Möglichkeit und Ehrlichkeit. Notizen zu einem Interview mit Martin Walser.

Siehe dort.

Wenn man mit allen Möglichkeiten umgeben ist, stirbt das Leben. — Ein bedenkenswerter Satz, ein schöner und zugleich einer, der ein wenig traurig macht, verwandt dem sprichwörtlichen goldenen Käfig, der Welt in der wir alle leben. Zu viele Wahlmöglichkeiten bedeutet mehr als man benötigt: Misst man seiner Wahl Bedeutung zu, dann muss man Zeit, viel und zu viel, mit der Bewertung und Prüfung seiner Entscheidung verbringen und zwar immer, wenn man wählen muss, bei den alltäglichsten Handlungen, man denke an grauenhafte Orte wie Supermärkte (Regale) oder Schuhgeschäfte (ebensolche). Wir verlieren also Zeit über Belanglosigkeiten, ob wir lieber das Erdbeer- oder das Vanillejoghurt essen wollen: Die Zeit ist nicht nur dahin, sie ist unersprießlich vergangen und entscheidungsschwache Menschen werden sich zwischen den Alternativen nicht nur hin- und hergerissen, sondern auch: zerrissen fühlen. Eine weitere Gefahr besteht darin, zu glauben, dass man die Wahl und ihren „Gewinn“ für das Wesentliche hält: Entwicklung, Herausforderung und Hervorbringung bleiben auf der Strecke, weil, so Walsers Gedanke, das Unmögliche (das Nichtversuchte, das Ideale) gar nicht gewagt wird: Wir blieben im Möglichen stecken, eigentlich: Zwischen den Möglichkeiten. Dieses Unmögliche, die Umsetzung seines Traums in die Realität, das muss, möchte ich hinzufügen, in gewissem Sinn eine Wahlmöglichkeit sein, anziehend, fesselnd, aber kein Zwang, vielleicht das: Wille. Zu viele Möglichkeiten lähmen und spalten unseren Willen, anstatt ihn zu konzentrieren.

Weniger folgen kann ich Walser bei seinen Ausführungen zur Ehrlichkeit, er meint, er habe sie durch Genauigkeit ersetzt: Ehrlichkeit ohne Genauigkeit genüge nicht. Wenn Ehrlichkeit bedeutet, nach bestem Wissen und Gewissen, das zu sagen, was man für wahr hält, dann wird diese Eigenschaft nicht dadurch gemindert, dass man sich irrt oder eine Angelegenheit ungenügend genau betrachtet hat (eben, weil dieses Ungenügen nicht reflektiert wird). Ungenauigkeit ist der Wahrheitsfindung abträglich, aber nicht der Ehrlichkeit, sie ist eine Frage von Bewusstheit.

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10 Antworten zu “Möglichkeit und Ehrlichkeit. Notizen zu einem Interview mit Martin Walser.

  1. Gregor Keuschnig 21. November 2012 um 9:42 am

    Ich bekenne ja, dass ich Walser-Interviews wirklich mag, seine Prosa jedoch eher weniger (bis auf „Ein springender Brunnen“). Irgendwann habe ich einfach aufgehört, ihn zu lesen. Aber eben diese Interviews. Und dieses hier ist wirklich nett.

    Was Walser über die Möglichkeiten sagt, ist eine zwiespältige Sache. Er meint die Möglichkeiten, die einem sozusagen präsentiert werden. Denn an sich ist eine Welt mit Möglichkeiten etwas Schönes. Aber nur, wenn diese Kreativität freisetzen. In der Konsumwelt ist es das Gegenteil. Und dabei geht es eben nicht mehr (leider) um Erdbeer- oder Vanillejoghurt, sondern um diverse Sorten Erdbeer- oder Vanillejoghurt. Es geht um fertig produzierte Möglichkeiten, die einem nur lähmen. Es ist ja erwiesen, dass Menschen durch die Vielzahl der Konsum-Möglichkeiten unzufriedener werden. Wenn ich zwischen A und B wählen kann, geht das ja noch. Aber bei Möglichkeiten zwischen A, B, C, D, E und F muss ich mich gegen fünf entscheiden. Und schade um die Zeit, die ich dabei verschwende.

    Ich finde es auch sehr hübsch, was Walser über Meinungen schreibt. Da trifft er sich ja mit Handke. Auch wenn Walsers Ideal einer Selbstwiderlegung ein bisschen arg theoretisch klingt – man hätte dann ja nur die Meinungen verdoppelt. Sinnvoll wäre es, Meinungen zu ersetzen.

    Sehr schön (und wahr) dann dieser Satz: „Das linke Denken ist eine unheimliche Routine des Besserseins.“

    • metepsilonema 21. November 2012 um 11:32 pm

      Diese Interviews… Das erinnert mich ein wenig an Bernhard und Müller.

      In der Konsumwelt erscheinen die Möglichkeiten gleichzeitig als (einzig mögliche) Antworten, ja.

      Mir ist auch das Befragen und Abwägen als Resultat näher (die Widerlegung sollte ja Teil des Entstehungsprozesses sein).

      Diesem, uns bekannten Herren geht es mit Handke anscheinend ähnlich.

      Hm, gibt es das linke Denken?

