Ein Parkgespräch.

Beinahe sommerliches Wetter: Ein älterer Herr sitzt verkehrt auf einer Parkbank, also mit dem Rücken zu mir. Er betrachte Gras und Büsche, Tulpen und Flieder, während er in sein smart-phone spricht. Das macht es mir leicht. Aber erst nach einiger Zeit erkenne ich, dass er gar nicht telefoniert…

…so ist der Park immer Kultur und gleichzeitig doch Natur. Natur als Ausgangsmaterial seines Gestaltungsprozesses, geformt, aber nicht grundsätzlich entfremdet, ein dauerhaftes, lebendes Symbol von Unterwerfung, eine Aporie: In jedem Park erleben wir unleugbar Natur im Moment ihres Nichtmehrseins.

Ihres erzwungenen Nichtmehrseins: Die Schönheit rot-weiß gefleckter Tulpen vor kubischen geformten Hecken ist nicht mehr in ihrem bloßen, geworfenen Sein, sondern in ihrem Sosein, einem gewollten, in einer bestimmten Weise angerichteten, das es zu entdecken gilt. Natürliche Struktur, noch einmal skulpturiert, doppelstrukturiert und zweifach wirkend, als ob man die Doppelhelices unseren Zellen entnähme und aus ihnen eine Statue baue. Das ist ausnehmend schön und ich liebe es. Aber sieht man einen solcherart gestutzten Busch eine Zeit lang an, dann befremdet er, wird fragwürdig weil man der Methodik seiner Entstehung auf die Spur kommt und endlich erscheint er verkrüppelt und misshandelt.

Seine Strukturen und Symmetrien offenbaren den Willen und die Entschlossenheit seiner Schöpfer. — Aber auch deren Verfügungsgewalt! Wenn wir das auf das Künstliche, das Kunstwerk übertragen, dann liegt sein Ursprung in einem Gewaltakt begründet, der dahin strebt, das Aufgefundene nicht in seiner Selbstzwecklichkeit fortbestehen zu lassen. Kunst ist eine strukturzeugende Willensäußerung ihres Schöpfers, trotz aller Dekonstruktion, noch immer. Struktur erscheint für ihren Bestand unentbehrlich, und dennoch, ich bin mir sicher wie bei nichts anderem: Man kann und darf damit nicht länger weitermachen.

Verbergen aber macht es nicht besser, wie man ein moralisches Vergehen nicht durch Vertuschung ungeschehen werden lässt, wir behielten es bei, bloß unter der Hand. Schon eher müsste man die Struktur verwischen, wie man mit einem wässrigen Pinsel über die Kanten eines gemalten Gegenstandes fährt, die Farbe löst und verfrachtet. Die Unschärfe, die aller Kunst grundsätzlich innewohnt, müsste weiter ausgedehnt und zum Inbegriff der Gattung gemacht werden, weit über das hinaus, was bislang war. Ein neues Zeitalter von Romantik, werden sie fragen. Gewiss nicht, das Wort ist historisiert, und unsere Bedingungen sind radikal andere. Aber: Ein kleiner, konturverwischender Zusammenhang existiert, das muss man zugestehen, wenn wir auf unserem Weg bleiben wollen, und das wollen wir.

Gegen die Struktur des Materials hingegen kann und muss nichts gesagt oder getan werden, sie ist gegeben und bleibt es. — Ist dies das Ende der Kunst? Wir werden es erleben, wenn es so weit kommt. Wichtiger ist, dass der Leser und der Betrachter im Mittelpunkt stehen, mit einem Wort: wir alle. Unsere Aufgabe wird es sein, die Strukturen zu zeichnen, nur mehr gedanklich und aus unserer Subjektivität heraus: Weiche Strukturen möchte ich sagen und in letzter Konsequenz vollzogen, wären alle oder niemand mehr Künstler, und die Kunst selbst, ihre Aufgabe und ihr Fortbestand dialektisch aufgehoben. Ob es dann noch Werke geben kann, wir wissen es nicht, vielleicht Fragmente, aber das Ganze, Abgeschlossene, Totale, das alle Struktur andeutet und verdeutlicht, wäre zerbrochen.

Ob diese Perspektive im Zeitalter vollendeter Kulturindustralisierung eine hoffnungsvolle ist, lasse ich dahin gestellt. Für meinen Teil aber sehe ich keinen anderen Weg.

Er tippte auf den Bildschirm seines smart-phones, saß kurz schweigen da und drehte sich langsam um. Ich kniete mich rasch hin, öffnete mein Schuhband, verknotete es wieder und ging meines Wegs ohne mich noch einmal umzusehen.

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13 Antworten zu “Ein Parkgespräch.

