Was soll man schreiben? Wie wird es verstanden?

Ein journalistischer Text hat eine oder mehrere Funktionen hinsichtlich eines gedachten Lesers zu erfüllen. Mögliche Antworten auf unsere beiden Fragen sollten daher zunächst vor diesem Hintergrund und nicht von möglichen Konsequenzen ausgehend verhandelt werden. Nehmen wir als Beispiel den (sachlichen) Bericht: Was hat er (formal) zu leisten, an welchen Leser richtet er sich und was erwartet dieser? Das ist eine handwerkliche Frage, die die Verantwortung des Autors außen vor lässt, ihn aber keineswegs davon entbindet: Erst wenn Klarheit darüber besteht, welche Aufgaben der Text haben soll und welchen Regeln er folgt, kann sinnvoll entschieden werden, ob und warum man sich entgegen der Gewohnheit entscheidet und etwas anders macht. Es besteht demnach eine Spannung zwischen der Aufgabe des Textes und seinen möglichen Konsequenzen (selbstverständlich auch zwischen ihnen und der Bedeutsamkeit seines Inhalts).

Was kennzeichnet einen Bericht? Er soll klären wer etwas (= was) wie, wo, wann und warum getan hat. Diese Kriterien erscheinen vielleicht formal und willkürlich, sind aber einleuchtend wenn man bedenkt, dass dem Leser von einem Ereignis, einer Tat, o.ä. berichtet werden soll. Er wird den Bericht lesen, weil er wissen und verstehen will was sich zugetragen hat, möglichst umfassend und objektiv. Er erwartet Informationen um selbst Überlegungen anzustellen und Schlüsse zu ziehen. Fehlen Antworten, erhält er, wenn überhaupt, nur ein unvollständiges Bild; er kann das entsprechende Ereignis schlecht oder gar nicht einordnen, es entzieht sich dem Zusammenhang mit seiner Lebenswirklichkeit, wird abstrakt, ja fiktiv. Und: Er ist nur im eingeschränkten Maß fähig sich mit der Angelegenheit auseinander zu setzen. Daher ist es wichtig zu begründen und offen zu legen warum Informationen fehlen und eine oder mehrere Fragen nicht beantwortet werden können, etwa: Zum Tathergang will die ermittelnde Behörde vor dem Abschluss der forensischen Untersuchungen keine Angaben machen.

Alles Geschriebene birgt Konsequenzen, sofern es Leser findet und jeder Autor hat es zu verantworten, jedoch nicht in dem umfassenden Sinn, dass er alle möglichen Leserichtungen vorauszusehen oder gar zu bestimmen hat. Letzteres wäre sogar fatal, weil es den Leser entmündigt und versucht dessen Verständnis festzulegen. Abgesehen davon sind die persönlichen Hintergründe und Interessen verschieden und damit auch die Leserichtungen, was die Notwendigkeit eines Diskurses überhaupt erst begründet.

Klar ist: Das Offensichtliche muss der Autor verantworten. Das gilt aber auch für das, was leicht missverstanden werden kann. Wiederum ist die Textsorte ein Schlüssel, in einem Kommentar liegt die Sache anders als in einem Bericht: Letzterer muss ein Faktum ausstellen, es entsprechend einordnen und schlüssig begründen: Es muss mindestens die Möglichkeit von Relevanz bestehen. Ein Kommentar kommentiert, er versucht nicht wiederzugeben, sondern referenziert eine Ansicht, ein Interesse, ein übersehenes Faktum (ein Beispiel für einen Kommentar aus dem Standard hier und eine Antwort darauf).

Ein Autor muss nicht verantworten, dass man seinen Text auch irgendwie anders (wenig offensichtlich) verstehen oder instrumentalisieren könnte. Wiederum, weil es unmöglich ist, dass er alle Leserichtungen überblicken kann, also allwissend ist. Hinzu kommt, dass Formulierungen — trotz aller angestrebten Eindeutigkeit — anders verstanden werden, weil Sprache eine grundsätzliche Unschärfe besitzt: Ein Graubereich bleib immer bestehen. Hans Rauscher hätte (siehe den Link oben) zumindest eine kurze Erklärung oder Einschränkung vornehmen können. Abgesehen davon können Kategorisierungen wie Religion oder Ethnizität hilfreich sein, weil sie auf andere, dahinter versteckte Sachverhalte verweisen oder tatsächlich etwas Wesentliches zur Sprache bringen (etwa auf Ursachen wie ethnische oder soziale Konflikte und Probleme). Das aufzuzeigen ist eine Angelegenheit der weiteren Analyse und diese Möglichkeit zu reflektieren, eine der Leser.

Wie müßig Versuche enden können, wenn es um die Vorwegnahme des Verständnisses von journalistischen Texten geht, kann man hier nachlesen. Werden entsprechende Kategorien verwendet, bringen sie den Vorwurf ein, dass man die Möglichkeit Vorurteile zu bedienen nicht vermeidet. Versucht man dies, stellt sich ein anderer ein: Man tue genau das aus Gründen politischer Korrektheit und Ideologie. Es wird deutlich, dass der Leser immer über das Verständnis eines Textes mit entscheidet. Die Disposition eines Standpunkts ist Angelegenheit des Diskurses, eine Bekehrung im Sinne von Normierung durch Verwendung einer gewünschten Sprache seine Zerstörung. Erreicht wird damit eher eine Verhärtung der einander gegenüber stehenden Positionen.

Woran könnte man sich, trotz der Vielzahl an Leserichtungen und Wechselwirkungen, orientieren? An der Wahrheit? An Verbindlichkeit? Jedenfalls an der Idee, dass die Dinge sich nicht meiner Konstruktion gemäß verhalten müssen und dass sich jede Konstruktion — ein journalistischer Text ist natürlich eine solche — zu erweisen hat; der Text sollte auf eine Offenheit hin konstruiert sein, der Raum außerhalb leer bleiben und in dem Bewusstsein geschrieben werden, dass keine wesentliche Idee jenseits des Textes unsichtbar bleibt: Schwebung, Offenheit und Andockmöglichkeit bestimmen seine Diskursfähigkeit.

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