Intensität und Seele

Die Intensität ist die Seele der Dinge, oder, um ein anderes Wort zu verwenden: Ihre Tiefe. — Was wir heute vor allem tun, ist: den Schaum abschöpfen, im Vorübergehen und daher nicht einmal gründlich. Das Beiläufige muss folglich Entseeltes genannt werden, ohne Kern, also Hohles oder eben: Flaches; nicht, dass alles Seele haben müsste oder nichts beiläufig getan werden darf, dennoch: Die häufige Klage über einen Mangel an Seele oder eben: Tiefe, legt Zeugnis ab, von einem Bedürfnis danach und einer Schwierigkeit diesem gerecht zu werden.

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16 Antworten zu “Intensität und Seele

  1. blogozentriker 19. Februar 2013 um 4:17 pm

    Sehr schön! — Nur schiene mir die Analyse ohne den Akzent auf dem Heute fast noch besser zu sein!

    • metepsilonema 19. Februar 2013 um 9:54 pm

      Danke. Nun, das einzige Problem ist, dass ich die Situation nur aus dem Heute kenne, und nur vermuten kann wie sie früher ausgesehen hat.

      • blogozentriker 20. Februar 2013 um 10:32 am

        Nun, der Formulierung ist aber zu entnehmen, dass es heute anders sei als früher („Was wir heute tun“ — wozu man automatisch ja ergänzt: „Wohingegen in früheren Zeiten“) — was Du ja aber, wie Du selbst sagst, nicht zu beurteilen vermagst. Ich meine jedoch, dieses Problem, der Tiefe der Tage gerecht zu werden, sei ein durchaus überzeitliches. (Unzweifelhaft sind die Mittel, dem Eigentlichen auszuweichen, verfeinert worden; früher musste man Karten spielen, heute gibt’s die Playstation usw.)

        • metepsilonema 20. Februar 2013 um 9:48 pm

          Nun, — dieses zum dritten –, was das „heute“ v.a. impliziert ist die technische Entwicklung, die es zu anderen Zeiten nicht gab, im Besonderen die Kommunikationstechnologie, aber nicht nur die. Was ich nicht kenne und allenfalls abschätzen kann ist die konkrete Situation für einen Menschen eines anderen Jahrhunderts, ich kenne eigentlich nur meine und vielleicht die einiger anderer. — Der grundlegende Unterschied zwischen heute und früher, den Du implizit schon ansprichst, ist: Es wurden nicht nur die Mittel verfeinert, wir weichen heute grundsätzlich dem Eigentlichen aus, als ob es eine Grundverfassung wäre und finden eher dann und wann dazu zurück (und hierbei spielt eben die Technik eine wesentliche Rolle). Heute als Betonung eines technischen Entwicklungsstands ohne Kenntnis des Erlebens früherer Generationen, so war es gemeint.

          • blogozentriker 21. Februar 2013 um 10:45 am

            Genau dieses, mein lieber Freund: „Wir weichen heute grundsätzlich dem Eigentlichen aus“, ist, nimmt man Dein Bekenntnis, über die alten Zeiten nicht viel sagen zu können, als Schluss eher unlogisch. Was taten die ollen Griechen grundsätzlich? Platon beispielsweise stellte ihnen im „Höhlengleichnis“ nicht das Eigentlichkeit-stärkste Zeugnis aus. Waren die Leute im Mittelalter dem Eigentlichen näher? Näher dran an der Wirklichkeit? Weil sie kein Fernsehen hatten? Ohne iPhone lebten usw.? Sind die Momente des Eigentlichen nicht jene, in denen wir es kurzzeitig in unserer Haut mal aushalten? Und liegt genau hier nicht das Problem? Dass der Mensch offenbar nicht dafür geschaffen ist, es in seiner Haut von Haus aus aushalten zu können?

            • phorkyas 21. Februar 2013 um 10:44 pm

              Da muss ich ausm Keller einen Rahmen holen: „Dass der Mensch offenbar nicht dafür geschaffen ist, es in seiner Haut von Haus aus aushalten zu können.“
              Irgendwo zitiert Paul Auster ’nen anderen, der behauptete, alles Unglück des Menschen käme daher, dass man es nicht einmal alleine in einem Raum auhalten könne. (Ich habe ja „Invention of solitude“ im Verdacht, aber das habe ich nun dauerhaft verliehen) – Könnte es also auch fast lauten, dass der Mensch es nicht in seinem Haus von Haus aus aushalte? Besser nicht. Aber deswegen geht er dann raus und schaut sich die anderen Deppen an, um sich ihnen überlegen zu fühlen. Und ob man jetzt zu der Begründung mit der Religion sich eine Seele einhaucht oder Philosophie, Ideologie, Wissenschaft oder RTL heranzieht, is doch durch alle Zeiten ziemlich wurscht.

              • blogozentriker 22. Februar 2013 um 9:59 am

                Das geht jetzt aber nicht, Phorky! Du kannst in einer sekundärwissenschaftlichen Arbeit zur metepsilonematik nicht Pascal nach Paul Auster zitieren, noch dazu mit der Anmerkung: „dauerhaft verliehen“. So gewisse Standards müssen auch in der Postmoderne mit ihrem ständigen Augenzwinkern (Tic?) gewahrt bleiben …

                • Phorkyas 24. Februar 2013 um 6:41 pm

                  Hoffentlich wird mir dieses wissenschaftliche Fehlverhalten nicht zum Verhängnis – so ein falsches Augenzwinkern und schon ist der Kommentar oder die Doktorarbeit hin.

            • metepsilonema 22. Februar 2013 um 6:42 pm

              Das kommt darauf an was man unter „wir“ versteht, es historisch wie Du auffasst oder gegenwärtig wie ich: Wenn „wir“ die heute Lebenden meint, dann reicht für die Feststellung doch ein wenig Selbst- und Fremdbeobachtung, oder?

