Autor, Leser und Literatur

Worte aus ihren gewohnten Zusammenhängen lösen und neue erschließen, das scheint ein entscheidend wichtiger, alleine aber nicht hinreichender Aspekt für die Entstehung guter Literatur zu sein. Gut, das kann hier sowohl rein subjektiv, als auch „objektiv“ im Sinn von Literaturkritik oder -wissenschaft verstanden werden, beides findet seine Berechtigung in einem jeweils spezifischen Wirkungskreis.

Ein Schriftsteller oder Dichter versucht sich am Ungewohnten, Unbekannten, Neuen und so fort: Sein Wagnis ist, dass er sich irrt, und so Neues gar nicht schafft oder aber, dass das Neue zwar neu, aber ohne Tiefenwirkung bleibt, und damit beim Leser oder Kritiker keine Anbindung findet, sie nicht erreicht. Dass sich dieser Vorgang zunächst meist unter Schwierigkeiten vollzieht, ist fast normal, und für sich kein Zeichen von Mangel, bleibt er aber aus, Jahre, Jahrzehnte lang, dann erhärtet sich die Gewissheit, dass der Autor gescheitert ist.

Werbung, Mode, Prominenz, Betrieb, Verkaufszahlen und andere Phänomene und Prozesse verwischen und verzerren diesen Gegensatz, so dass am Ende beide, der Leser allerdings weniger als der Autor, über den Anbindungsgrad im Unklaren bleiben, obwohl sie eigentlich einen ähnlichen Weg, nur von unterschiedlichen Startpunkten aus, gehen: Der Autor vom Gewohnten zum Ungewohnten, Neuen und Leser genau umgekehrt: Er erschließt das zunächst Unbekannte und macht es letztlich zu etwas Vertrautem, zu dem er gerne wieder zurückkehrt.

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7 Antworten zu “Autor, Leser und Literatur

  1. phorkyas 14. August 2012 um 3:18 pm

    „Er erschließt das zunächst Unbekannte und macht es letztlich zu etwas Vertrautem“
    Vertrautsein – könnte man auch sagen: ein Innen? – Er schafft ein neues Innen, einen Raum, den der Leser betreten kann, wenn er mag. Einen Raum oder ein Zimmer aus Sprache.

    Vielleicht.

    *

    Mit dem „Neu“ oder „Unbekannten“ tu ich mich etwas schwer. Weiß nicht was Herr Mosebach dazu sagen würde. Das Neue kann ja auch nur in neuem Licht, einer anderen Perspektive auf Altbekanntes bestehen. Sicher ist das, was ein Autor schreibt, die Worte die er zu Papier bringt, neu, noch nie so da gewesen. Das ist ja auch das irre. Ich drücke nur auf ein paar Tasten und schon entstehen Worte, reihen sich aneinander und tragen micht zu einer Aussage zu einem Satz, den so noch niemand schrieb… – aber „neu“ und „unbekannt“ finde ich insofern problematisch, als dass da vielleicht eine Wertung druchschimmert in Richtung Avantgarde; bejahen des Neuen, um des Neuen willens und das ist meiner Meinung nach nicht nötig, auch wenn ich beileibe nicht Mosebach lesen möchte.

    PS.
    Was mich momentan umtreibt, sind diese Begriffsumwertungen. Früher als der Roman aufkam, war er noch etwas Minderwertiges, gemahnte er doch an die Abenteuer- und Liebesromane, die mit ihren trivialen Sujets nicht an das Erhabene des Epos reichten. Mittlerweile ist der Roman die Königsklasse. Ebenso scheint es sogar teilweise mit dem Begriff „Literatur“. Bei Schnitzler oder Broch geradezu ein Schimpfwort, steht es für einen Verfertigen von Büchern, dass auf Massenwirksamkeit und das Publikum zielt

    • metepsilonema 15. August 2012 um 11:52 am

      Ja, das kann man durchaus so formulieren!

