In allem:

Ein Hauch von Literatur. — Das zumindest!

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28 Antworten zu “In allem:

  1. blogozentriker 20. Februar 2012 um 5:16 pm

    Wäre Genauigkeit nicht eine größere Tugend? So klingt’s ein bisschen nach Pose und Bluff. Nach Rasierwasser.

  2. muetzenfalterin 20. Februar 2012 um 5:26 pm

    Was ist denn Genauigkeit? Ist Genauigkeit etwas das man austauschen kann gegen Literatur? Geduld halte ich für eine Tugend, Genauigkeit als Folgeerscheinung von Geduld, von genauem Hinsehen mag ich sehr. So für sich klingt es irgendwie zu hart, wie das Gegenteil von Spiel.

  3. blogozentriker 20. Februar 2012 um 5:56 pm

    Nee, Genauigkeit ist vielleicht eher das Herz von Literatur. Ich habe die Härte absichtlich gesetzt gegen die Wolkigkeit des Ausspruchs. Beides tut natürlich Not, oder?

    • muetzenfalterin 21. Februar 2012 um 10:14 am

      Was meinst du denn mit Wolkigkeit?
      Und ich weiß immer noch nicht was du mit Genauigkeit meinst, gerade wenn es das Herz der Literatur sein soll. Ich glaube nicht, dass man das Herz der Literatur erklären und benennen kann, schon gar nicht mit einem Ausdruck der für alle passt.

      • blogozentriker 21. Februar 2012 um 10:24 am

        Liebe muetzenfalterin, beim Hinweis auf „Genauigkeit“ habe ich an Büchner gedacht, wie er für seinen LENZ kritische Quellenkunde betrieben hat. Ich glaube, es geht bei Literatur nicht darum, Verfahren zu imitieren (also so zu schreiben wie Brodkey, Brodsky oder Brod), sondern es geht darum, über die Genauigkeit zu einer eigenen Wahrnehmung (auch Eigenwahrnehmung!) vorzustoßen.

        • muetzenfalterin 21. Februar 2012 um 10:31 am

          Vielen Dank für diese Erläuterung. Ja, diese Art Genauigkeit, Genauigkeit der eigenen Wahrnehmnung, das kann ich voll und ganz unterstreichen, das ist tatsächlich ein Kernstück, vielleicht sogar das Herzstück der Literatur. Ich hätte es vermutlich anders genannt, aber nach dieser Erklärung leuchtet es mir völlig ein.

      • blogozentriker 21. Februar 2012 um 10:34 am

        Wie hättest DU es genannt?

      • blogozentriker 21. Februar 2012 um 11:17 am

        Mitleidlosigkeit? Wäre das die Richtung? In den Stahlgewittern des Wortes die Schwerter halten gegen die Stunde der Welt, den Blick kämpferstark nicht abwenden von den düsteren Nebeln des Verhängnisses? — Diese paramartialischen Wortwahlen kommen aber nur daher, dass man vom Literaten gemeinhin Wolkigkeit erwartet, unpräzises Bemänteln, das ewige Schönreden und Schönsehen. Geburtstagsreden. Lausige Elogen. Ich glaube, dass im Gegenteil aber kaltblütige Präzision angezeigt ist. Poetik darf der Quantenmechanik in puncto hingebungsvoller Genauigkeit, Unbegreiflichkeit und Bizarrerie nicht nachstehen!

      • muetzenfalterin 21. Februar 2012 um 11:43 am

        keine Ahnung, warum ich jetzt nicht mehr unter deinem Kommentar antworten kann, aber es stimmt. Mitleidlosigkeit trifft es sehr gut. Genau das habe ich gemeint, man darf keine Angst um sich selbst habe, keine Angst vor der Wahrheit, die erst beim Schreiben herauskommt, da darf man weder auf sich noch auf andere Rücksicht nehmen, wenn es Literatur sein soll. Keine zweite hat mir das so verdeutlicht, wie die unvergleichliche Marguerite Duras.

      • muetzenfalterin 21. Februar 2012 um 11:43 am

        bin ja doch dort gelandet, wo ich hinwollte.

      • metepsilonema 21. Februar 2012 um 3:49 pm

        Ich mische mich ganz unhöflich in die interessante Auseinandersetzung ein: Zustimmung zu dem was ihr über die Genauigkeit feststellt. Aber warum Rücksichtslosigkeit? Warum Mitleidlosigkeit? Nur weil man hinsieht ohne den Kopf abzuwenden? Ist diese geradezu demonstrative „kalte Präzision“ nicht eigentlich dieselbe Mär wie die Schönfärberei? Dass Blogo ausgerechnet Jünger bejubelt ist schon eigenartig!

