Cocktail mit Shrimps

Es ist mir, sagte Sobotsky mit schneidender Stimme, scheißegal ob da draußen irgendwann noch Krill oder wie man dieses Viecherzeugs nennt, schwimmt, ich will ihn essen, jetzt, verstehen sie das? Kai starrte ihn an, öffnete seinen Mund, zu langsam und Sobotsky kam ihm zuvor: Ich gebe ihnen einen Rat, denken Sie nicht darüber nach, warum sie ein Glas Bordeaux trinken, tun sie es. Und bevor dieses Gesellschaftstheater losgeht: Es mir ebenso scheißegal, wie es um die Welt steht, solange sie abwirft, was ich brauche.

Der Kellner kam, brachte das Gedeck und Kai befreite sich aus seiner Starre, indem er seinen Kopf in die Richtung, aus der er die klackenden Schritte vernommen hatte, schob: Herr Sobotsky möchte doch keinen Shrimps, seine Stimme vibrierte und überschlug sich beinahe, lieber etwas Süßes, eine … Sobotsky hieb mit der Faust auf den Tisch, es krachte, eine Gabel sprang in die Luft und der Salzstreuer kippte: Was erlauben Sie sich! Kai wurde blass, drückte seinen Oberkörper gegen die Wand und hob abwehrend die Hände: I… I… Ich… Die Suppe lassen wir weg, sagte Sobotsky zum Kellner, die Röte floh aus seinem Gesicht und seine Stimme war sanft: Nach dem Cocktail bitte die Rindsrouladen, mit dem Dessert warte ich noch und zum Essen einen Cabernet.
Wir haben auch einen ausgezeichneten Burgunder, zarte Röstaromen mit Weichsel, schlug der Kellner vor, aber Sobotsky wehrte ab: Nein, es muss kratzen, heute muss es am Gaumen kratzen. Danach wandte sich der Kellner Kai zu: Und Sie? Der Tonfall war neutral, zu neutral und trotz der Breite des Tisches, war er auf Sobotskys Seite stehen geblieben. Kai trug einen Dreitagesbart, sein Haar war lockig, ein wenig verfilzt und allein seiner abgetragenen, groben Jacke wegen, passte er nicht hierher. Ganz anders Sobotsky, er trug einen dunkelblauen Anzug, ein weißes Hemd und eine rote Krawatte mit feinen, diagonal verlaufenden Streifen. Sein Haar war kurz und schütter, das Gesicht kantig und makellos: Nirgendwo ragte der Stummel eines Barthaars hervor.
Ich … einen Spinatstrudel, sagte Kai, und ein Bier bitte.
Und, Sobotsky grinste gönnerhaft, als Vorspeise einen Shrimpscocktail. Der geht auf mich, schloss er und lehnte sich mit einer jovialen Geste zurück. Der Kellner wandte sich Sobotsky zu und deutete eine Verbeugung an.
Kai war verwirrt: Aber… ich habe doch gesagt, dass ich kein …, doch der Kellner hatte sich bereits abgewandt. Kai wurde nervös, klopfte seine Brusttaschen ab, suchte Tabak und Papier, fand keinen Aschenbecher und steckte alles wieder weg. Sobotsky lächelte immer noch: Nun, er versank in seinem Stuhl und legte beide Arme auf die benachbarten Lehnen: Sie haben eine Woche Zeit ihren Karneval zu beenden, dann klagen wir. Und wenn es nach mir ginge, Sobotsky hing plötzlich wieder über dem Tisch und seine rechte Hand begann sich langsam zu schließen, dann hätte der Spuk bereits morgen sein Ende. Er funkelte Kai an, für einen Moment schnitt seine Krawatte in die Halsschlagader, dann lehnte er sich zurück und atmete langsam aus.

