Meine Rede, meine Rede…

Dazu gehört, darüber zu staunen, wie sehr das Netz von der Großzügigkeit seiner Einwohner lebt, das heißt, die schöne Seite seiner „Kostenlosmentalität“ endlich mal zur Kenntnis zu nehmen: Jemand, der eine Website über seine Briefmarkensammlung oder sein Heimatdorf macht oder der nur einen Wikipedia-Artikel über sein Fachgebiet korrigiert, lässt andere an seinem Wissen und seiner Leidenschaft teilhaben, ohne etwas dafür zu verlangen. Das Netz verdankt sich und huldigt einer Ökonomie der Partizipation (Quelle).

Ich habe das unlängst hier ganz ähnlich formuliert: Was manchmal übersehen oder kleingeredet wird, ist, dass es im Netz tatsächlich eine Kultur wechselseitiger Verfügbarkeit ohne zwingender Vergütung gibt, und dass diese mittlerweile einige Bedeutung gewonnen hat. Das ist Kultur, eine von Freiheit und von Schönheit, das soll — auch pathosgeladen — noch einmal festgehalten sein.

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18 Antworten zu “Meine Rede, meine Rede…

  1. ohneeinander 16. Mai 2012 um 2:17 pm

    „Das ist Kultur, eine von Freiheit und von Schönheit, das soll — auch pathosgeladen — noch einmal festgehalten sein.“
    Du sagst es. Und zwar sehr treffend und schön. Was wurde in der klassischen Musik geklaut. Bach, Mozart, Händel usw. Ich weiß nicht, wie es ausgegangen wäre, wenn großartige Musiker und Komponisten auf ein Urheberrecht bestanden hätten. Es ging ihnen immer darum Werke (Kunst) zu schaffen.

    • metepsilonema 16. Mai 2012 um 2:27 pm

      Langsam, langsam, das war kein Plädoyer gegen das Urheberrecht. Das ist, grundsätzlich, eine Frage des Respekts gegenüber dem Werk anderer (unter der Annahme, dass der Schöpfer tatsächlich wesentliches dazu Beitrug und ihre Werke nicht schon durch jemand wie Gott vorgegeben waren, mit anderen Worten: Die Unterschiede zwischen Bach, Mozart und Beethoven lassen sich [u.a.] durch Neuheit, also Erfindungskraft erklären).

      Damit muss man sich nicht schon mit Begriffen wie geistigem Eigentum anfreunden, aber wenn ein Autor nicht will, dass sein Werk verändert wird, sollte man das respektieren und wenn er für seine Arbeit Geld verlangt, auch.

  2. ohneeinander 16. Mai 2012 um 2:45 pm

    „Die Unterschiede zwischen Bach, Mozart und Beethoven lassen sich [u.a.] durch Neuheit, also Erfindungskraft erklären).“
    Wie meinst du das?

    Den Klassikern ging es nicht darum zu verändern, sondern sie nutzen für ihre Werk Stellen aus anderen Werken, weil sie gefallen daran hatten.

    • metepsilonema 16. Mai 2012 um 5:08 pm

      Bach war ein Barockkomponist und Beethoven einerseits der Klassik verpflichtet andererseits bereits auf dem Weg in die Romantik. Letzterer war m.E. der erste Komponist überhaupt der sich frei seinem Schaffen widmen konnte (ganz anders Haydn oder Mozart). Spätestens dann änderte sich das Selbstverständnis der Künstler und Werke und auch der Umgang damit — Bach sah sein Talent noch als von Gott gegeben an. Will sagen: Der Umgang mit einem Werk und sein Ansehen änderten sich und man war früher (Alte Musik) m.E. eher freizügiger. Dennoch meine ich, dass Neuheit und Erfindung immer ein wichtigere Rolle gespielt haben als bloßes abschreiben. Aber vielleicht kannst Du einfach ein (oder mehrere) Beispiele nennen.

  3. ohneeinander 17. Mai 2012 um 10:43 am

    Natürlich haben Neuheit und Erfindung eine wichtigere Rolle gespielt. Trotzdem haben Komponisten sich anderer Werke „bedient“. Und nur darum gehts doch in unserer Diskussion. Oder? Und ich finde das wahrlich nicht schlimm. Warum soll nicht auch heute ein Autor Textpassagen andere Werke in seinem Roman verwenden? Was bitte ist daran so verwerflich?

    Zu deinem letzten Satz:
    http://www.bachkantaten.ch/Daten09/03/Einfuehrung.htm

    • metepsilonema 17. Mai 2012 um 9:34 pm

      Nein, es geht sehr wohl um das „wie“ und ob das explizit gemacht wurde oder nicht, wobei ich gar nicht behaupten will, dass das unabhängig von zeitlichen und/oder gesellschaftlichen Verhältnissen zu betrachten ist.

      Danke für den Link, ich melde mich noch einmal wenn ich es gelesen habe.

  4. ohneeinander 18. Mai 2012 um 9:53 am

    Wie Jörg-Andreas Bötticher schon schreibt. Früher wurden die Ideen, Werke als Allgemeingut betrachtet. Für jedermann zugänglich und nutzbar. Ich finde das toll. Du hast es ja in deinem Artikel wundebar ausgedrückt. Das ist Kultur, eine von Freiheit und Schönheit……

    Möchtest du denn Regeln aufgestellt wissen, für das „wie“? Oder lehnst du das „abschreiben“ nun generell ab?

    • metepsilonema 20. Mai 2012 um 8:56 pm

      Es gibt, glaube ich, einen Raum der gesellschaftlich zu bestimmen ist. Für die ausführliche Antwort siehe hier.

