Kann Klarheit…

…noch poetisch sein?

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17 Antworten zu “Kann Klarheit…

  1. muetzenfalterin 29. März 2012 um 12:49 pm

    Ganz bestimmt lässt sich da was machen. Morgen, wenn ich wieder etwas mehr Zeit habe.

  2. muetzenfalterin 30. März 2012 um 2:18 pm

    Es gibt ganz viele Stellen, die ich anführen könnte, aber ich habe mich jetzt für diese entschieden:
    Hier, auf dieser Rundung
    Eine Linie traurig wie ein Verlangen
    Eine Frau rutschend wie eine Wurzel
    Also sind Adern Finger auf
    der Suche nach frischen Begierden
    Auf verbranntem Stein
    (Yvonne Vera)
    Für mich hat es etwas damit zu tun, die richtigen Worte zu finden, diejenigen, die nicht nur zutreffen, sondern treffen und darüberhinaus nichts zu sagen, sondern den Mut zu haben, die Stille zwischen den Wörtern stehen zu lassen.

  3. muetzenfalterin 31. März 2012 um 9:49 am

    Da bin ich noch einmal, ich glaube nämlich das Wort „Klarheit“, dieser Begriff ist etwas, das wir womögich unterschiedlich verstehen. Für mich ist das der Mut, so weit wie möglich vorzudringen zu dem, was unsagbar ist, was die große Verletzung ist, und da wo dieser Mut eingelöst wird, die treffenden Worte gefunden werden, erlebe ich eine Art Klarheit beim Lesen, die für mich Poesie ausmacht und ist.
    Das ist allerdings, ist mir klargeworden, eine andere Klarheit, als die, die alles benennt, die allem einen Namen gibt und sich als unumstößliche Wahrheit gibt.
    Was genau verstehst Du unter Klarheit (im Zusammenhang mit Poesie).

    • metepsilonema 2. April 2012 um 3:20 pm

      Tut mir leid, die späte Antwort. Für mein Verständnis ist Dein Beispiel oben das Gegenteil von Klarheit. Ich meine damit aber nicht etwas wie „spontanes Verstehen“ oder „einleuchtend“.

      Was versucht ein Dichter? Doch den Spagat Subjektivität nachvollziehbar zu machen. Literatur und Dichtung stehen in der Spannung zwischen dem Allgemeinen und dem Speziellen, dem Objektiven und dem Subjektiven.

      Ein klare Sprache hat als oberstes Ziel Nachvollziehbarkeit und Verständnis, sie möchte kritisierbar sein, verzichtet auf Schnörkel, Bilder, Metaphern, usw. — Popper ist ein Paradebeispiel für jemanden der sehr klar schreiben konnte.

      Klarheit strebt zuerst nach Intersubjektivität, das tut Dichtung nicht (was wohl ein Grund ist warum es zu bestimmten Texten sehr unterschiedliche Ansichten gibt).

      • muetzenfalterin 2. April 2012 um 5:05 pm

        Ich hatte das bereits geahnt, dass wir etwas unterschiedliches unter „Klarheit“ verstehen. Klarheit hat den Ursprung „hell“ steht in meinem etymologischen Wörterbuch und vielleicht deswegen ist Poesie für mich ein Paradebeispiel an Klarheit, weil sie leuchtet, weil sie Wahrheiten und Wirklichkeiten spiegelt.
        Die Spannung von der Du im Zusammenhang mit der Dichtung sprichst, sehe ich nicht. Ich weiß auch nichts mit dem „Spagat Subjektivität“ anzufangen.
        Und auch beim letzten Satz würde ich Dir widersprechen, Dichtung strebt sehr wohl nach Intersubjektivität, sie tut es nur auf eine sehr spezielle Weise, indem sie gnadenlos und rücksichtslos subjektiv ist.

      • metepsilonema 2. April 2012 um 10:04 pm

        Aber Dichtung gibt sich um der Intersubjektivität willen nicht selbst preis: Das lyrische Ich will und muss seinen Platz behalten, damit die Dichtung eine bleibt! Oder?

        Natürlich spiegelt Dichtung Wahrheit und Wirklichkeit, aber es gibt viele Texte, die mir erst klar werden müssen, wo ich lange suchen muss, eben weil sie ihre Subjektivität behalten. Ich meine damit nicht, dass Dichtung nicht leuchtet, nur, dass sie das nicht sofort tut und oft auf verschiedene Art und Weise.

        Nicht „Spagat Subjektivität“, sondern „den Spagat Subjektivität nachvollziehbar zu machen“ (nicht besonders formuliert).

        Die Subjektivität kann nur so weit gnadenlos sein, als sie von anderen verstanden werden soll.

  4. Phorkyas 1. April 2012 um 10:25 am

    Liebe mützenfalterin,

    so ähnlich würde ich den Begriff auch fassen wollen. Er ist dann für Dichtung unerlässlich. Warum griffe man überhaupt zum Wort, wenn es nicht etwas gäbe, das einen zur Erhellung treibt, das gesagt und ausgedrückt werden muss? Sei das erkannt manchmal auch unangenehme (Selbst-)Erkenntnis (deswegen: Erkenntnislust und -schmerz?).

    Mir scheint das eine Frage des Beiworts zu sein. Metes Ausgangspost assoziiert vielleicht wissenschaftlich zur Klarheit. Allerdings sehe ich in der Wissenschaft beinahe das gleiche Streben nach Klarheit. Als im 18. Jahrhundert unsere Gefühle in kühnen Bildern nur noch auf elektrochemische Vorgänge zurückgeführt wurden, so war das schon eine Herausforderung unseres Selbstverständnis und heute ist es ja nicht anders, wenn wir nur noch Datenverarbeitungsmaschine sein sollen, die sich selbst einrede, sie existiere und sei eben alles nur nicht eine ebensolche Maschine. (In der Aufklärung steckt viel Selbstherrlichkeit und auch der Herrschaftsaspekt, das möchte ich nicht aubstreiten, aber es hat auch etwas von Selbstdemütigung – Entsubjektifizierung?)

