Das Spüren ist mit den Begriffen verfeindet.

Dieser schöne Satz, den ich vor kurzem hörte, scheint mir eine Aufgabe des Schriftstellers und Dichters, ein Topos der Literatur, wenn nicht der Kunst überhaupt zu sein: Das Verströmende, Unfassliche, Entgrenzende in eine Form zu gießen, das Unaussprechliche — sozusagen — auf den Begriff zu bringen, es in den Zwischenräumen der Sprache sichtbar werden zu lassen und damit auch: Frieden und Harmonie zu schaffen.

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14 Antworten zu “Das Spüren ist mit den Begriffen verfeindet.

  1. phorkyas 5. Juni 2012 um 6:52 pm

    Aber ist da nicht auch eine aporie wenn das gespürte auf die bösen Begriffe gebracht wird? – überhaupt ließe sich nicht auch durch begriffe etwas erspüren? D.h. wie gegensätzlich ist begriffliches denken und Gefühl überhaupt?

    • metepsilonema 5. Juni 2012 um 10:38 pm

      Gefühle (fühlen, spüren) haben etwas Unstetes, Veränderliches, Prozesshaftes, schwer Bestimmbares (Unklares); Begriffe sollen genau das nicht sein (gut: veränderlich vielleicht schon).

      Ja, das ist schon eine Aporie, und vielleicht mit ein Grund warum Literatur nicht allgemein und abstrakt sein kann ohne ihr „Wesen“ zu verlieren. — Der Literat muss also anders (auf Umwegen) versuchen das sich-Entziehende sichtbar zu machen.

  2. tom-ate 6. Juni 2012 um 4:19 pm

    „Das Verströmende, Unfassliche, Entgrenzende in eine Form zu gießen, das Unaussprechliche — sozusagen — auf den Begriff zu bringen…“ Ja, das scheint mir die wahre Kunst der Kunst zu sein. Annäherungsversuche an eine Quadratur des Kreises auch.

    • Phorkyas 7. Juni 2012 um 10:52 am

      Welche leider unmöglich ist (Hab‘ den Beweis zumindest mal im Groben zu verstehen versucht). Da kann sich Thomas Hobbes noch so anstrengen und mit der Mathematik in Clinch geraten…

      Der Widerspruch ist ja dann auch schon in dem Begriff „Unaussprechlich“ enthalten. Könnte dieser wirklich meinen, was er zu meinen vermeint, so müsste er doch unaussprechlich sein.

      • tom-ate 7. Juni 2012 um 1:23 pm

        Wieso müsste ein Begriff, ein Zeichen, die gleichen Eigenschaften des Bezeichneten haben? Das ist doch Quatsch. Wenn ich „Aua“ schreibe, tut’s mir auch nicht weh.

      • Phorkyas 7. Juni 2012 um 8:06 pm

        Ok, das war etwas ungenau ausgedrückt und vielleicht hast du einfach recht: Natürlich kann ich die Idee, dass es Unaussprechliches gibt, aussprechen — aber wenn Kunst sich jetzt anheischt dieses unaussprechliche Zauberwort zu raunen, dann muss man ihr wohl sagen: du hast doch en Schatten.

        Auf der Ebene der Begriffe gibt es sowas vielleicht aber auch, insofern man für Unaussprechlich=“wofür es keine Begriffe gibt“ setzt – könnte das ein Begriff sein?

      • metepsilonema 7. Juni 2012 um 10:43 pm

        Wir kommen vielleicht darin überein, dass Sprache etwas zu sagen vermag, was über inhaltlich-begriffliches hinausgeht, etwas das (irgendwie) vorhanden ist, sich aber eigentlich erst aus der Wechselwirkung mit dem Leser ergibt (etwas das subjektiver und schwammiger ist, als das was wir Semantik nennen).

      • Phorkyas 8. Juni 2012 um 9:29 am

        Fast;-) Es sitzt mir nur doch zuviel Wiener Kreis im Blut, als dass ich das so einfach schlucken wollte: dass Sprache etwas zu sagen vermag, was über inhaltlich-begriffliches hinausgeht. Natürlich gibt es da Erspürbares, Mitschwingendes, Assoziatives – aber ist das nicht auch nur „da“, insofern es auch in Sprachlich-begrifflich-Inhaltliches umgewandelt werden kann? [Letztlich also die Fragen: 1) Was Sprache ist, was sich in ihr sagen lässt? 2) Ob man überhaupt außerhalb der Sprache denken kann?]

        Im Mythos, der ja vielleicht im Wesentlichen auch Sprache ist, aber vielleicht nur nicht das rationale Logos, das uns dann die Wissenschaften schenkte, in diesem soll ja auch das tiefere Wesen des Menschen, der Welt ausgesprochen sein. Diesem kann man auch mit gutem Grunde misstrauen. Ob man ihn dann gleich als „Krankheit der Sprache“ titulieren muss, weiß ich auch nicht, aber nur als Beispiel, dass das Unfassliche problematisch sein kann, dass es nicht mit Kunst gleichgesetzt werden kann(?)

      • tom-ate 8. Juni 2012 um 9:55 am

        „aber ist das nicht auch nur “da”, insofern es auch in Sprachlich-begrifflich-Inhaltliches umgewandelt werden kann“ – Ja, das klingt nach Strukturalismus. Alles folge im Prinzip den Gesetzen der Sprache, um es mal sehr verkürzt zu sagen.