        Im Übrigen sind Literaten immer Schönredner, weil sie etwas erfinden und sich nicht mit dem zufrieden geben was ist, also eine Art Ideal eines konkreten Falls anstreben (eben: erfinden).

      • muetzenfalterin 21. Februar 2012 um 4:37 pm

        ich möchte das gerne erklären mit der rücksichtslosigkeit und mitleidslosigkeit, denn für mich sind das voraussetzungen für die genauigkeit, für mich sind das sogar die voraussetzungen, um überhaupt literatur zu machen. wie gesagt ist die duras mein absolutes vorbild und die frau, die mich erst zu dieser überzeugung gebracht hat. kann man wirklich zu einem kern vordringen, ohne rücksichtslos ehrlich zu sein? gibt es nicht immer wieder diese rücksichten, die im weg stehen, sich selbst und andere nicht zu verletzen? und dann kommt etwas gefälliges heraus, vielleicht auch etwas schönes, aber nichts notwendiges. Ich habe mal an anderer Stelle diesen Satz über die Duras geschrieben; den ich hier zitieren möchte, weil ich glaube, besser kann ich es nicht ausdrücken: „Ich werde es aufschreiben, wird Marguerite Duras sich gesagt haben, das ist die einzige Möglichkeit, nicht mit allem unterzugehen. Und das ist der Unterschied zu den meisten, nur mittelmäßigen, nur handwerklich meisterhaften, Büchern, dass hier von Anfang an jemand spricht, weil es die einzige Möglichkeit ist, zu überleben. Nicht weil er gehört werden will, und ich nehme mir das Recht, so etwas zu behaupten, ohne etwas über die Frau Marguerite Duras zu wissen, was sie nicht selbst in die Bücher, die ich bis jetzt von ihr gelesen habe, geschrieben hat, weil es die einzige mögliche Art für mich ist, ihre Sätze zu lesen. Ich habe keine Wahl. Es ist so natürlich und notwendig, wie immer wieder Atem zu holen.“ Vielleicht ist der Satz auch aus dem Zusammenhang gerissen nicht verständlich, es ist schwer für mich das nachzuvollziehen, weil es für mich so selbstverständlich ist.
        Erfinden schon, aber es kommt auf den Rahmen an, den man sich zum Erfinden setzt, wem die Grenzen dienen, einzelnen Personen und Interessen oder der Sprache. Ich weiß das klingt pathetisch, vielleicht klingt es auch naiv und überheblich, aber all das muss Literatur ja auch sein.
        Danke für dieses schöne Gespräch. Und hoffentlich rede ich nicht zu viel ;-)

      • blogozentriker 21. Februar 2012 um 4:58 pm

        Ernst Jünger und mich, mete, verbindet nun mal die Erfahrung, Handgranaten werfend durch den Schützengraben zu hechten. Wer das selbst nie erlebt hat, dem Gevatter Tod eins auszugrinsen, herumgeschleuderten Gliedmaßen auszuweichen und am Stahlhelm zu knabbern, wenn der Hunger zum ärgsten Feind wird — wer all das nicht aus eigener Erfahrung kennt, der wird meine Faszination natürlich als perversen Flirt mit dem Nihilismus abtun.

      • metepsilonema 22. Februar 2012 um 7:36 pm

        Die Bellizisten Jünger und Blogo: Spürst Du das, wenn Du diesen kurzen Satz liest? Mit dem Ende stimmt etwas nicht und ich nehme Dir den Bellizisten nicht ab, obwohl ich zu wissen glaube, was Du meinst.

      • metepsilonema 22. Februar 2012 um 7:51 pm

        @Mützenfalterin
        Zu viel reden nur die, die keinen Zusammenhang wahren, also keine Angst!

        Es hängt doch an dem was notwendig ist. Ist es die Wahrheit? Darauf läuft Dein Gedankengang doch hinaus? Darauf, dass sich ein Kern erkennen lässt, dass wir wissen was er ist (und wiederum wundert mich, dass Blogo gerade auf diesem Dampfer anheuert). Mich erinnert das an Bachmanns Satz, dass die Wahrheit dem Menschen zumutbar ist. Rückgefragt: Ist diese Arroganz eigentlich zumutbar? Ist es nicht ehrlicher von einer stimmigen innerlich logischen Erzählung zu sprechen?

        Ich kann die Notwendigkeit etwas aufschreiben zu müssen gut nachvollziehen. Aber das heißt nichts. Außer Literatur und Therapie wären dasselbe. — Was ich an Deinem Selbstzitat nicht verstehe ist das „mit allem untergehen“ und der Sprung zum „überleben“. Das sind doch zwei paar Schuhe.

