Gegen jede Vernunft

Von Roman Frost

Heiner Müller wird jetzt auch vergessen. Das ist ein Autor, der nicht mehr in unsere Zeit passt. Auf Amazon kann man gut verfolgen, wie das kulturelle Erbe nach und nach wegbröckelt. Die vorzügliche Heiner-Müller-Biographie von Jan-Christoph Hauschild, „Das Prinzip Zweifel“, ist jetzt nur noch antiquarisch zu haben. Die tollen Gespräche aus mehreren Jahrzehnten unter dem Titel „Gesammelte Irrtümer“ gibt es schon länger nur noch als Restposten. Dass man Müller mit einer Gesamtausgabe bei Suhrkamp kanonisiert hat (also kaltgestellt), kann man auch als Zeichen lesen.

Das ist der Fluch des E-Books – dass es die flüchtige, schnelle, ephemere Lektüre bevorzugt. Das E-Book ist nur noch Oberfläche, wo das Buch Archiv war. Das Buch kaufte man, stellte es ins Regal, irgendwann meldete es seine Ansprüche auf unsere Aufmerksamkeit an. Das Buch war eigentlich ein Genosse, ein Mitbewohner, manchmal ein Freund, manchmal ein Feind, manchmal ein entfernter Bekannter, dem man Obdach gewährte, obwohl man sich ganz indifferent zu ihm verhielt.

Bücher sollten im Idealfall Sprengstoff enthalten. Im E-Book befindet sich Lesestoff. Dadurch werden sich natürlich auch die Bücher ändern, die Texte. Sie müssen sich darauf einstellen, kürzere Verarbeitungszeiten zu haben. Müßiges und mußevolles Blättern ist die Sache des E-Book-Nutzers nicht mehr. Für sperrige Texte sind E-Books das falsche Medium, denn diese stehen unter dem knallharten Diktat von Angebot und Nachfrage. Was ist ihr Nutzen? Auf ihre Pageturner-Qualitäten kommt es an. Auf den glatten Lesefluss.

Das E-Book ist eigentlich ein bisschen wie Fernsehen, wie Film. Man geht in ein Buch, sozusagen, in eine literarische Geschichte, wie man um 20.15 Uhr einen Film einschaltet, dessen Beschreibung in der Zeitung ganz interessant klang. Man hat da den direkten, schnellen Zugriff auf den Text, man kann ihn wegklicken und dadurch verschwinden lassen, und also werden auch die Bücher film- und fernsehmäßiger. Sie werden devoter, sie biedern sich an. Davon wiederum ist die Folge, dass die Leser autonomer werden. Souveräner. Herrschaftlicher. Sie nehmen die Haltung von Experten an, weil tatsächlich ja die Bücher so geschrieben sind, dass sie den Bedürfnissen der Leser dienen. Das macht die Leser plötzlich zu den Herrschern über den Text – weil man versucht, ihre Mediokrität zu bedienen, ihrer Denkfaulheit aufzuhelfen. Die Souveränität wandert vom Autor zum Leser, und das ist eine schreckliche Entwicklung, denn es handelt sich natürlich um eine falsche Souveränität, letztlich geht es um Schmeichelei. Der Autor schmeichelt seinem Leser, und bald wird er ihn hassen und verachten.
Dann ist das Schreiben tot, dann bleibt nur noch diese ganze Idiotenscheiße, mit der unsere Gehirne vollgestopft werden.

Gegen all das steht Heiner Müller. Er ist ja ein schwieriger Autor, der sogar sich selbst als Findling gegenüber tritt, der nicht genau weiß, was er will. Er traut dem Text mehr zu als sich selbst. Sein künstlerisches Verfahren passt nicht mehr in diese Zeit. Das Tastende. Er ließ sich vom Traum inspirieren, kam vom Surrealismus. Heute beherrscht das Konzept alles. Das hat natürlich mit Vernunft rein gar nichts zu tun. Aber es bedient sich der Verfahren der Rationalität. Man könnte auch sagen: Es parodiert diese. Das ist eine Haltung, die nach und nach aus der Wirtschaft herüber gewandert ist in den Bereich der Kultur. In der Wirtschaft gibt es ja keine Probleme, da gibt es nur Lösungen. Und diese Lösungen sind immer einfach. Einfach und, das ist der dahinter verborgene Trugschluss, genial, weil geniale Lösungen immer einfach sind (auch ein genialer, weil einfacher, Mythos).

