Plug the book in, Orpheus! Replik auf eine Erwiderung, die ihrerseits wütende Reaktionen auslösen dürfte

Von Prof. Dr. Roman Frost, Geislingen und Paris

Ehrlich gesagt, dear mete, ist für mich der Höhepunkt, früher hätte man gesagt: die Apotheose des bildungsbürgerlichen Denkens, an dieser Stelle Deines Traktats erreicht: „Da man aber durch Zufall und ohne Zwang herein gekommen ist, klopft man sich den Staub von den Kleidern und erkennt, dass das so schlecht gar nicht ist.“

Das stimmt doch einfach nicht! Kleist lesen aus Spaß an der Freude?! Passt das in die Welt, die Du kennen gelernt hast? In meinen Augen ist es wirklichkeitsscheuer Idealismus (ich bin mir nicht sicher, ob diese Differenzierung wirklich notwendig ist; ist Idealismus nicht IMMER wirklichkeitsscheu?): „Oh, ja! Besingen wir die Macht des guten Textes, die Kraft des wohlgesetzten Wortes!“ Und selbst wenn das in einem von einer Million Fälle vorkommen sollte: Zum Normalfall taugt es nicht!

Erinnere Dich doch mal, wie Du an die Literatur gekommen bist. Wenn ich Dir kommentarlos den „Kohlhaas“ in die Hand gedrückt bzw. auf Deinen E-Reader geladen hätte – hättest Du so reagiert, wie Du’s für Mr. X, den Mustermann aus der Essay-Welt, reklamierst? Hättest Du das Gefühl des Entstaubt-Werdens gehabt? Wahr ist doch, dass da eine Welt war, vor der man etwas ratlos, etwas ängstlich, mit der halbfertigen Verachtung des Halbstarken stand, vor der Bücherwelt, der Literatur-, der Tonio-Kröger-Welt, die für Jungs schon ne ziemlich schwule Sache war und für Mädchen insofern nur halb befriedigend, als es doch eine Männerdomäne war, wie das Boxen.

Ich erinnere mich – um das mit der Tonio-Kröger-Welt aufzulösen – an diesen jungen Typen, dem eine Schullektüre noch einmal in die Hände fiel. Er wollte in einer Minute zum Fußballtraining aufbrechen, las vorher aber noch ein paar Sätze, an seinem alten Schreibtisch hockend. Und plötzlich lösten diese paar Sätze etwas aus. Plötzlich entstieg ihnen ein Trost. Da tat sich eine andere Welt auf, eine Parallelwelt, noch vor dem Boom quantentheoretischer Erwägungen. Das wäre wohl nie passiert, wenn da nicht dieses Buch auf meinem Tisch gelegen hätte und wenn wir nicht, was alles an mir vorbeigerauscht war, darüber im Unterricht gesprochen hätten. Dieses schmale Buch wurde zu einem Tor, und dazu musste verdammt viel Zufall zusammenfallen. Beispiel: Unser Deutschlehrer, ein nicht unkomplizierter Mensch, hatte in einer Stunde gefragt, wie dieser Tonio Kröger eigentlich aussehe, um unsere Lektüreaufmerksamkeit zu prüfen, und ich hatte, beschämt, weil ich irgendeine Art von Spaß auf meine Kosten witterte, geantwortet: „Ungefähr wie ich, wohl.“ Das prägte. Vielleicht, weil eine reale Begegnung eine Rolle darin spielte?

Es kann natürlich sein, dass es andere Wege geben wird, wie man in die Literaturbegeisterung hineingerät. Dass man in Zukunft auf dem Blog eines Autors Kommentare hinterlässt, der Autor antwortet, empfiehlt Kleist, empfiehlt Kant, empfiehlt Kempowski, gibt jede Menge hilfreiche Ratschläge, die den Alltag echt erleichtern, und so bahnt man sich seinen Weg in diesen Wörterdschungel, bis man seine Lichtung gefunden hat, auf der man’s notfalls aushalten kann.

Ich finde aber, ehrlich gesagt, diesen notwendigen direkten Bezug zum Autor eher zweifelhaft. Ist das nicht kranker Fanismus, unbedingt einem verehrten Schreiber auf die Pelle rücken zu müssen? Genau HIER, meine ich, wäre Zurückhaltung, wäre Beschränkung auf Virtualität angebracht. Tut man sich denn selbst, tut man der Sache der Literatur einen Gefallen mit diesem Behaaren auf der Nennung von Ross und Reiter, wo es um Pegasus und Hauke Haien geht? Gerade weil man einen Autor verehrt, sollte man sich von der Privatperson, die er ist, fernhalten. Finde ich. Die Bücher sind Mittler, Hermesgestalten, Pforten der Wahrnehmung, sie führen von dieser Welt in eine jenseitige. Was ist denn das überhaupt, Lesen? Walter Benjamin hebt (ich glaube, in seinem „Sürrealismus“-Aufsatz) den telepathischen Aspekt der Sache hervor.