        Das Erfinden hängt immer an irgendetwas persönlich Erlebtem als Ausgang und zielt ins Allgemeine (behaupte ich einmal).

      • blogozentriker 22. Februar 2012 um 10:10 pm

        @mete: Natürlich, reines Rollenspiel, von Platon in der Rolle des Sokrates als „Ironie“ hochphilosophiefähig gemacht! (Oder bringe ich wieder mal alles durcheinander?) Ich bin KEIN Ernstjüngerist. Mir reicht es schon, dass ich nicht jünger werde.

      • metepsilonema 22. Februar 2012 um 10:40 pm

        @Blogo
        Ich weiß! Das wollte ich damit zum Ausdruck bringen.

      • metepsilonema 22. Februar 2012 um 10:42 pm

        @mützenfalterin
        Ein knapper Nachtrag noch: Was sagt die Genauigkeit als Herz der Literatur denn, wenn wir uns überlegen, dass man das genauso gut von der Wissenschaft behaupten kann? Eben!

  4. metepsilonema 20. Februar 2012 um 9:33 pm

    Der unspontanste Schreiber dieser Welt bringt etwas Spontanes „zu Papier“ und der spontanste aller Schreiber liest es: Ist Dir da zu viel an Interpretationsspielraum?

    Ein Bluff vielleicht für den Leser, für mich ging es zu schnell, da war keine Zeit dazu, auch nicht für Rasierwasser und Pose.

    Wolkigkeit gefällt mir da schon viel besser. — Die Kritik tut Not, ja und danke.

    Was wäre, wenn man das „Das zumindest.“ streicht? Besser?

    • blogozentriker 21. Februar 2012 um 10:26 am

      Heißt das dann aber: „In allem befindet sich schon der Kern zu einer poetischen Ausarbeitung“? Oder: „In alles muss man ein poetisches Fluidum hineinlesen, wie durch eine Froschaugenlinse, die man vor die Kamera schnallt“? Oder: „Die Leute haben so viel gelesen (und gesehen), dass sie sich immerzu ein bisschen wie literarische (filmische) Gestalten verhalten“?

      • metepsilonema 21. Februar 2012 um 3:40 pm

        Nachdem der Satz da war, habe ich mich das auch gefragt: Heißt das nun, dass alles im Ansatz schon immer poetisch ist oder man sich (als Person) so verhält (verhalten sollte). Also ähnlich wie bei Dir die Möglichkeiten 1 und 2. Nur auf 3. bin ich nicht gekommen.

  5. blogozentriker 21. Februar 2012 um 3:46 pm

    Spontan läse ich Deine ja stark literarisierte Bemerkung erst einmal 3. Gewissermaßen als einen mit Selbstironie-Assistenten ausgestatteten Satz.

  6. muetzenfalterin 23. Februar 2012 um 10:07 am

    Ich glaube nicht an eine Wahrheit, nicht diese Art von z.B. mathematischer Wahrheit und selbst wenn wäre das nicht gemeint, ich glaube Wahrheit war überhaupt das falsche Wort, es geht um Notwendigkeit und in diesem Zusammenhang um Wahrhaftigkeit. Die Wahrhaftigkeit passt häufig nicht in einen einzige stringente und überprüfbare Wahrheit. Trotzdem ist Bachmanns Satz richtig. Alles andere Schreiben ist Therapie. Die Wahrheit ist vielleicht nicht einmal so sehr dem Leser zumutbar, sondern dem Schreiber. Die Duras hat über ihre Widerstände und Rücksichten hinaus geschrieben, deswegen ist alles groß, was sie geschrieben hat. Ich kann mir einen Plot ausdenken und Figuren und sie verschiedenen Situationen aussetzen und wenn ich merke, da sind Widerstände, da komme ich nicht weiter, kann ich versuchen das handwerklich anzugehen, oder der Geschichte eine neue Wendung geben, aber ich kann auch versuchen in diese Schwierigkeit hineinzutauchen und die Widerstände auszuhalten, weitermachen, auch wenn das jetzt blöd klingt, aber ich kann es gerade nicht besser formulieren; mir weh tun, und meine Wahrheit aushalten, dann wird etwas Wahrhaftiges auf dem Papier stehen. Insofern ist das Eintauchen und Untergehen ein Moment, in dem man sich seinen dunklen Seiten stellt, und was danach geschrieben auf dem Papier steht, kann genauso gut etwas Ausgedachtes sein, aber es wird wahrhaftig sein und biografisch ist sowie alles, auch das Fiktive, das hat Simenon schließlich schon gesagt.
    Die Wissenschaft hat Instrumente, oder erfindet sie sich, um das Unbekannte kennen zu lernen, zu erforschen, ihm seine Geheimnisse zu entlocken. Der Schriftsteller hat nur die Sprache, seine Beharrlichkeit und im besten Fall den Mut wahrhaftig zu sein.