              Der Mensch wurde wahrscheinlich in Reinform für keines der beiden „geschaffen“, ich möchte zweierlei einwenden bzw. ergänzen: 1) Das Eigentliche schließt das Bei- oder Miteingebundensein anderer nicht aus und 2) viele technische Kommunikationsmittel stören unsere Konzentration, und damit das was ich oben mit Tiefe, Intensität oder Seele zu beschreiben versucht habe (wie das zu anderen Zeiten war, weiß ich nicht, da ist sicher Vorsicht geboten, allerdings gab es unseren technischen Standard damals nicht).

              Zustimmen möchte ich, dass die Eigentlichkeit uns mit uns selbst, sozusagen, versöhnt. Eine andere Möglichkeit wäre die Einrichtung im Konsum (ob das Versöhnung ist, lasse ich einmal dahingestellt).

  2. tom-ate 22. Februar 2013 um 1:54 pm

    Und wenn das Beiläufige nun bereits endgültig das Eigentlichste wäre?? Und der Wunsch nach – Tiefe nur ein zwergenhaftes Begehren, aus seiner Haut wohin auch immer zu fahren? Die Suche, also die Sinnsuche, das Hineingreifenwollen ins transzendete Herz der Dinge, war doch seit jeher des Menschen eigentliches Problem. Das Naheliegende und Beiläufige macht uns derweil die lange Nase und den Spott abonniert haben zuvörderst Literaturprofessoren und ihre Feuilletonisten. Die Intensität der Phänomene per se entdecken, das wäre m.E. die Bescheidenheit, mit der Oberfläche der Dinge überhaupt klar zu kommen. Wie könnten Hohlkörper je Diamantfahrzeuge werden? Kritik an heutigen „system“- oder technikbedingten Verhohlkörperungen heizt das Begehren der Suchenden an, mehr nicht. Keine Kritik und keine Revolution macht uns aber je zu Göttern, mal ganz banal gesprochen.

    • blogozentriker 22. Februar 2013 um 3:38 pm

      Wahrscheinlich völlig richtig! Das Problem ist nur: Hat man diesen Punkt erreicht, gibt es nur noch eines — die Umkehr! Vielleicht wäre das Streben nach Menschlichkeit ja eine Lösung, wenn es höher hinauf nicht geht?

      • tom-ate 22. Februar 2013 um 4:20 pm

        Umkehr scheint mir schon ein wichtiges Stichwort! In vielen Ohren mag da zwar der Beiklang „reaktionär“ anschwellen. Die Debatte lief auch rund um die zerborstenen Reaktoren in Fukushima. Primat des Primaten, die Technik in die Schranken. Und Menschlichkeit ist ein so großes Wort. Wir müssten doch erst lernen, es richtig auszusprechen. Und das, ohne uns die Köpfe einzuschlagen. Ginge das überhaupt?

        Ich sehe noch einen anderen Weg. Und weiß nicht gar nicht, ob ich ihn begrüßen oder ablehnen soll. Aber Bewusstsein, Bewusstsein – und um nichts anderes geht es doch – ist im Menschen an einem toten Punkt angelangt! Aber der so am toten Punkt Angelangte könnte durchaus versuchen, Bewusstsein in eine höhere Umlaufbahn zu schleudern! Noch versteht man nicht alle notwendigen Ingredienzien, aber warum sollte Bewusstsein grundsätzlich nicht einen Quantensprung tun und in potentiell unsterblicher Maschinengestalt oder in Schädeln bionischer Hybridzombies erst eine Tiefe erlangen können, den wir uns nicht mal vorstellen können? Ja, das ist Blasphemie. Aber wir Menschen wären immerhin der notwendige Durchlauferhitzer, ein verzweifelter, sterblicher Prometheus, der die Herstellung künftiger Götter zu verantworten hätte. Immerhin.

        Oder doch lieber die olle Büchse öffnen, die A-Bomben zünden.

        Drei Wege also. Welchen geht die Menschheit?

        • blogozentriker 22. Februar 2013 um 5:51 pm

          Aber ist der dritte Weg nicht dann doch der Weg zu den Göttern? Der Umweg zur menschlichen Göttlichkeit? Wir wären die Trägerraketen der Erlösung, sozusagen, meinst Du, ja? Aber womöglich sind wir das ja eh. Womöglich fängt irgendwann das Internet an zu denken, zu reden, zu laufen. In den Foren beispielsweise macht die Menschheit sich ja tatsächlich schon auf eine post- oder zumindest extrahumane Weise mobil, scheint mir. Wir werden zu Anhängseln des WWW. Auch diese Diskussion hier, wäre sie denn ohne Internet denkbar? Was hätte sie ohne Internet für einen Sinn? Wenn wir in einer Kneipe säßen und über Transhumanität sprächen, das Bier am Hals, da käme uns der Diskurs ja nie so flockig über die Lippen! Wer weiß, wer das hier liest und aufgreift …

        • metepsilonema 22. Februar 2013 um 10:21 pm

          Umkehr kann auch bedeuten: Eine andere Abzweigung zu nehmen.

    • metepsilonema 22. Februar 2013 um 10:18 pm

      Das Beiläufige kann vielleicht zum Eigentlichen werden, wenn alles was man tut zu ihm wird, so könnte ich es mir vorstellen (vorstellen!).

      Nun: Aus seiner Haut fahren oder vielleicht in seiner Haut sein, in seine Haut finden. — Nicht eher letzteres?

      Der Sinn ergibt sich aus der Art und Weise des Tuns, oder sagen wir: Er ist eng mit ihr verbunden.

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