Sprache ohne Rhythmus…

…ist Sprache ohne Seele.

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17 Antworten zu “Sprache ohne Rhythmus…

  1. lyriost 10. Januar 2013 um 11:05 am

    Die Behauptung klingt bedeutender, als sie ist. In Wirklichkeit gibt es keine Sprache ohne Rhythmus; selbst der untalentierteste Kanzleisprachenproduzent kommt nicht umhin, kurze und lange Wörter, betonte und unbetonte Silben aneinanderzureihen. Jede Sprache ist von Hause aus rhythmisch strukturiert, und ob sie eine Seele hat, das weiß nur der, der weiß, was eine Seele ist.

    • tbfkab 10. Januar 2013 um 3:41 pm

      Erstaunlich! Rollenwechsel! Lyriost heute als metepsilonema!

      • lyriost 10. Januar 2013 um 5:49 pm

        @tbfkab, für metepsilonema kann ich nicht sprechen, aber ich bin immer ich und nehme an, bei ihm wird’s nicht anders sein. Vielleicht hat der Rollenzuteiler beim Zuteilen einen schlechten Tag gehabt.

    • metepsilonema 10. Januar 2013 um 9:02 pm

      Bezüglich der Seele haben Sie recht (es wäre doch schade, wenn das völlig eindeutig und klar wäre).

      Rhythmus konkretisiert sich erst vor einem Zeitraster im Hintergrund und dieser ist nicht per se in jeder sprachlichen Äußerung gegeben oder mitgedacht bzw., falls Ihnen das besser gefällt: Die Bewusstheit und Deutlichkeit sind entscheidend.

      • lyriost 10. Januar 2013 um 9:20 pm

        Wenn es also, wie Sie sagen, manchmal keinen „Zeitraster“ gibt, vor dem sich Rhythmus konkretisieren könnte, wie sieht dann der Hintergrund aus, vor oder auf dem sich Sprache abbildet, und wie soll ich mir die nichtrhythmische Sprache vorstellen? Ich gebe zu bedenken: Morphologie und Syntax einer Sprache sind nicht abhängig von irgendwelchen „Rastern“ und Hintergründen, sondern sie sind Ausdruck der Struktur einer Sprache.

        • metepsilonema 14. Januar 2013 um 11:01 pm

          Ich drücke es anders aus: Wenn ich einen Text lese, und in ihm einen Rhythmus spüre, dann, weil ich einen Zeitraster mit der Strukturierung des Texts in einen Zusammenhang bringen kann (analog zur Musik, nur etwas „freier“). Ich sage nicht, dass das Leser unabhängig geschieht oder nicht auf verschiedene Möglichkeiten getan werden kann — kennen Sie das gar nicht: Texte die Ihnen völlig unrhythmisch erscheinen und andere, die das nicht sind?

          Noch einmal anders: Ein sich beim Lesen, konkretisierender Rhythmus gestaltet ein zugrunde liegendes Zeitmaß auf eine bestimmte Art und Weise aus, natürlich in Bezug auf Syntax und Morphologie (ich glaube aber kaum, dass diese, eine einzige Möglichkeit festlegen).

          Zur Seele noch: Ist die, unbenommen was sie genau ist, nicht ein notwendiges „Gegenprogramm“ zum platten Materialismus?

          Vielleicht hilft ein Beispiel weiter?

  2. Andreas Wolf 12. Januar 2013 um 1:38 am

    Ich finde den Aphorismus genau richtig und überhaupt nicht bedeutungsheischend. Eine zufällige Aneinanderreihung von Hebungen und Senkungen, wie sie tatsächlich in jeder beliebigen Wortfolge gegeben ist, hat von sich aus noch keinen Rhythmus. Um einem zunächst noch nicht versprachlichten Gedanken oder Gefühl Ausdruck zu verleihen, stehen dem Schreibenden ja erstmal ganz viele Sätze, vielleicht sogar unendlich viele zur Verfügung, die alle syntaktisch und morphologisch korrekt wären. Ein bewusstes Hören auf den Rhythmus der Sätze ist nicht das einzige Kriterium, aber ein sehr wichtiges, denke ich, um den „richtigen“ Satz zu finden, den, der stimmt. Und wenn er stimmt, dann takten sich die Folgesätze wie von selber auf den Rhythmus ein, treiben ihn weiter, und Ergebnis ist im Idealfall ein Text mit Seele.

    • Phorkyas 12. Januar 2013 um 10:52 am

      Wenn wir aber im metaphorischen Bereich blieben so gibt es ja mehr als nur den Rhythmus: Klangfarbe, Harmonie, impressionistische Klangteppiche, Spannung, Volumen, Hubschrauber-Stakkato, kenn mich da nicht aus.

      Was doch zählt ist der Gesamteindruck, die Stimmung, ästhetische Wirkung auf mich – vielleicht ist der altmodische Ausdruck „Seele“ dafür gar nicht so schlecht. (Bei Musik bin ich immer fasziniert, wie stark die auf Stimmungen wirkt.. oder sogar weltanschaulische Dinge, wie z.B. Religiösität, rein in Tönen transportieren kann.)