    • metepsilonema 23. Februar 2012 um 2:50 pm

      Ich kann jetzt sehr deutlich sagen, was sich mir nicht erschließt: Den Zusammenhang von Notwendigkeit und Rücksichtslosigkeit zu verallgemeinern, so dass er für Literatur konstitutiv wird. Das mag für die Duras so sein. Aber für andere ist etwas anderes notwendig.
      Ich schreibe eigentlich nie über etwas, das mir nicht notwendig ist, in dem Sinn, dass es mich beschäftigt. Und während des Schreibprozesses erhält es eine Form und einen Inhalt der noch in einem bestimmten Zusammenhang mit dem ursprünglichen Gedanken, der ursprünglichen Skizze steht. Die Notwendigkeit zeigt sich darin, dass es einen Anstoß gab, der mich dazu brachte es aufzuschreiben (solche Skizzen können lange liegen bleiben, manche wohl auf ewig) und mich damit zu beschäftigen. Aber notwendig ist dabei keine Selbstverletzung (vielleicht ist sie das für andere). Ich möchte mich damit nicht zum Literaten erheben oder mit der Duras vergleichen, aber die Notwendigkeit sagt, das ist mein Punkt, noch nichts über das „was“. Das soll wiederum nicht heißen, dass man sich nicht in Widerstände hinein begeben soll.

      Womit ich mir zum Beispiel sehr schwer tue, ist das, wenn ich es recht verstehe, was Du als handwerklich bezeichnest, also einfach irgendetwas ohne persönliche Verankerung zu erfinden. Und zur Therapie, noch: Ich glaube es gibt da keine Trennung, und viele Schriftsteller haben wohl verarbeitet, aber dabei

    • metepsilonema 23. Februar 2012 um 9:05 pm

      Ergänzend: Widerstände auf die man selbst stößt, sagen noch nichts zwingend darüber, ob der Text etwas für andere zu bedeuten vermag.

      Ja, es gibt unangenehme, verdrängte Wahrheiten. Es ist wichtig sie anzusprechen, aber sie sind deswegen nicht wahrer oder weniger wichtig, als die die man vielleicht schön nennt und die bislang unbemerkt geblieben sind — all diese Zuschreibungen entstehen doch erst beim Rezipienten und sind, wiederum, nicht für alle gleich.

  7. muetzenfalterin 24. Februar 2012 um 11:39 am

    Was es mir schwermacht zu antworten, ist die Tatsache, dass wir offensichtlich einen grundlegend unterschiedlichen Zugang haben. Du argumentierst sehr aus einer analytischen, durchdachten Perspektive, die mir beim Schreiben und Lesen eher fremd ist. ich glaube zu verstehen, dass Du eher von diesem Typ Schriftsteller redest, der recherchiert, analysiert und sich auf diese Weise mit Widerständen und Fragen auseinander setzt (ein wunderbares Beispiel, wie dabei hervorragende Literatur entstehen kann, ist für mich Joan Didion). Das ist tatsächlich ein grundsätzlich anderes Verfahren als bei Maguerite Duras, aber letztendlich ist es immer die Sprache. Wer es schafft, sie zum blühen zu bringen, ihr den Raum zu geben, sich ganz und gar zu entfalten, bei dem ist es gleichgültig (nicht egal!), wie die Herangehensweise war.
    Danke für den Input und den Link, vielleicht kann ich später noch ausführlicher darauf eingehen.

    • metepsilonema 24. Februar 2012 um 2:38 pm

      Du wirst lachen, das ist sie mir beim Schreiben auch, jeder meiner Texte ist sehr lange einfach Chaos. Ich dachte auch nicht an Schriftstellertypen, da ihr (Blogo und Du) ja von Literatur im Allgemeinen spracht. Mir ist nur nicht ganz klar wie ihr das meint, deshalb die Herangehensweise.

      Mir ist noch eine andere Idee gekommen: Vielleicht hat das sich-in-Widerstände-hineinbegeben seine Ursache darin, dass Widerstände kreativitätsfördernd sind (sein können) und Literatur deshalb oft ihren Ursprung von dort nimmt.

      Wir können je einfach pausieren und bei Bedarf fortsetzen. — Danke, jedenfalls!

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