Es ist ja doch auch die Entscheidung, als Autor zu existieren, eine irgendwie traurige, eine, die man täglich vor sich selbst rechtfertigen muss, wenn man das Schreiben ernst nimmt, weil man weiß, dass es alles so grundlos ist, asozial, fragwürdig, schattenhaft und leer. Respekt, pflege ich zu sagen, kommt von Abstand! (Natürlich pflege ich das nicht zu sagen, käme mir nie in den Sinn; aber ich wollte den von Dir präferierten hohen Ton auch einmal anschlagen.)

Stimmt, stimmt, stimmt: Ich hänge überholten Vorstellungen von Literatur an. Vielleicht bin ich auch ein Haptiker, das will ich gar nicht leugnen. Mir ist auch klar, wie albern diese Haltung ist, dieses „Ah, hervorragende Papierqualität!“-Ding. Ich rieche ja auch nicht an Buchseiten. Gleichwohl bin ich Materialist. Ja. Dass irgendwo ein Geist aus Worten herumhängt, der sich in mein E-Book (lies: Wunderlampe) verirrt, wodurch alles, alles gut wird, halte ich für Kitsch. Da oben ist immerhin ein ganzer Himmel aus Geistern, auch in der Leihbibliothek stehen Leitern bereit, die hinaufführen, aber wer nutzt sie denn? Die reale Präsenz des Textes, die Verkörperung des Geistes, um es mal etwas scharfzustellen, liegt mir am Herzen. Ich glaube einfach, dass die Virtualität der Schrift der Schlamperei Tür und Tor öffnet! Ein banales Argument, wirst Du zu Recht sagen; aber ich werde sagen: „Wer nichts der Sprache vergibt, vergibt nichts der Sache“, und das ist ein Zitat von Karl Kraus, aus dem Regal in meinem Kopf gezogen, insofern also vielleicht auch falsch.

Klar, es gibt Missbrauch. Man kann sich hinter Bücherwänden gut verschanzen, seinen Dünkel pflegen, sich großtun und auf alles feuern, was einen modernen Geist zu verkörpern scheint! Leugnete ich das je? Ich rede natürlich von einem Ideal, aber keinem wirklichkeitsscheuen: dass man immer belegen kann, was man redet, auch vor sich selbst, sollte eine Grundvoraussetzung sein. Dass man die Bücher als Schutz vor der Welt nimmt, aber nicht als Schutz vor der Wirklichkeit. Darum geht’s. Ich hab auch x Bücher in meiner Bibliothek stehen, die ich entweder noch nicht gelesen oder bereits wieder komplett vergessen habe. Trotzdem ist sie eine Mahnung, ein Fanal, sozusagen, aus Papier. „Bleib wachsam!“ Wenn ich das E-Book ausschalte, schlummert es vor sich hin.

Und dann Dein Happy End! Ein Idiot mit seinem E-Book entdeckt Heiner Müller neu? Ach, komm, mete! Come on! Wie stößt er denn auf den? Indem er nach „Henry Miller obszön schockierend“ sucht? Werke haben keine Souveränität, das weißt Du doch auch, sie sind nicht stark, das ist, um in gut journalistischer Manier den Bogen zurückzuschlagen zum Anfang, Bildungskitsch. Das Gegenteil ist wahr – dass Bücher Verteidigung und gute Anwälte brauchen, dass Texte schutzlos sind und für jede Art von Missbrauch und Erledigung offen. Schund wie diese Auspeitschungsbücher, die, natürlich hauptsächlich in herunterholbarer (auch aus dem Netz) Form, die Bestsellerlisten stürmen, belegt ja genau diese Tatsache.

Wahr ist auch: Eine neue Literatur wird entstehen, aber es wird nicht mehr MEINE sein. Mir unter dem Deckmantel des Argumentativen die Trauer darüber verbieten zu wollen, stellt schon jenen Verrat am Geiste dar, den Deine Tirade ja eigentlich kassieren wollte. Hehehe. Ein bisserl more Adorno gesagt.

