Zur Verteidigung der Frage nach dem Sinn und dem Ich

Die Radikalität einer Frage zeigt sich an den Formen ihrer Abwehr, und zwar: Ihrer beständigen Abwehr. Am besten, sie wird erst gar nicht gestellt. — Drängt sie sich dennoch in den Vordergrund, macht man sie lächerlich oder schiebt sie dunkel-verächtlich zur Seite: Wozu die Mühe, sie wird ohne Antwort bleiben!

Der Irrtum ist folgenschwer und doppelt: Dass sie derart plötzlich in Erscheinung tritt, verweist auf unser Unbewusstes und darauf, dass möglicherweise eine Korrektur vonnöten ist, dass wir entgegen unseres Selbst leben, aber die Widerstände von Körper und Geist verdrängen: Verkleidet, erscheint in unserem Bewusstsein eine Eruption in sprachlicher Form, wie ein Bote, der auf einen verborgenen Herd von Glut deutet, ihn aber nicht benennen kann. Die Unstimmigkeiten sind groß, so, dass sie einer Notbremse gleich, alles in Frage stellen: Es wäre geboten zu halten.

Der zweite Irrtum betrifft die Unbeantwortbarkeit unserer Frage. Diese macht sie nicht wertlos, sondern, im Gegenteil, bedeutsam, zu einem Mittel von Erkenntnis und Kritik, denn sie wird, auf immer, das, was wir sind oder tun, durchstoßen, zertrennen und die Fetzen noch mit dem Nichts kontrastieren: Das ist gerade das Gegenteil von Bürgerlichkeit, ein Stachel in unserem Fleisch, der immer schmerzen wird.

Drittens, lässt die ihr verwandte Frage nach dem Ich, dieses deutlicher hervortreten und unser Handeln für Glück, für Freiheit und vielleicht Schöpfung, empfänglich machen.

* * *

Angestossen durch diesen Text.

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16 Antworten zu “Zur Verteidigung der Frage nach dem Sinn und dem Ich

  1. tom-ate 26. Februar 2012 um 12:44 pm

    Dass man die Frage abwehrt oder lächerlich findet, kann ich schon verstehen. Ist sie doch für viele auch ein (schmerzliches?) Echo eigener Vergangenheit. Man hat sich wahrscheinlich schon im frühen Jugendalter, den Steppenwolf lesend, damit herumgeschlagen und möchte nun an die (notwendigen?) Fehlschläge, sie zu beantworten, nicht mehr erinnert werden.

  2. Phorkyas 26. Februar 2012 um 11:41 pm

    Der erste Zusammenhang erschließt sich mir noch nicht: Eine Frage könnte doch auch beständig zurückgewiesen werden, weil sie z.B. unsinnig ist oder aus tausend anderen Gründen?

    Worin liegt denn der Irrtum, im Zurückweisen ‚der‘ Sinnfrage? (Vom ersten zum dritten Absatz, wird aus „einer“ Frage übrigens „die“ Frage – hier wollte ich Douglas Adams 42-Kritik schon anbringen: *die* Frage schon ist nicht klar und wird hier auch gar nicht gestellt. Könnte sie auch lauten wie viele Inches es bis zur Bierdosenkühlfach sind?)

    [Ich höre da auch einen Tenor heraus, dem ich wahrscheinlich zustimmen würde: dass diese Sinnfragen tagtächlich-alltäglich unterdrückt werden,.. weil wir funktionieren sollen/wollen und so geht uns einiges an Sinn und Erfüllung abhanden, vielleicht alles… Aber noch konnte ich deinem Post nicht so ganz folgen – kann aber auch daran liegen, dass ich meinem Hirn ein bisschen zu viel Go-Spiel draufgebrutzelt habe..]

    • metepsilonema 27. Februar 2012 um 3:12 pm

      Wenn sie offenkundig unsinnig ist, dann lässt man sie oder sie bleibt ohnehin auf der Strecke? Befürchtet man nicht eher, dass die Frage treffen könnte und weist sie deshalb zurück? Erinnert man sich an ihre Treffer aus vergangenen Tagen?

      Deinen Einwand mit „einer“ und „der Frage“ kann ich nicht nachvollziehen, oder meinst Du das semantisch?