      Was ich auf jeden Fall für problematisch halte, ist abzuschreiben und etwas für das seine auszugeben, also bewusst zu täuschen (diesen Vorgang nicht auszuweisen). Etwas anderes sind versteckte Zitate oder umgearbeitete Passagen, wobei hier auch zwischen den Medien zu unterscheiden ist (z.B. Musik oder Literatur).

      • blogozentriker 21. Mai 2012 um 9:51 am

        Könnte man nicht folgende Definition vornehmen. Wenn der Kenner den Bezug des einen Werkes auf das andere (des Hypertextes auf den Hypotext, sozusagen) sofort erkennt (oder erkennen kann), dann ist es eine Hommage, eine, vielleicht, Weiterentwicklung, Transformation, Transposition — auf jeden Fall ein künstlerisches Verhalten. Wenn aber der Laie getäuscht werden soll über den Ursprung der Idee(n), dann liegt arglistige Täuschung vor, wirklicher geistiger Diebstahl? (Natürlich ist es ja auch immer eine Ehre, wenn andere die eigenen Ideen aufgreifen; stellt Euch doch nur mal vor, ich würde alle verklagen, die mit Bob Macha und allem, was zu ihm gehört, ihre Artikel gewürzt oder z. T. gar gemacht haben!)

      • metepsilonema 21. Mai 2012 um 10:28 am

        Grundsätzlich würde ich dem zustimmen (ein Kriterium ist sicherlich auch ob der Verlag bzw. der Künstler informiert wurde, sofern er noch lebt).

        Theoretisch könnte in einer Gesellschaft auch einen anderer, viel leichtfertigerer, Umgang mit Geschaffenem vorherrschen.

        Klar, Ehre und Anerkennung ist es schon.

      • tom-ate 21. Mai 2012 um 12:13 pm

        Irgendwie absurd. JedeR spricht sich doch durch seine Art und Weise des „Zitierens“ oder Zitierens von bestehendem Material sein eignes Urteil. Und das sollte reichen. Ginge jemand darüber hinaus noch vor den Richter (was ja doch vorkommen soll, sofern man’s aufs Geld abgesehen hat), so wäre dies nicht nur absurd. Es wäre lächerlich. Kulturgeschichte, Kunst- und Literaturgeschichte im speziellen, ist halt allem Schöpferimpuls zum Trotz ein wesentlich mimetischer Drehschwindel.

      • tom-ate 21. Mai 2012 um 12:14 pm

        …seine/ihre …sein/ihr, hm, hm.

      • blogozentriker 21. Mai 2012 um 12:30 pm

        Jenseits aller juristischen Belange gibt es natürlich auch noch so etwas wie Künstler-Ehre.

  5. ohneeinander 21. Mai 2012 um 12:17 pm

    Nabokovs „Lolita“ kennt jeder Literaturinteressierte. Aber wer kennt schon schon das Original (von Heinz von Lichberg)? Und, spielt das am Ende eine Rolle? Es gibt „Lolita“. Ein Meisterwerk der Literatur. Nabokov hat das Thema einfach besser umgesetzt und geschrieben.
    Nabokov hat Lichberg niemals informiert. Die beiden haben sogar ein paar Jahre „nebeneinander“ in Berlin gewohnt. Was für ein Skandal, ne im ernst. Ich verstehe schon, warum ihr (als Autoren) auf ein Urheberrecht besteht. Wäre ich eine Magd, würde ich es auch nicht zulassen, dass ein anderer meine Kartoffeln oder Äpfel klaut, um damit Geld zu verdienen. Wobei ich nicht glaube, dass Martin Walser, Rüdiger Safranski oder wer auch immer, nachforscht oder nachforschen läßt, wer sich seiner Werke bedient. Vll sehen sie es so, wie mete schreibt „Ehre und Anerkennung“, von Menschen die Ahnung haben.

    „Wenn aber der Laie getäuscht werden soll über den Ursprung der Idee(n), dann liegt arglistige Täuschung vor, wirklicher geistiger Diebstahl?“

    Betrachtes du, blogo, nun Nabokovs „Lolita“ als arglistige Täuschung? Nennst du Nabokov wirklich einen Dieb?

    • blogozentriker 21. Mai 2012 um 12:30 pm

      Null, liebe Miss Ohneeinander.
      Ich finde allerdings auch, dass man bei dem Thema: „Mann liebt Nymphchen“ nicht unbedingt von absoluter Megasuperoriginalität ausgehen sollte. Wie wär’s denn mit: „Junge liebt Mädchen“? An diese Lichberg-Kontroverse von vor ca. 10 Jahren kann ich mich nur noch sehr dunkel erinnern, sie zeigte wieder die absolute Hohlheit des allgemeinen Erkenntnisstandes hinsichtlich Literatur. Es ist bei dieser ja — korrigier mich — ja sowieso immer der STIL, der entscheidet; man kann das gleiche Thema spritzig-inspirierend abhandeln oder so, dass wirklich nur noch ein Betonkopf das gerne liest. Insofern begrüße ich sogar eher, wenn Nabokov aus einem miesen Text einen tollen gemacht haben sollte. Fazit: Ebenso wenig, wie ich Nabokov für einen Plagiator halte, halte ich ihn für einen Autor von Pornografie, obwohl sein berühmtestes Werk seinerzeit ja in der „Olympia Press“ erschienen ist.
      Ich hoffe, ich konnte Ihre Frage zufrieden stellend beantworten?
      Beste Grüße!

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