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19 Antworten zu “Plug the book in, Orpheus! Replik auf eine Erwiderung, die ihrerseits wütende Reaktionen auslösen dürfte

  1. metepsilonema 2. Mai 2013 um 3:45 pm

    Eine Art Leserbriefessay, der mich eben erreichte; eine Antwort folgt in Kürze (abends).

  2. Andreas Wolf 2. Mai 2013 um 10:38 pm

    Ein sehr interessanter Disput, „Mete vs. Doc Frost“, hätte ja fast das Zeug zu einem Superheldenmovie. Aber zur Sache: ich bin auch kein Papierbeschnüffler, und dieses immer wieder zu hörende Gerede vom unverzichtbaren Geräusch der Papierseiten beim Umblättern und dem betörenden Duft des Leims, der diese Seiten zusammenhält, ist wirklich kaum auszuhaltender Stumpfsinn. Da fragt man sich als Nicht-E-Book-Besitzer schon manchmal, ob man noch auf der richtigen Seite der Front steht. Für mich gibt es viel pragmatischere Gründe, das E-Book abzulehnen: ein Papierbuch kann ich mit in die Badewanne nehmen, selbst wenn es nass wird, und die Seiten sich ein bisschen wellen, kann ich es immer noch lesen. Beim E-Book ist unter Umständen meine ganze Bibliothek hinüber, auf jeden Fall aber das Lesegerät selbst, das ich mir dann neu kaufen muss. Außerdem erwerbe ich beim E-Book nicht die Sache selbst, sondern nur ein Nutzungsrecht, das mir genauso wieder entzogen werden kann. Angenommen ein Buch wird nach Erscheinen vom Gericht verboten, das kommt ja durchaus vor, da ist es kein Problem für Amazon, den Titel von allen Lesegeräten wieder wegzusaugen. Das Papierbuch hingegen holt kein Polizist bei mir ab.
    Andererseits denke ich aber auch: Heiner Müller und Gombrowicz hatten es auf dem reinen Papierbuchmarkt auch nicht gerade leicht, die sogenannte schwierige Literatur wird nie den Markt beherrschen, das kann doch auch gar nicht das Ziel sein. Die Tatsache, dass hirnloser Dreck die Bestsellerlisten immer anführt, scheint mir völlig unabhängig vom momentan gängigen Lesemedium. Und insofern geht es ja sowieso immer nur um diesen einen aus einer Million, es ging nie um etwas anderes bei heinermüllermäßig sperrigen Büchern.
    Die Verbreitung der E-Books wird die Texte verändern, da stimme ich Herrn Frost völlig bei, aber ein Hintertürchen für das Abseitig-Geistvolle wird vielleicht, so wenigstens meine Hoffnung, auch da offen bleiben. (Aber ich selber bleibe beim müßigen Blättern.)

    • metepsilonema 2. Mai 2013 um 11:03 pm

      Der Kindle ist kein E-book-reader, sondern ein Versklavungsinstrument.

      • Andreas Wolf 2. Mai 2013 um 11:18 pm

        Genauso wie iPad und das Ding von Google, oder? Die wollen uns alle versklaven. Wo wäre der freie E-Reader? Ich sehe keinen.

        • metepsilonema 2. Mai 2013 um 11:27 pm

          Ich presche einmal vor und behaupte, dass der Pocket-book-reader frei ist, soweit ich das beurteilen kann.

          • Andreas Wolf 3. Mai 2013 um 12:24 am

            Die alleinige Tatsache, dass man es eben tatsächlich nicht mehr selbst beurteilen kann, ob man noch frei ist oder vielleicht doch schon am Gängelband eines digitalen Imperialisten hängt, spricht doch schon Bände. (Gedruckte, gebundene Bände selbstverständlich.)