      Zum Neuen: Versuchen wir es mit dem Gegenteil: Es würde doch kaum ein Dichter sagen wollen, — nicht auf das Handwerk sondern das Resultat gemünzt –, ich mache bloß das, was Generationen vor mir bereits taten. Warum hätte es sonst jemals Entwicklungen in stilistischer Hinsicht, zum Beispiel, geben sollen? Nicht bloß zu reproduzieren, was es schon gibt, war das nicht immer Selbstverständnis der Künstler? Im avantgardistischem Sinn, da hast Du recht, ist der überbewertete Begriff des Neuen (inklusive möglicher Zerstörung des Alten), problematisch und zu diskutieren, aber ganz fundamental, vermute ich, geht es immer darum. Man könnte einschränken und sagen: Es geht zumindest um persönlich Neues, ich würde keinen Essay über ein Thema schreiben, von dem ich weiß, dass es zur Genüge behandelt wurde (was aber nur für das gilt, das ich kenne).

      Danke für den Hinweis auf die Begriffsumwertungen, das ist sehr interessant!

      • blogozentriker 15. August 2012 um 12:02 pm

        Ich sehe nur hier den Widerspruch nicht recht: „Bei Schnitzler oder Broch geradezu ein Schimpfwort, steht es („Literatur“, b.z.) für ein Verfertigen von Büchern, das auf Massenwirksamkeit und das Publikum zielt“? Das wäre allenfalls als Beleg für die Spürnase der beiden großen Dichter deutbar, scheint mir?

        • phorkyas 15. August 2012 um 4:21 pm

          Ok, der Widerspruch besteht ja auch nicht zum vorliegenden Text, sondern zu einer Überhöhung von „Literatur“, die ich in Blogs z.B. zu bemerken glaube, wenn die „Tage der deutschsprachigen Literatur“ niedergemacht werden – ich spüre da dann die Sehnsucht danach, dass da etwas größeres wäre, ein Werk, als das mickrige Etwas mit dem man abgespeist wird, der ganze Sumpf an Unterhaltung, der durch die Massenmedien suppt – schöne glänzende Literatur eben. Und mir wird dann ein bisschen unwohl, weil ich diesen Wunsch ja sehr wohl auch verspüre, aber noch nicht so komplettverkrustete Bestellungen aufgeben möchte wie Herr Kämmerlings (http://phorkyas.wordpress.com/2010/10/08/ode-a-richard-kammerlings/ ). Ein Unbehagen auch, weil ich nicht weiß, ob der Metadiskurs über die lustlose, nicht satisfaktionsfähige Jury denn so viel höher klettert als die Primärtexte – und ob da Literatur dieses Sehnsuchtswort nicht nur noch müde klingelnde Hohlformel wird?

          • blogozentriker 15. August 2012 um 5:10 pm

            Tja, wenn man sich überlegt, wie viele der Abermillionen Bücher, die geschrieben worden sind über Jahrhunderte hinweg, heute noch am Leben sind, d. h. genug Kraft haben, um sich ins Regal von ein paar Literaturfreaks zu schleppen, wo sie, Freak hin, Freak her, dann doch ungelesen vor sich hin skelettieren … das ist schon bitter. Mehr als der Tag ist wohl auch der Literatur nicht vergönnt! Ausnahme: Goethes Megapoem (Epopöe?) FAUST, das Schüler- und Studentenseelen seit Generationen mit Feuer erfüllt, weshalb noch heute auf nicht wenigen Burschenschaftsfeiern feierlich Verse dieses Epos magnum zitiert werden! Gerade im vollgerauschten Bierschädel macht sich ein solch gelahrtes Wort immer vortrefflich! Und ich meine doch: So sollte Literatur sein! Prost!

  2. Tatjana 15. August 2012 um 2:44 pm

    Schöne Formulierungen und Erklärungen. Ich als heranwachsender, zukünftiger Dichter (und Denker) habe mein erstes Manuskript fertig geschrieben. Ich bin mir noch nicht sicher, zu welchem Verlag ich es am besten einsenden soll. Mir fiel als erstes http://www.frieling.de/ .
    Sollte ich darauf vertrauen oder lieber an viele bzw. andere Verlage mein Manuskript schicken?

    LG Tatjana

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