Die Wirtschaftswelt steht unter dem Zwangsdiktat der Rationalität, und das färbt auf unsere ganze Umgebung ab. Sogar Autos, Umweltkiller Nummer 1, werben ja damit, sie seien gut für die Umwelt, weil sie nicht so total schlecht mehr sind wie vor ein paar Jahren noch, weil sie ein bisschen weniger Schadstoffe ausstoßen. Das ist die Logik. Es ist eine Afterlogik. Eine irre, kranke Logik. Es ist im Grunde ja gar keine Logik, es ist Wortverdreherei. Sprache im öffentlichen Raum, die heutzutage fast ausschließlich werblich ist, besteht aus Wortverdreherei. Da sitzt die Wurzel des Übels. Wir werden umspült von Lügen. Wir leben in einem Meer aus Lügen. Tendenziöse Vereinfachungen. Jede einzelne kleine Unaufrichtigkeit mag ganz harmlos sein. Aber wenn man eingetaucht ist in ein Meer von kleinen Unwahrheiten, die uns alle mit einem netten Augenzwinkern von ihrer Harmlosigkeit überzeugen wollen, dann verändert das auf die Dauer unsere Wahrnehmung. Es beeinflusst unsere Auffassung von Lüge und Wahrheit. Was uns als unterschwellige Botschaft erreicht, ist ja dieser Gedanke: Man muss gar nicht die Wahrheit sagen; man muss nur seine Lüge geschickt verpacken!

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7 Antworten zu “Gegen jede Vernunft

  1. phorkyas 1. Mai 2013 um 7:33 pm

    Sorry, aber bei dieser Herunterschreiberei des Ebooks ist ihnen, Herr Frost, der Gaul ein bisschen durchgegangen (kein Wunder dass Sie dann auch bei der Gülle). Das erinnert mich doch ein bisschen zu sehr an den hirnweichen Kulturpessimismus a la FAZ, die begierig den ganzen Untergang des Abendland in der verlorenen Haptik ertasteten. O, Blindgeborene – hängt eure Bildung, euren Goethe doch noch höher, aber nehmt endlich mal nen Strick der hält.

    • Billy Bob Thornhill 2. Mai 2013 um 9:51 am

      Jetzt reicht’s mir aber mit der billigen Polemik! Wo kann man etwas von Ihnen lesen, Herr Phorkyas?

    • Roman Frost 2. Mai 2013 um 11:29 am

      „… dass Sie dann auch bei der Gülle“ — WAS?, Mann? Wo denn Gülle? Was haben Sie eigentlich mit Ihrer Gülle, Sie sind ja BESESSEN, Sie Güllianer!

  2. phorkyas 2. Mai 2013 um 1:12 pm

    Da ist mir das „landen“ durch die Finger geschlüpft. – „Idiotenscheiße“ „Afterlogik“, das ist doch von Ihnen. Ich habes es lediglich ins Ländliche transponiert.
    (Weiß auch nicht warum ich so auf die Barrikaden gehe, vielleicht um ein Banner auszurollen: „WIR WOLLEN BOB MACHA ZURÜCK!“ – ’s geht mir doch was Nahe, dass der größte Blogger so einfach von uns gegangen sein soll; ausgerechnet Macha, der Unplattbare.)

    • Billy Bob Thornhill 2. Mai 2013 um 3:33 pm

      „… das war eine Sucht. Ich habe Tag und Nacht geschrieben, war total verschuldet, weil ich außer dem Blogozentriker nichts mehr gemacht habe. Schrecklich. Ich hielt mich ganz ernsthaft für Bob Macha auf dem Höhepunkt dieser Lebensphase, lief im weißen Anzug herum, ließ mir einen Bauch wachsen. Ich wollte er sein, wollte mein altes Ich abschütteln. Es war eine Krise, klar, aber gleichzeitig war es auch der absolute Kick. Ich war permanent high. Immer führte ich ein Notizbuch in meiner Tasche mit mir, und sobald sich die Gelegenheit bot, zack, hab ich mich irgendwo hingesetzt und ein paar Zeilen geschrieben. Meist Dialoge. Da fühlte ich mich Bob sehr, sehr nahe. Ich bewegte mich wie er, ich sprach wie er, ich … na ja. Das führt jetzt wohl etwas weit, aber es war schon heftig.
      DIE ZEIT: Waren Sie krank?
      ROMAN FROST: Krank, war ich krank … nein, würde ich heute nicht mehr sagen. Ich denke oft an ihn, an Bob, frage mich, wie es ihm wohl geht … Aber damals, so vor ein, zwei Jahren – ja, doch, damals war ich vermutlich krank. Ganz bestimmt.“

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