      Das Stück hier z.B. hat für mich keine Seele, bzw. kann ich nichts damit verbinden, ist aber reiner Rhythmus:

      Bin wohl etwas abgedriftet, aber ein Cage-Zitat möchte ich mir noch leisten, das zeigt, dass man vielleicht auch nur mit Rhythmus weit kommt?
      >>I certainly had no feeling for harmony, and Schoenberg thought that that would make it impossible for me to write music. He said, „You’ll come to a wall you won’t be able to get through.“ I said, „Well then, I’ll beat my head against that wall.“ I quite literally began hitting things, and developed a music of percussion that involved noises. <<

      • Andreas Wolf 13. Januar 2013 um 12:02 am

        Ah, was für ein herrliches Cage-Zitat. Danke dafür. Schoenberg, der Gottvater der Atonalität, erklärt Cage, dass er nicht komponieren könne, weil ihm das Gefühl für die Harmonie fehlt. Erinnert mich an eine Sendung, die ich mal im Fernsehen sah, wo der fast hundertjährige Ernst Krenek erzählte, wie er mit Schoenberg darüber stritt, ob Beethoven oder Schubert der beste Komponist aller Zeiten gewesen ist. Im Innersten sind alle die sogenannten Neutöner doch total harmonieverliebt gewesen.
        Aber jetzt drifte ich erst recht ab. Zurück zum Thema Sprache: Klangfarbe ist neben Rhythmus definitiv auch ein Kriterium für den Text. Die Klangfarbe machen dabei die Vokale, während der Beat von den Konsonanten geschlagen wird. Bei Harmonie wird es schon schwieriger, weil Schrift immer linear dahin läuft und keine Polyphonie zulässt, weil schlicht der Mensch nicht auf polyphone Weise lesen kann. Solch mehrspaltig gesetzte Bücher halte ich letztlich für gescheiterte Experimente, weil man das nicht gleichzeitig aufnehmen kann als Leser, es ergibt nie einen Akkord, den eben nur die Musik kann. Dem Text bleiben aber die Obertöne des Sinns, die ständig mitschwingen, das ist ja auch was.

        • Phorky 13. Januar 2013 um 9:14 pm

          Ihre These von der Linearität von Texten habe ich in ähnlicher Weise schon gehört und diskutiert und erscheint mir immer noch bedenkenswert und irritierend. Ich schwanke da: Ist diese Linearität des sprachlichen Teils unseres Bewusstseins einfach nicht für Polyphonie gemacht (was so sein Experiment wie dieses http://www.wdr3.de/literatur/tomwolf100.html einfach müßig macht) oder ist es vielleicht sogar umgekehrt, dass in unserem Vogelkopfkäfig immer schon so ein Stimmengewirr, eine Vielfalt an Sprachregistern und kaschierten Rissen, dass es gar nicht in Polyphonie gebracht werden muss, sondern schon ist?…
          Und wie wäre es dann mit der Seele in diesem „postmodern“, irrlichternden Sprachpulsen unsrer Iche? Ist das nur der hohle Wiederhall eines Dschinns oder Gins in der Flasche, wenn der mächtige, gesellschaftliche Wüstenwind Atman über die Mündung fegte… oder regen sich in unsren Adern und Gehirnen noch selbständige, unvermessene und unverstandene Gedankenblitzchen, die Zeugnis ablegen könnten von IRGENDWETWAS, das da noch weste? Oder ist einfach nur NICHTS? Nichts hinter den bizarren, farbprächtigen Galaxienballungen, dem organisch-entropischen Tanz all dieser Molekülverbindungen auf dieser blauen Irrsinnskugel, die durchs All taumelt.

          Sorry grad was existenziell gestimmt.

          • tbfkab 14. Januar 2013 um 12:09 pm

            Wahrscheinlich ist doch jeder einzelne Satz schon eine Sinfonie, oder? Das Einsträngige daran ist dann der Sinn, den wir herauszuhören meinen, das wäre etwa die Kopfstimme, die Arie, die vor dem Schmettern des Orchesters gesungen wird. (Was ja auch erklärt, warum man Dinge mehr oder weniger gut sagen kann. Und an dieser Stelle könnte auch der Rhythmus als Element des Gut-Sagens seinen von der Kritik hymnisch gefeierten re-entry feiern …)

          • metepsilonema 14. Januar 2013 um 11:22 pm

            Vielleicht ist die tatsächliche Vielstimmigkeit in sprachlichem Sinn schlicht mit Wahnsinn gleich zu setzen…

            • Phorky 14. Januar 2013 um 11:41 pm

              ..und ohne Wahnsinn keine Kunst, Literatur – kein Ich, kein Mensch?

            • blogozentriker 16. Januar 2013 um 5:54 pm

              Interessant natürlich die Frage, wie das mit einem Chor von Stimmen in Deinem Kopf ist, der Dir befiehlt, durchs ganze Unternehmen zu gehen und die Kollegen auszulöschen — und das alles in einwandfreiem Rhythmus! Wunderbar strukturiert, reine Wort-Musik, herrlich!

              Ein solcher Fall könnte die Diskussion hier noch einmal neu beleben, das spüre ich ganz deutlich!

      • metepsilonema 14. Januar 2013 um 11:14 pm

        Nun, Sprache ohne Rhythmus verweist ja darauf, dass noch etwas anderes außer ihm da ist, Du hast natürlich völlig recht. Ich möchte allerdings darauf beharren, dass jede harmonische Entwicklung an eine zeitliche gebunden und diese meist rhythmisch strukturiert ist.

        Schönes Zitat, ja.

  3. lyriost 16. Januar 2013 um 1:17 pm

    Der schlimmste Wahnsinn ist der Sinn-Wahn.

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