      Tagtäglich unterdrückt: Vielleicht in dem Sinn, dass man zu wenig fragt was man eigentlich wollte und womöglich zu spät bemerkt, dass viel Zeit in Leerläufe vergeudet hat.

      Wenn Du etwas nicht nachvollziehen kannst, dann kann das auch an meinem Text liegen.

      • Phorkyas 27. Februar 2012 um 5:00 pm

        …oder an meinem Kommentar. Jetzt erscheint mir mein Kommentar deutlich schwerer nachvollziebarer als dein Text… daher überlasse ich mal den anderen das Feld – leider etwas meschugge momentan, mein Ich.

  3. blogozentriker 27. Februar 2012 um 10:11 am

    Was ich mich den ganzen Abend gestern über gefragt habe: Warum bezieht dieses Staunen sich auf das ICH? Ist es nicht sehr viel rätselhafter, wenn man sich die Frage stellt, warum alles sich so entwickelt hat, wie es sich entwickelt hat? Steuergesetzgebung, z. B. Ist deren labyrinthische Existenz nicht im Grunde sehr viel rätselhafter als die Existenz meiner Person? Ist das natürliche Empfinden nicht: „Gut, wenn es Jakarta gibt und mich — dann finde ich MEIN Dasein weniger bizarr als das einer globalen Schande wie des indonesischen Giftmolochs“? Gibt es in uns nicht eine prinzipielle Bereitschaft, das Dass, Heideggerisch gesprochen, anzuerkennen ohne großes Nachfragen, sehr wohl bei den Modalitäten aber ein bisschen nachhaken zu wollen? Ein bisschen klingt für mich aus „DER FRAGE“, wie Du es sehr pathetisch nennst („Warum bin ich hier?“), die Larmoyanz des 16-jährigen Großmauls heraus (Vater Arzt), das gerade seinen ersten Joint geraucht hat. So im Stil von: „Hey, Universum, jetzt mal unter uns …“

    • tom-ate 27. Februar 2012 um 10:53 am

      Die Entstehung der Steuergesetzgebung liesse sich mit einigem Aufwand ziemlich klar darstellen, ebenso die Entwicklung einer Stadt. Den Historikern, Soziologen, Juristen und Geografen oder wen man auch immer dazu befragen wird, fehlt bei dieser mühseligen Arbeit überhaupt jegliche Möglichkeit irgendwie pathetisch zu werden.

      Pathos ist genau dann angesagt, wenn das Phänomen DU selbst bist. Moleküle, beschissene Moleküle, die eben nicht nur da sind und funktionieren mit ihrem Stoffwechsel, sondern Fühlen, Denken, Bewusstsein haben. Und DU bist mitten drin. Noch kein Mensch hat auch nur annähernd dieses Rätsel gelöst. Wie aus Materie Bewusstsein wird. Oder vielleicht umgekehrt? Pathos und Demut reichen sich genau hier die Hand.

    • metepsilonema 27. Februar 2012 um 3:32 pm

      Ich staune immer wieder über die alltäglichsten Kleinigkeiten, ein Grasbüschel, ein Haus, einen Baum … warum nicht auch über die Steuergesetzgebung? Wenn ich darüber nachdenke sind es aber immer konkrete Dinge oder Phänomene, weniger Abstraktheiten über die ich in Erstaunen gerate. Und das Stauen entzündet deutlich am Sein, weniger oder nicht am Werden.

      Warum das Ich? Erstens ist es die Instanz die vordergründig existiert und zweitens diejenige die erkennt, erfährt, staunt und fühlt (das hat tom-ate schon ausgeführt).

      Im Fall des Alltags gebe ich Dir recht, da nehmen wir vieles als gegeben hin und wollen eher das „wie“ ändern. Aber die Sinnfrage — ja, sie ist pathetisch und was wäre falsch daran, das Pathos einmal zu belassen? — ermöglicht eine Art Ausstieg, sie fragt was hinter alledem ist, was ich normalerweise als gegeben hinnehme, warum ich überhaupt tue was ich eigentlich tue. Sie verneint die Welt nicht, sie verlangt bloß nach einer Antwort.

      Ja, wenn Du so willst ist sie, gleichsam mit Sisyphos gesprochen, Überheblichkeit, menschlicher Größenwahn. Aber zu dem bekenne ich mich.

