Aus der Sicht des Schreibenden…

…ankert ein guter Text nicht im rein persönlichen Befinden: Er ist objektiv und strebt nicht bloß danach. Das bedeutet: Er muss für andere — nicht für jeden und alle, aber im Prinzip, und damit: statistisch — ohne jegliche Erklärung Andockmöglichkeiten bieten, also sinnvoll deutbar sein, mit Anstrengung, selbstverständlich. Auf der Ebene des Schreibens bedeutet dies eine Idee zu besitzen, mit jener radikalen und schmerzhaften Folge, dass keine Formulierung um ihrer selbst willen, dieser Idee widersprechen darf: Sie muss, wo nötig, ohne Umschweife umformuliert werden. Nicht nur für einen selbst zu schreiben, bedeutet, offen für im Prinzip jede Veränderung zu sein. Das ist eine Signatur, ja, des Dienens.

Freilich: So selbstverständlich der Schmerz, im Angesicht des zu Disposition stehenden Geliebten, ist, gilt dennoch, dass jede Veränderung im Sinne der Dienerschaft wieder auf die Subjektivität des Schreibenden zurück weisen wird. Von dieser aporetischen Spannung lebt alle Literatur.

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18 Antworten zu “Aus der Sicht des Schreibenden…

  1. ohneeinander 7. September 2012 um 11:13 am

    Seltsam, dass ausgerechnet du sowas schreibst.
    “ Nicht nur für einen selbst zu schreiben, bedeutet, offen für im Prinzip jede Veränderung zu sein.“

  2. tom-ate 10. September 2012 um 9:13 am

    „Er ist objektiv und strebt nicht bloß danach.“ – Objektivität im engeren Sinn als Qualitätsanspruch ist weder einem literarischen Text noch irgendeinem Bewusstsein möglich, streng genommen. Im Diskurs können wir aus der subjektiven Spinnerecke heraustreten und genau das tun, was du verneinst: Wir streben allenfalls nach Objektivität, wir versuchen eine Annäherung daran, so wir das überhaupt wünschen. Auch die Veränderbarkeit einer Formulierung, die du ansprichst, die in der Deutungsarbeit liegen oder in einem Gespräch zu intersubjektivem Neuland führen kann, widerspricht doch der Forderung nach Objektivität.

    • blogozentriker 10. September 2012 um 5:46 pm

      Ich verstehe metes Auslassungen eher dahingehend (wow!), dass er von Ansprüchen spricht, die der Text gegenüber dem Autor geltend macht. Das schließt wohl an die Kunstwerk-Mystik an, die ja Prof. Adorno, das „blasse flammende Arschloch“ (Lotte Lenya), auch sehr vehement verfochten hat. Dass also das Werk gewissermaßen Forderungen an denjenigen stellt, der es austrägt. Insofern, scheint mir, ist das Kunstwerk dann irgendwann objektiv, weil es seine Entstehung Umständen verdankt, die über subjektive weit hinausgehen. Man kann sagen, dass das Quark sei oder der Versuch der Geisteswissenschaft, in Hinsicht auf Allgemeingültigkeit zu den Naturwissenschaften aufzuschließen, aber mir scheint, im Hintergrund sei genau diese Vorstellung gemeint.

      • metepsilonema 10. September 2012 um 6:03 pm

        Diesen Objektivitätsbegriff habe ich eigentlich von Blogo geklaut. Ich verwende ihn dahingehend (und eigentlich ganz schlicht), dass nicht jeder Text automatisch Leser findet und dass sein Autor darüber mit entscheidet: Nur Texte, die auf eine bestimmte Art und Weise konstruiert wurden, werden diese Möglichkeit bekommen.

    • metepsilonema 10. September 2012 um 5:49 pm

      Diese Objektivität ist Grundbedingung für einen literarischen Text überhaupt. Er muss dafür so konstruiert werden, dass er nicht der reinen Subjektivität verhaftete bleibt, dass ein anderer andocken und (s)eine Leserichtung finden kann — in diesem Sinn wird der Text intersubjektiv. Der gesamte Text muss sich, rigoros, daran orientieren oder er wird scheitern, so zumindest meine Erfahrung.

      Ich meine selbstverständlich keine wissenschaftliche Objektivität.

