundernswertes. Ich kann das nicht belegen, glaube aber, dass es das im Sinn einer Tradition bei uns nie gab (insofern kann man auch nicht sagen, dass etwas verloren gegangen ist; man könnte aber sagen, dass die Kirche sich zumindest in dieser Hinsicht hätte verändern müssen).

      Junge Menschen würde eine solche Religiosität wohl erreichen können — die Gretchenfrage wäre: Warum kommen sie? Weil es lustig ist? Oder weil Gott mit dieser Lustigkeit ursächlich in Verbindung steht (oder sie ihn darin entdecken)?

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