      • Gregor Keuschnig 22. November 2012 um 12:00 pm

        Schwierig zu sagen, ob es das/ linke Denken gibt. Aber es gibt einen Mainstream, eine Richtung, die natürlich auch einem gewissen Wandel unterzogen ist. Im Moment nehme ich es überaus paternalistisch und dabei selbstgerecht-moralisierend wahr.

        • metepsilonema 23. November 2012 um 12:05 am

          Selbstgerecht und moralisierend, ja. Und ich beobachte immer wieder Schwierigkeiten im Umgang mit Widersprüchen.

          Das soll aber nicht heißen, dass damit alles was links ist, diskreditiert ist (mit dem Lagerdenken tue ich mir ohnehin sehr schwer).

          • Gregor Keuschnig 23. November 2012 um 10:55 am

            Ja, das Lagerdenken ist schwierig. Ich habe neulich eine alte Fernseh-Aufnahme von Walter Höllerer gesehen, einem der Mitmacher der Gruppe 47. Er sagt da sinngemäss, dass das alte Denken von „links“ und „rechts“ immer schwieriger wird auseinanderzuhalten und hält es für überholt. Das war 1963.

            Denn ist es ja gerade der „linksintellektuelle“ Mainstream, der sich vom Konservatismus, also „rechts“ abheben möchte. Immer noch. Wie selbstverständlich wird in Deutschland der Begriff „Rechtsradikalismus“ verwendet, der ja eine politische Haltung illustrieren soll. Während dies noch Konsens ist, geht ein anderes Gespenst in der politischen Diskussion um: Es geht um die „Mitte“, die natürlich alles andere als eine „Mitte“ ist und nicht ideologiefrei. Vermutlich brauchen wir solche politische Gesäßgeographie, um (zuweilen vor-)schnelle Zuordnungen vornehmen zu können.

            Den Walser-Satz umformend und weitertreibend könnte man vielleicht sagen: „Der aktuell vorherrschende kulturelle Hegemon zeichnet sich durch eine unheimliche Routine des Besserseins aus.“ (Das klingt eigentlich furchtbar.)

            • metepsilonema 24. November 2012 um 11:48 pm

              Seltsam, eigentlich hatte ich gestern einen Kommentar geschrieben, der aber irgendwie verschwunden ist.

              Ich finde Walsers Satz als zugespitzte Beobachtung völlig in Ordnung, das kann und soll so stehen bleiben, nur ist eine Zuspitzung eben eine solche und ein näherer Blick zeigt Differenzen und Details, die ausgeblendet sind oder nicht beachtet wurden (es besteht also keine Notwendigkeit ihn umzuformulieren).

              Politische Orientierungen sind hilfreich, ich konnte mich allerdings mit dem Lagerdenken oder ideologischen Leitlinien nie anfreunden, sie ersetzten weder Argumente noch diskursive Prozesse — letztere stellen m.E. eine Gemeinsamkeit her, die wichtig und notwendig ist.

              Ob die Einordnung in rechts und links überholt ist, weiß ich nicht, jedenfalls scheint sie weniger eindeutig oder komplizierter geworden zu sein.

  2. Hajo Stork 21. November 2012 um 11:31 am

    Zuviel Möglichkeiten sind nicht das Problem, sondern Entscheidungsschwäche ist das wirklich Problematische. Wer sich entscheiden kann, der tut es, ob er zwei Möglichkeiten hat oder zwanzig. Ich weiß, welchen Joghurt ich mag.

    • metepsilonema 21. November 2012 um 11:41 pm

      Ich auch: Nämlich keinen. Aber ich gebe zu, dass das Joghurtbeispiel etwas komplexitätsreduziert war; die vollen Regale deuten schon eher auf das Problem, und überdeutlich wird es, wenn wir etwas benötigen, über das wir uns erst informieren müssen und wir einige Wahlmöglichkeiten haben (und eigentlich müssen wir das auch, wenn wir wissen was uns schmeckt, zumindest wenn wir Umweltverträglichkeit, Gütesiegel und andere Aspekte beachten wollen).

      • blogozentriker 22. November 2012 um 10:09 am

        Ich finde das Joghurt-Beispiel eigentlich sehr gut! Man kommt sich, wenn man zum 30. Mal Almighurt, Geschmacksrichtung Erdbeere, kauft, und dabei die Schokostreuselvariante im Nachbarglas sieht, doch wie der vollkommene Depp vor! Wie ein Mensch, der gefangen ist in seinen Gewohnheiten, wie ein Sklave, wie ein Kutschpferd, das, durch Scheuklappen blind gemacht gegen die Umwelt, immer nur geradeaus trabt, den immergleichen Idioten von Herrn hinter sich her ziehend. Man stellt seine Lieblingssorte also zurück ins Regal, nimmt die andere in die Hand, prüft, denkt, dass man all die Möglichkeiten des Lebens doch auch nicht ausschlagen dürfe (man braucht ja nur an Goethe zu denken, der auch nichts ausgelassen hat, von Charlotte bis zum Rheinwein), und plötzlich eröffnet sich mitten in einem ein Canyon totaler Niedergeschlagenheit, man blickt bis zum Grund eines Daseins, in dem man sich nie etwas getraut hat … und deshalb macht man was GANZ Verrücktes und isst heute mal ein Käsebrot zu Abend!

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