      • blogozentriker 11. September 2012 um 7:41 am

        Niemand würde natürlich sich die Blöße geben, den werkgebundenen Objektivitätsbegriff mit einem naturwissenschaftlichen gleichzusetzen! Allerdings weniger auch stillem Respekt vor der verborgenen Arbeit der Forscher; eher, weil man dem Genius, der durch die Genies die genialen Werke wirkt, mehr zutraut als ein paar Laborratten. Mag natürlich sein, freudianisch gewendet, dass im Untergrund der Minderwertigkeitskomplex des Sängers angesichts der Überlegenheit der Atombombe nagt. Dass diese Volte, das Allzu-Subjektive ins Mehr-als-Objektive umzuinterpretieren, kompensatorische Qualitäten hat.

    • tom-ate 10. September 2012 um 7:26 pm

      Na, der Begriff Objektivität suggeriert ja wohl schon die Haltung des Aufschließenwollens zu den Naturwissenschaften, wie Blogo das nennt. Das habe ich auch ohne den flammblassen Adorno diesbezüglich zu befragen so verstanden.

      „Er muss dafür so konstruiert werden, dass er nicht der reinen Subjektivität verhaftete bleibt, dass ein anderer andocken und (s)eine Leserichtung finden kann — in diesem Sinn wird der Text intersubjektiv.“ – Das ist auch völlig nachvollziehbar und doch – wesentlich für einen Großteil der Weltliteratur ist ja schon diese exzessive Bauchnabelperspektive, dieses Wühlen in den Gefühlen, die und das letztendlich aus dem schreibenden Subjekt entspringen.

      Ist umgekehrt gefragt, dann nicht selbstverständlich, dass man an Subjektives gewöhnlich noch relativ leicht andocken kann? Man ist ja Artgenosse und die Leiden und Freuden der andern sind bis zu einem gewissen Grad vertraut. Aber werden nicht sogar die schwierig anzudockenden Werke, diese mehrhundertseitigen Trutzburgen der Subjektivität gerade deswegen zuweilen von der Kritik geschätzt, weil sie u.a. so subjektiv bleiben, so „schwer“ zu knacken sind, so „AUTHENTISCH“ sind? Weil sie nicht trivial sind? (Wer traut sich schon trivial genannte Literatur zu lesen?) Ich kann z.B. mit Ulysses trotz mehrfachen Eroberungsversuchen nichts anfangen, weil mir die Szenen unzugänglich scheinen (gut, jetzt oute ich mich definitiv als Banause…). Oder Zettel’s Traum von Arno Schmidt, dieses fürchterlich überdimensionierte Notizbuch fasse ich nicht mal an, einfach nur um meine Nerven zu schonen. Obwohl ich mich, warum auch immer, früher mal echt durch sein KAFF auch Mare Crisium gequält habe.

      Ich denke eher, wenn du einen Namen hast als Autor, ich meine einen gewichtigen Namen, dann brauchst du keine Rücksicht mehr auf Intersubjektivität bzw. Verständlichkeit zu nehmen. Die Leute werden sich mit Vergnügen ans Entschlüsseln machen… Es ist ein Spiel: So Leute, das habt ihr schon gefressen, aber mal sehen ob ihr dies auch noch verdauen könnt. Die Frage der Zugänglichkeit sagt schließlich wenig über den literarischen Wert eines Werks aus.

      • metepsilonema 12. September 2012 um 4:37 pm

        Ein triviales Beispiel: Ein rein therapeutischer Text wird kaum von jemand anders verstanden werden können, in dem Sinn, dass keine weiteren Erklärungen notwendig wären. Über dieses rein Persönliche muss man hinausgehen, erst dann wird der Text für andere bedeutsam sein können (Grenzfälle einmal ausgenommen).

        Natürlich bedeutet das nicht, dass jeder literarische Text von jedermann verstanden werden wird, und dass nicht verschiedene Grade von Subjektivität u.a. existieren. Auf meine eigenen Texte angewandt: Bezüglich der „Erinnerungen“ hatte ich immer Bedenken, bei „Sommerwetter“ war mir schon vor der Veröffentlichung klar, dass es funktioniert hatte.

        Grundsätzlich bedeutet Subjektivität doch, dass eben nicht jeder ohne weiteres andocken kann, oder? Klar, es gibt eine Reihe weiterer Faktoren, große Namen, usw., gerade in unseren Zeiten. Die Zugänglichkeit ist nicht mit dem literarischen Wert ident, sondern eine Grundvoraussetzung, eigentlich für Texte im Allgemeinen.

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