    Da sehe ich schon durchaus Parallelitäten: in dem Streben nach das (unendliche) Dunkle zu erhellen, seien die Mittel und Wege auch sehr unterschiedlich.

    PS. Leider war der Beitrag einmal schon weg und ich musste ihn noch einmal schreiben, dabei is er dann etwas anders geworden

    • blogozentriker 3. April 2012 um 12:47 pm

      Ist es nicht so, dass, ob Poesie oder Wissenschaft, das Behandelte etwas in uns anrühren muss, um „erhellend“ zu wirken? Die dunkelste Dichtung kann, weil ich sie in meiner Manier missverstehe, auf mich wirken wie ein Blitzstrahl; und die luzideste Abhandlung kann mich, allein aufgrund der Glasklarheit ihrer Logik, in höchster Konfusion zurücklassen. Ich glaube doch, dass eher diese epiphanische Qualität zur Diskussion steht, denn die Unterscheidung in teichtrübe Poesie und lichtstrahlhelle Wissenschaft. Als mathematisch Primitiver kann ich mit einer Beweisführung nicht das Geringste anfangen, empfinde jedoch eine Art von, sagen wir: Affinität zu den Überlegungen einer mathematisch grundierten Systemtheorie. (Die Analogien habe ich offenbar aus gänzlich unmathematischen Beobachtungen gezogen.)

      • phorkyas 3. April 2012 um 3:09 pm

        Mit der Klarheit assoziierte ich gleich Wiener Kreis oder Analytische Philosophie. Vor kurzem habe ich aber versucht Frege zu lesen und da fängt mein Schädel an zu summen – der ist wohl ähnlich klar oder genauso dunkel wie Heidegger für mich. Das ist wohl ähnlich wie deine luzide Abhandlung, die aber eben nicht luzide ist für dich. Muss die Unterscheidung wissenschaftlich oder nicht denn überhaupt gemacht werden; es kommt doch so nur darauf an, ob der Satz oder die Idee dich trifft. – Was fuer ein Bild von Wissenschaft oder Poesie haben wir denn ueberhaupt? Es gibt fuer mich immer noch einen wissenschaftlichen Ethos, den ich nicht vom Sockel stossen wollte: Dass die Erkenntnisse fuer jedermann zugaenglich und ueberpruefbar waeren. Der Jargon und die Blaehsprache, gegen die sich die muetzenfalterin wendet, waere in diesem Sinne gerade antiwissenschaftlich. Leider sind die wissenschaftlichen Communities wohl recht hermetisch: dieser Gedanke von Offenheit und Sachorientiertheit ist wahrscheinlich ein schoner Wunschtraum. Bei der Mathematik finde ich das aber z.B. faszinierend, da waere es ja einfach so, dass wenn irgendein Verrueckter am Koelner HBF die Riemannsche Vermutung bewiese und sein Beweis waere korrekt, so muesste und wuerde das wohl jeder akzeptieren.
        Poesie im Allgemeinen ist nicht teichtrueb und Wissenschaft nicht erkenntnishell. Es gibt bei beiden solche und solche.

      • metepsilonema 3. April 2012 um 3:11 pm

        Ich glaube Du hast recht. Dann könnte man weiter fragen, ob die Epiphanie auf jeweils anderem Weg entsteht.

      • metepsilonema 3. April 2012 um 3:17 pm

        Kaum jemand kann eine naturwissenschaftliche Arbeit überprüfen, schon der Methodik wegen nicht. Am ehesten Wissenschaftler im selben Fachbereich.

        Aber es stimmt: Dahinter stehen die Ideale von Reproduzierbarkeit, Nachvollziehbarkeit und Kritisierbarkeit. Und das wird auch zu verwirklichen versucht (aber es hat eben seine praktischen Grenzen).

  5. muetzenfalterin 2. April 2012 um 5:09 pm

    Dann hier vielleicht noch ein paar Worte zur Wissenschaft, was mich persönlich sehr schnell bei wissenschaftlichen oder „intellektuellen“ Disputen aussteigen lässt, ist die Tatsache, dass es eben für meine Begriffe so gar nicht gradlinig und „klar“ zugeht, sondern da geschieht ein sich Suhlen in Begriffen, ein Aufblähen von unterschiedlichen theoretischen Gebilden, eine Terminologie und eine Art Dinge auf viel komplizierte Art, als es notwendig wäre, zu sagen, die mich ausschließt und der ich nichts abgewinnen kann.

    • metepsilonema 2. April 2012 um 10:13 pm

      Ja und nein. Jeder Fachbereich oder jede Gruppe (egal ob Jäger oder Quantenphysiker) versucht sich durch ihren Jargon von anderen abzugrenzen; allerdings hilft der auch, weil er Definitionen und Verständnisse bereit stellt, die man benötigt um etwas wie Wissenschaft überhaupt betreiben zu können. Irgendwann wird allerdings die Kommunikation außerhalb des Fachgebiets über dasselbe schwierig.

      Ein Beispiel: Lateinische Artnamen unterliegen genauen und strengen Regeln der Nomenklatur, jede Pflanze und jedes Tier sind dadurch eindeutig beschreibbar. Deutsche Bezeichnungen unterliegen keinerlei Konventionen. Bedenkt man, dass es alleine ca. 300 000 Arten von Käfern gibt, wird das verständlich.

      Und am Rande: Alle Menschen haben ihre Stärken, Schwächen, Emotionen und Motivationen.

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