  4. blogozentriker 27. Februar 2012 um 11:02 am

    Aber ist das eigentliche Rätsel nicht, dass ich, in dieses Ungeheure geschleudert, das das Leben ja tatsächlich ist, WAS tue? Ich verfertige eine Steuergesetzgebung. Oder einen Roman. In einem tödlichen Meteoritenschauer singe ich Verse. Bei Dürre schlachte ich Mitmenschen auf einer Pyramide. Vielleicht ist das das Unkommunizierbare: Ich finde den Satz: „Das lässt sich doch alles leicht herleiten“ vollkommen irre! Allein schon, dass es Historiker gibt! Juristen! Die von anderen dafür am Leben erhalten werden, dass sie die Geschichte der Steuergesetzgebung rekonstruieren. Ist das NICHT verrückt? Nicht rätselhaft? Nicht zum Staunen? Nur weil man uns gesagt hat: „Nee, nee, dafür gibt’s ja gute Gründe“? Warum darf meine Hysterie sich nur an mir selbst entzünden, Tom?

    • tom-ate 27. Februar 2012 um 11:39 am

      Vielleicht bin ich zu sehr auf die Evolutionstheorie eingeschworen? Das Spiel zwischen den Genen der hergeschleuderten Individuen und dem gnadenlosen Feedback der Umweltbedingungen bringt Verhalten notwendig in Gang. Insofern müssen alle tun (sich schützen, fortpflanzen, Fressvorräte horten, Fressen stehlen, Mundräuber totschlagen, die eignen Kinder lieben), sonst sterben sie aus. Eine Rüstungsspirale der Natur. Dass ich dann an einer neuen Steuergesetzgebung herumbuchstabiere, ist unserer durchaus bizarren Kultur geschuldet, die am vorläufigen Ende dieser Spirale ansetzt, die man aber doch beschreiben kann. Zugegeben ist unsere Kultur völlig irre. Was der Mensch aus seinen Möglichkeiten arbeitsteiligen Funktionierens macht, ist derart schräg, dass man sich natürlich frägt, ist nun die Evolution außer Kraft gesetzt? Können wir alles? Ungestraft? Nicht mal die Vogel-, Schweine- oder Rüsselkäfergrippe haut uns aus der Bahn. Nun, ich befürchte, wir hauen uns dann selbst aus der Bahn. Und ist das denn nicht die Konsequenz einer Rüstungsspirale? Ruwenda: „Ja, das ist alles in uns und deswegen können wir es auch außen entdecken.“ Das Staunen kann überall ansetzen, einverstanden. Aber es bleibt auch, wenn ich mich gedanklich völlig leer meditiere. Umgekehrt gefragt: Warum sollte ich gerade dies vermeiden? Mich im Hamsterrad zu sehen? Mich als Arschloch zu sehen? Damit habe ich doch wenigstens einige Illusionen beiseite geräumt.

    • metepsilonema 27. Februar 2012 um 3:38 pm

      Ich verfertige eine Steuergesetzgebung. Oder einen Roman. In einem tödlichen Meteoritenschauer singe ich Verse. […] Allein schon, dass es Historiker gibt! Juristen! Die von anderen dafür am Leben erhalten werden, dass sie die Geschichte der Steuergesetzgebung rekonstruieren. Ist das NICHT verrückt? Nicht rätselhaft? Nicht zum Staunen?

      Sprechen wir vielleicht, wider allem Erwarten, von derselben Sache? Zumindest kenne ich diese Art von Staunen auch.

  5. Lyriost 27. Februar 2012 um 4:05 pm

    „… mit dem Nichts kontrastieren …“ Das ginge nur, wenn das Nichts nicht nichts wäre, sondern etwas, aber dann wäre es etwas und nicht nichts. Also: Nichts ist mit dem Kontrastieren, mit dem Nichts als Kontrast. Das ist eine der Ungenauigkeiten (wenn man großzügig ist), die unser Reden zum Gelaber machen. Und auch das Ich ist doch alles andere als eine gesicherte Tatsache – denk ich mal, und darüber gilt es nachzudenken, und zwar ganz selbstverständlich, nicht verteidigungsbedürftig. Verteidigungsbedürftig dagegen ist das Nachdenken über Steuergesetzgebung als eine Albernheit abgehobener Zivilisation, so als würde man, den Kopf im Rachen des Löwen, über die richtige Zahnpaste nachdenken.

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