  1. blogozentriker 28. April 2012 um 8:24 am

    Das war Kommissar Kattaun, kurz nachdem er Johann König gekillt hatte! Wer, wenn nicht jemand, der als Ermittler auf die Logik eines Werkes (Mord) angewiesen ist, machte sich solche Gedanken? Völlig verrückt, dass dieser poetologische Monolog HIER auftaucht, statt dort: http://autopoietiker.wordpress.com/!

    • metepsilonema 28. April 2012 um 9:18 am

      Ich hatte das sogar überlegt, allerdings passt er dort nicht hin, vom Überhitzungsgrad her, wenn Du verstehst, was ich meine…

      • blogozentriker 28. April 2012 um 10:05 am

        Das halte ich für eine Fehleinschätzung (um nicht von Überschätzung zu sprechen) dieses autopoietischen Undings.

      • metepsilonema 28. April 2012 um 7:26 pm

        Mag sein. Mir kommt es vor als würde ich etwas zusammenführen, das nicht zusammenpasst, etwa: Kaiserschmarren mit Schmalz und Zwiebel zubereiten, ohne das wertend zu meinen.

      • phorkyas 1. Mai 2012 um 4:56 pm

        Gerade als Bruch wär’s doch reizvoll gewesen – nun hab ich das mal probiert.

        (Obwohl mir einmal ein Pfannekuchen mit einer dicken Schicht Salz serviert wurde – solche unwienerische Melange ist schon abzulehnen)

      • metepsilonema 6. Mai 2012 um 12:11 am

        Sag, mein Lieber, ist Dir bekannt, was ich normaler Weise mit Leuten anstelle, die das Wort „wienerisch“ und das Wort „Pfann(e)kuchen“ in einem Satz, also gemeinsam verwenden?

      • phorkyas 6. Mai 2012 um 10:37 pm

        Nein, und ich glaube nicht, dass ich das wissen sollte… aber dann bin ich noch froh, dass du mich noch nie akustisch vernommen hast und meine schönen regiolektischen Verhunzungen.

  2. tom-ate 5. Mai 2012 um 11:25 am

    Die Allegorie des älteren Herrn auf die Kunst scheint mir gut gelungen.
    Dann: Soll man, da ja genaue Betrachtung eine Verkrüppelung und Misshandlung offenlege, wirklich nicht mehr weiter machen?

    „Wichtiger ist, dass der Leser und der Betrachter im Mittelpunkt stehen, mit einem Wort: wir alle. Unsere Aufgabe wird es sein, die Strukturen zu zeichnen, nur mehr gedanklich und aus unserer Subjektivität heraus: Weiche Strukturen möchte ich sagen und in letzter Konsequenz vollzogen, wären alle oder niemand mehr Künstler, und die Kunst selbst, ihre Aufgabe und ihr Fortbestand dialektisch aufgehoben. Ob es dann noch Werke geben kann, wir wissen es nicht, vielleicht Fragmente, aber das Ganze, Abgeschlossene, Totale, das alle Struktur andeutet und verdeutlicht, wäre zerbrochen.“ – Diese Sätze reiben und stoßen sich aneinander, m.E. Wahrscheinlich verstehe ich sie auch einfach nicht richtig. Was ich nur mehr gedanklich tue, materialisiert sich nicht als Werk. Ja, dann ist keine Kunst, kein Künstler mehr da. Meinetwegen ist das eine dialektische Aufhebung. Ich würde es ein Verebben des Schaffensdrangs nennen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob nur noch Fragmente in die Welt zu entlassen, die Lösung sein könnte.

    Auf den Park übertragen. Wenn wir damit aufhören, was bleibt an seiner Stelle? Natur? Was fängt der durchschnittliche Stadtmensch damit an? Im Sinne von Freiraum soll ja ein Gestaltungsraum für fragmentarische Parkanlagebemühungen bleiben. Würde der Freiraum von Besuchern möglicherweise kreativ genutzt, indem sie nach eigenem Gusto da und dort ein Bäumchen pflanzen oder ausreißen? Ein Ort gelebter Anarchie. Oder würden sich in dieser zerbrochenen Struktur nicht vielmehr Drogendealer breit machen und den ehemaligen Park in eine Hölle verwandeln? Beides wäre möglich…

    • metepsilonema 6. Mai 2012 um 12:08 am

      Ich würde sagen, der alte Herr hat einen Gedanken entwickelt, bis zu einem Punkt an dem er nicht mehr weiterkommt oder sagen wir: kaum mehr, weil er einerseits weiter muss, alle Konsequenzen ziehen, aber andererseits genau dieses Ergebnis nicht will.

      Aber ich gehe ja öfter spazieren, vielleicht treffe ich ihn wieder.

      • tom-ate 6. Mai 2012 um 2:15 am

        Wäre spannend, falls du den wieder treffen würdest, da weiter mitzuhorchen. Denn mir scheint, der Typ sei gedanklich an einen wichtigen Punkt vorgestossen.

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