Wir…, begann Kai zögernd, unsere Forderungen sind berechtigt und die Bevölkerung … Die Bevölkerung, unterbrach ihn Sobotsky, scheißt auf Leute wie sie, die will sich kleiden, nach der neusten Mode, sie werden es nicht glauben, aber es gibt Leute da draußen, die haben Geschmack und Stil. Kai ekelte, er hatte nicht einmal seine Jacke abgelegt, wie eine zweite Haut, die ihn schützte. Aber sie haben Glück, begann Sobotsky wieder, wir haben Mitleid mit ihresgleichen, leider: Wir werden jährlich einen nicht unansehnlichen Betrag spenden, sie und ihre Freunde beenden den Protest und lassen uns in Zukunft in Ruhe … sie haben, wie gesagt, eine Woche Bedenkzeit. Ich rate ihnen das anzunehmen, sonst klagen wir und sie können sicher sein, dass wir etwas finden, bedenken sie ihre Lage: Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch und vergessen sie nicht den herrlichen Paragraph 79a, Strafgesetzbuch, die Bildung krimineller Organisationen. Da hätten sie ganz schön was am Hals, sie kämen ihr Leben lang nicht mehr raus, allerdings sind wir, das ist ihr Glück, viel zu anständig. Sobotsky zog seine letzten Worte, widerspenstig, wie Kaugummi in die Länge.

Der salzig-fischige Geruch des Cocktails ermüdete Kai, er hatte Sobotsky nur oberflächlich zugehört, es war ein sinnloses Unterfangen gewesen, von allem Anfang an. Der Shrimps schwamm in einer hellen, schaumig verrührten Sauce, Majonäse oder Sauerrahm, vielleicht eine Mischung aus beiden und Sobotsky schaufelte sie Löffel für Löffel in sich hinein: Es ist vorzüglich, kosten sie doch!, und es zerriss ihn beinahe vor Lachen.
Sehen sie, Kai schob den unberührten Cocktail zur Seite, sie verstehen sicher, dass ich mit Menschen wie ihnen nicht in einer Gesellschaft leben möchte, ja nicht einmal darf, da sie die Grundlagen aller zerstören.
Im Egoismus vereint, Sobotsky triumphierte, sie haben keine andere Wahl und eine kleine Übung in Toleranz hat noch niemand geschadet. Er leckte seine Lippen: Gott ist das gut. Sobotsky begleitete seine Worte mit zackigen Bewegungen des langgestielten Löffels, wie ein Dirigent, und verteilte feine, weiße Spritzer auf dem Tischtuch, dem Anzug und der Krawatte.
Verstehen sie das?, fragte Kai.
Aber ja, rief Sobotsky, das heißt: Nein!, eine Mischung aus Bestürztheit und Überraschung mimend. Er verharrte in einer nachdenklichen Haltung, dann hob er seine Hände und rief in freundschaftlichem Ton: Sie sind mir aber einer! Sie erlauben? Er griff nach Kais Glas und stellte es vor sich hin: Jammerschade es wegzuwerfen!
Kai streckte seinen Rücken, begann seine Taschen abzuklopfen, als ob er sich um etwas vergewissern wollte, dann klickte es leise und Kai zog einen dunklen Gegenstand hervor: Verstehen sie jetzt?
Sobotsky fiel der Löffel aus der Hand, er rutscht über die Tischkante und bekleckert seine Hose, sein Gesicht wurde kreidebleich, Lippen und Kinn zitterten.
Nehmen Sie ruhig einen Schluck, es wird ihr letzer sein, es schmeckt, im Übrigen, vorzüglich. Sobotsky zitterte, nahm das Glas in seine rechte Hand, und trank, ein langer, gieriger Zug, während seine Augen unablässig auf Kai starrten. Die Sauce lief über seine Mundwinkel, Kinn und Hals abwärts in den Kragen seines Hemds, sogar seine Nase zierte ein weißer Punkt, dann krachte es dreimal, das Glas fiel aus seiner Hand und zersprang auf dem Tisch, Shrimps und Soße schwappten darüber und Sobotsky kracht gegen die Lehne seines Stuhls, wurde von der Mauer wieder nach vorne geworfen und brach auf dem Tisch zusammen. Langsam floss Sobotskys Blut mit der weißen Soße zusammen, Kai steckte seine Beretta 950 in die Innentasche seiner Jacke zurück, und zog eine Kamera aus der anderen. Es sah jetzt aus als würde der Shrimps bluten. Er drückte den Auslöser. Wieder und wieder. Für die Vernissage am Sonntag.

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