Immerhin, einen Blogtext kann man nicht als handschriftliches Manuskript hinterlassen

Von Roman Frost

„Das Schlimmste ist natürlich, wenn es zu literarisch wird!“, sagte der Doktor zu mir, bevor er sein Kellerbier mit leisem Schmatzen an seine fetten roten Lippen setzte.
Je, dachte ich, da hast du allerdings recht!
Der Doktor trank, dann setzte er, ein Geräusch ablassend, das ungefähr wie „Arch“ klang, das Bier wieder auf den Tisch. Er drehte den Griff des Glases so, dass er einen Winkel von 90 Grad zum Claim, abgedruckt unten auf dem Bierdeckel, bildete. Er stopfte seinen Daumen in die Westentasche und ließ seinen kurzsichtigen Blick über das Volk gleiten, das sich im Biergarten versammelt hatte. Er war ein eleganter Herr, mein Doktor! Berlin, 20 Uhr, vor vielen Jahren.

Ich musste mir den Vorwurf gefallen lassen, das Literarische auf Biegen und Brechen angestrebt zu haben. Gebogen hatte ich jede Menge (Grammatik, Metaphern, die Regeln des Stils), gebrochen nicht selten dieselben Dinge. Manchmal hatte ich auch einfach nur so gebrochen, ohne Objekt.
Was wollen Sie? Man kann sich auch von seiner Dummheit überraschen lassen! So ist es ja nicht! Und ich hatte es auch oft genug getan, ich war geradezu ein Experte in diesem Fach geworden … aber jetzt war auch meine Dummheit ratlos.
Wie war es soweit gekommen? Ich meine, dass außer dem Literarischen überhaupt nichts mehr für mich Geltung hatte? (Karriere, Geld, Ansehen, Macht, sogar Liebe … nichts davon kam auch nur ansatzweise in Betracht, wenn ich darüber nachdachte, was mir WIRKLICH etwas bedeutete. Da war immer nur das Literarische. Oder, um es weniger masochistisch auszudrücken: die Literatur. Meine Helden waren Leute wie Joseph Roth, Egon Friedell oder Alfred Polgar … Sie sehen: Ich war ein HOFFNUNGSLOSER Fall!)

Hinter meinem Willen zur Literatur stand vor allem das Streben nach Anerkennung. Selbstvergewisserung, ebensowohl der Welt wie mir selbst gegenüber. Da ich seit frühester Kindheit ein seltsamer Kauz war (heute würde man wohl „Freak“ sagen), angefüllt mit Beängstigungen, die so aufgeblasen waren wie unstatthaft, hatte das Bild, das ich in der Öffentlichkeit abgab resp. das sich die Öffentlichkeit (notgedrungen) von mir machte, die skurrilsten Formen angenommen. Es war ein verrücktes Bild, weniger Abbild denn Urbild. So eine Art stacheliges Rund, eine gräulich flackernde Fata Morgana im rechten Augenwinkel, die auch ein Blinzeln nicht vertreibt (wenn Sie verstehen), ein Bestiarium ohne den mindesten Anstrich von Interessantheit … es war seltsam. ICH war seltsam. Etwas war schief gelaufen. Meine Außenwirkung, die mir, notabene, völlig egal war, war außer Kontrolle geraten. Wie ein abgerissenes Starkstromkabel peitschte sie über den Asphalt und ließ Funken stieben.

In diesem Funkenregen war ich unterwegs. Ich redete auf die Leute ein, oder ich latschte über den Schulhof, und während ich mir einbildete, die Dinge unter Kontrolle zu haben, entstanden um mich herum bizarre Formationen von Meinungen. Man interpretierte. Das ging ungefähr so: Ein Beduine steigt in der Wüste von seinem Kamel und pisst in den Sand. Daraufhin kommen Gerüchte auf, es habe in Strömen in der Wüste geregnet, eine Flutwelle sei durch die Sanddünen gebraust, ein Tuareg habe das Schlauchboot erfunden … Wahnsinn.

Dabei war es nicht etwa so, dass irgendjemand ernsthaft Interesse an mir gehabt hätte oder mir die Hand gereicht … aber sind wir nicht alle so in jener Zeit? Als Kinder, die keine Erwachsenen werden, als Erwachsene, die keine Kinder bleiben dürfen? Wenn wir Rufmörder in der Ausbildung sind?

Trotzdem, von diesem Punkt rücke ich nicht ab: Die Oberfläche des Wirklichen, auf der viele sich so behaglich bewegen wie auf dem Deck eines Kreuzfahrtschiffes, war für mich von Anfang an ein Schwarzes Loch … oder nein, ich will nicht ganz so pathetisch sein: Sie war wie Gummi. Extrem dehnbares Gummi. Tief und weich und nachgiebig wie Watte. Ich konnte keinen Schritt vor den anderen setzen, ohne dass das ganze Koordinatensystem durcheinander gewirbelt worden wäre, wie auf einem kubistischen Gemälde – plötzlich haben Ihr Auge und Ihr Knie die Plätze getauscht …
Auch das war natürlich nur Literatur. Nur Literatur, ja, das war es wohl, wenn auch schlechte.

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4 Antworten zu “Immerhin, einen Blogtext kann man nicht als handschriftliches Manuskript hinterlassen

  1. metepsilonema 15. April 2013 um 4:54 pm

    Nachträgliche Korrektur: Ein falscher Titel hatte sich eingeschlichen, er wurde ersetzt.

  2. Phorky 17. April 2013 um 11:35 am

    Was habt ihr denn gerade nur mit dem Starkstromkabel? Zu wenig Spannung im Alltagsleben?

  3. tom-ate 18. April 2013 um 8:33 am

    [Der Blogozentriker offline? Hm.]
    „Die Oberfläche des Wirklichen, auf der viele sich so behaglich bewegen wie auf dem Deck eines Kreuzfahrtschiffes, war für mich von Anfang an ein Schwarzes Loch“ oder „Gummi“. Ja, kenn‘ ich. Das Deck eines Kreuzfahrtschiffs wäre vielleicht behaglicher, aber aus der Gummiperspektive betrachtet auch fürchterlich langweilig.

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