            • Billy Bob Thornhill 3. Mai 2013 um 9:21 am

              Natürlich sind diese Dinge, nimmt man sie auseinander, sehr transparent. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, sobald man sie trennt, Heiner Müller und E-Book sind, in der Analyse, klar, völlig getrennte Dinge. Schwierig wird es nur, sobald man ihr Ineinandergefügtsein betrachtet, um ein Wort zu benutzen, das unseren Phorky auf die Barrikaden treiben wird wegen seiner FAZität. Wie auch immer, ich beharre darauf, dass die Literatur NICHT für sich selbst spricht. Ich beharre aber nur so darauf, wie man sich an eine Theorie hält: um Licht ins Dunkel zu bringen. Möglicherweise ist Literatur, echte, große Literatur, auch evident, geht dem Lesenden, der offen ist, sofort ein und auf. Stelle ich nicht in Abrede. Mir scheint nur wahrscheinlicher, dass eine Literatur, die nicht vermittelt, erklärt, unters Volk gebracht und verteidigt wird, demnächst ihren letzten Seufzer tun wird. (André Gide lehnte, als Lektor bei Gallimard, bekanntlich Prousts Meisterwerk ab.) Alle geistigen Traditionen, die nicht gepflegt werden, gehen unter. Und auch in seiner elektronisierten Version ist das Schreiben ein zu schwaches Medium, um sich gegen das Geballer des Gesamtvideokunstwerks Welt zu behaupten.
              Ein anderer Aspekt ist, dass das Buch, das alte, noninteraktive, einen dazu zwang (positiv könnte man sagen: erzog), es mit sich selbst auszuhalten, die Gesellschaft des eigenen Geistes zu ertragen, sich an sich selbst zu gewöhnen. Das kann ja ein sehr stressiger Zustand sein! Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass der E-Reader nicht innerhalb allerkürzester Zeit zum Plaudertäschchen, Kommentarspaltendings und Zirpzirpzirp herabkommen sollte. Aber, na ja. Das soll Phorky beurteilen, der versteht diese Welt besser!

              • metepsilonema 3. Mai 2013 um 10:09 pm

                Natürlich spricht die Literatur nicht zu jedem, dazu muss man schon dem Kreis der Erlauchten angehören, dann aber hört man sie verständlich, nachgerade deutlich, selbstverständlich, klar, sonst könnte auch jedermann mit dem Kleist ins Bett und, ich meine, das geht doch gar nicht, Kleist und ein Arbeitsloser, ich bitte Sie!

                • Billy Bob Thornhill 3. Mai 2013 um 10:19 pm

                  Die Sache ist: Natürlich gibt es Leute, die die Literatur nötig haben. Aber schreiben die dann Bücher, von denen 80 Prozent der Idioten, die dieser Unterhaltung folgen, sagen würden, es handele sich um „Literatur“? Du weißt ganz genau, dass man den meisten Mitmenschen erklären muss, warum es nicht so gut ist, wenn sie ihren Kindergartengenossen das Nasenbein brechen! Die meisten denken, es reiche aus, hart zu sein und gemein zu sein und einigermaßen auf dem Quivive, um als „Mensch“ durchzugehen. Reden wir doch nicht über Literatur, als sei sie ein Massenphänomen! Und ob diese 3 oder 4 von 1.000, die wirklich auf Literatur angewiesen sind, auf eine andere Art des Diskurses, die paar Verzweifelten und Spastis, die sich in die herrschenden Man-Geschäfte nicht einklinken können — ob die ihre Entdeckungen nun in der Stadtbibliothek machen, im Bücherregal des Onkels oder auf einem verfuckten E-Reader — Du glaubst ja nicht, wie scheißegal mir das ist!

                  • metepsilonema 4. Mai 2013 um 1:18 pm

                    Schon wieder eine Geschichte: Die Lüge, dass die Kunst besser mache oder Künstler bessere Menschen wären, dass ich nicht lache: Wagner for President! Da muss man schon froh sein, dass manche nur Künstler wurden, und man wäre noch froher, wenn es andere geschafft hätten. Differenzieren wir mal ein wenig, dann erkennen wir, dass es da eine nicht unbedeutende dritte Gruppe gibt, von der die Literatur, im Sinne der Autoren, tatsächlich lebt: Jene Menschen, die für ihr Leben gerne lesen, die gute Bücher schätzen, die Lesungen besuchen und so fort, für die Dein Angewiesensein in einem ganz anderem Sinn gilt. Das ist eine andere Lüge, eine Lebenslüge, ein bemerkenswerter Prozess von Verdrängung, dass gerade diese Leute nicht nur vergessen, sondern von denen, die sie am Leben erhalten auch noch mit Füßen getreten werden.

                    Und warum eigentlich dieser Text?

            • metepsilonema 3. Mai 2013 um 5:12 pm

              „So weit ich das beurteilen kann“, weil ich mir noch kein E-book gekauft habe, sondern den Reader in anderer Hinsicht nutze; es spricht aber dafür, dass pocketbook anfangs gar keine eigene Einkaufmöglichkeit implementiert hatte (außerdem gehe ich bislang nicht über den reader ins Netz, es kann also niemand von dort darauf zugreifen).

  3. Pingback: Eine Bibliothek sei jedem vergönnt! | Makulatur

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