        Nun, etwas ist „da“, sofern es im Bewusstsein ist. Das ist dem Materialisten zwar suspekt, aber anders geht’s nun mal schon gar nicht. Längst nicht alles, was bewusst ist, ist sodann sprachlicher Natur (Musik…). Und deshalb lässt sich dieser nichtsprachliche Teil der Welt auch nur äußerst unzulänglich in Sprache übersetzen.

      • metepsilonema 10. Juni 2012 um 8:44 pm

        Ja, man kann außersprachlich denken, ich finde das sogar ganz gut beobachtbar. Zumindest bemerke ich häufig einen Gedanken, z.B. wenn einem nicht gleich etwas einfällt, der in die sprachliche Form spring, aber man weiß schon zuvor, dass es das ist was man gesucht hat. Oder man kleidet ein Gefühl sprachlich ein, usw.

        Rhythmus etwa oder Klang ist nichts was an Sprache gebunden ist, lässt sich aber sprachlich ausdrücken, es ist aber nichts Begriffliches (man denke etwa an Morgensterns Gedichte).

  3. Phorkyas 8. Juni 2012 um 11:18 am

    Nun, etwas ist “da”, sofern es im Bewusstsein ist. [..] anders geht’s nun mal gar nicht – Das klingt schon nach einem Idealismus wie bei Berkeley. (Bisher wahre ich meine Neutralität, noch kein Logozentrist, Idealist, Materialist, Funktionalist, Adornit, Symbolist, Plesssnerianer oder sonst was geworden)

    Längst nicht alles, was bewusst ist, ist sodann sprachlicher Natur (Musik…). Der einfachen Formel „Sprache=Bewusstsein“ misstraue ich auch – aber eher von der anderen Seite her: dass in der Sprache auch noch viel Unbewusstes lungert. Hmm.. die andere Richtung ist wohl auch richtig, ich kann mir auch ein Bewusstsein vorstellen, dass ganz in irgendeine Wahrnehmung versunken ist, ohne diese sprachlich zu fassen oder zu äußern. Yet, ist es dann wirklich „da“, ist das nicht fast eine Art Stand-By-Modus? D.h. können wir ‚Welt‘ auch nicht-sprachlich bewältigen? Oh, ja ich glaube du hast recht: natürlich kann man sich auch ‚in der Sprache‘ der Musik ausdrücken oder jeder anderen Kunstform ohne das Vehikel des Wortes. [Ob der B-Logozentriker das so gerne hört, dass man einfach etwas an ihm vorbeischleusen kann?] – Aber das heißt vielleicht auch nur, dass es Bewusstseinsinhalte ohne Sprache gibt – dass ein Bewusstsein ohne Sprache entstehen kann, ist ja vielleicht wieder ein anderes Problem.

    [Vor kurzem beim Bier mit meinem philosophischen WG-Kollegen kamen wir darauf, dass mit der Neuroforschung bzw. den wachsenden IT-Superkräften die vierte oder gar fünfte(?) Kränkung des Menschen bevorstünde: Kopernikus, Darwin, Freud und nun ist unser Denken/{Bewusstsein} nicht mehr als ein bissn In- und Output, das man auch durch ein paar Transistoren pipen kann..]

    • Phorkyas 8. Juni 2012 um 11:27 am

      PS. Sorry, möcht hier nicht die Kommentarspalte fluten. Nur noch das: Das Thema des Dichters scheint mir seit jeher der Mensch und dessen Bewusstsein (Denken, Fühlen) – vielleicht nur in einer anderen Herangehensweise als ein (Natur)wissenschaftler. (Statt fühlend, tastend könnte ich da auch sagen: organisch, hermeneutisch, holistisch – im Gegensatz zu zergliedernd, reduktionistisch, abstrahierend?)

      • tom-ate 8. Juni 2012 um 6:33 pm

        „Und deshalb lässt sich dieser nichtsprachliche Teil der Welt auch nur äußerst unzulänglich in Sprache übersetzen.“ – (Hach, ich zitier‘ mich schon selbst. Höchste Zeit, dass ich etwas runterfahre…) Die Herangehensweise des Dichters kann man fühlend, holistisch oder wie auch immer nennen. Der Witz an der literarischen Verarbeitung ist doch eben gerade der, dass sie vor allem auch nichtsprachliches Erleben versucht sprachlich möglichst plastisch einzufangen. Wäre die Welt wirklich Sprache, sprich unser Bewusstsein gleich Sprache, dann hätte die Dichtkunst ihren Reiz nie entfalten können/müssen. Es wäre alles transparent bzw. gesagt, sobald man schon fühlt, hört, sieht, riecht oder sonstwie Input automatisch in Sprache vernudelt. Und Literatur wäre somit per se langweilig. So ist es aber nicht. Das Reich des Unaussprechlichen ist mächtig, ob man das nun gerne sieht oder nicht. Mit Sprache schaffend übersieht man es nur gerne.

        Klar, sind auch Sprachspiele unterhaltsam, die auf sprachlichem Bewusstsein fußen, da sie neue semantische Felder aufspannen. Doch häufig endet dies einfach beim Kalauer. Dem Unaussprechlichen haftet hingegen schon fast ein natürlicher Ernst an, selbst wenn beim Wahrnehmenden die damit verknüpfte Stimmung fröhlich ist.

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