Ein letztes Wort, mete

Von Billy Bob Thornhill

Ich interessiere mich nicht sehr für den Ausgang von Geschichten, sagt Bob Macha gelangweilt. Mich interessieren eher die Anfänge. Vermutlich liegt es daran, dass alle Geschichten – soweit ich das beurteilen kann, zumindest – das gleiche Ende haben.

Später erhalte ich eine E-Mail, darin steht:

Kann sein, dass ich generell mit Geschichten nicht viel anfangen kann. WAS geschieht, ist doch immer völlig gleichgültig; WEM es geschieht, das ist es, worauf es ankommt!

Eines der Lieblingswörter von Bob Macha lautet: „Heckenschützen.“ Heckenschützen – er spricht gern auch von „snipers“ – sind seine fixe Idee. Er fühlt sich von ihnen umzingelt, belauert, ins Visier genommen.
Ich lebe mit einem Fadenkreuz auf meiner Stirn, sagt er, und seine Stimme senkt sich dabei zu einem düsteren Bass.

Man wird attackiert, während man schreibt, WEIL man schreibt, sagt er, finden Sie sich damit ab! Es gibt keine Gnade, solange Sie sich strikt weigern, im Staub zu liegen. Das ist das Gesetz der Arena. Solange Sie aufrecht stehen, sich aufrichtig geben, aufgerichtet leben und nicht wie ein Wurm, wird man Sie als Zielscheibe betrachten. Wer schreibt, betritt die Arena.

Es ist Bob Machas Lieblingsüberzeugung. Man schreibt, weil man etwas Großes anstrebt, einen großen Moment von universaler (oder zumindest überregionaler) Gültigkeit. Einen Moment, von dem die Leute noch in JAHREN sprechen werden. Ein Fanal, eine himmlische Posaune, die Offenbarung eines Engels. Das ist der wahre Grund, weswegen er die E-Books hasst, die Verstreuung der Aufmerksamkeit, die Normalverteilung des Interesses, die Demokratisierung der Literatur: Jedes Buch, das neu auf den Markt geworfen wird, mindert die Chancen seines eigenen Werkes, das nächste ganz, ganz große Ding zu werden.
Ich bin für Chancengleichheit, lässt er mich spät in der Nacht per Mailbox wissen, aber nur, wenn die Chancen deutlich gegen die anderen stehen.

Seine Bücherwand. Ich ertappe ihn, wie er davor kniet, Bücher herauszieht, sie prüfend aufschlägt, seine Fingerspitzen über die Seiten gleiten lässt, an der Bindung schnuppert. Er sucht etwas, und er ist irre, aber vielleicht, vielleicht ist er auch etwas ganz anderes!

Ich habe keine Illusionen, sagt er und haut seine Hand auf den Tisch. Ein Ausbruch, der Schrei eines verletzten, erschreckten Tieres, eine Verzweiflungstat.

Er wolle frei sein, sagt er, und dabei stützt er seine Stirn in seine Hände, frei sein von dieser ganzen Scheiße, diesem Mitmachenmüssen, diesen lauernden Kleingeistigkeiten gehässiger, windschiefer Gehirne. Und dann, darauf angesprochen, ob es sich nicht nur um eine Leugnung seiner eigenen Mittelmäßigkeit, seiner profanen Sterblichkeit handele bei seinem ausgestellten Ennui, weicht er plötzlich aus. Sein Blick wird glasig, gläsern, unlebendig. Er will nicht mehr. Die Widersprüche seines Lebens haben ihn zerrieben. Innerlich, sagt er. Innerlich bin ich Stroh, ein leises Rascheln bei jeder Bewegung, er hebt einen Arm, beugt ihn, starrt fasziniert auf seine Fingerspitzen: Hören Sie es nicht?

Ich stehe in der Arena, sagt er später, und jeder Feind, den ich besiege, den ich in sein eigenes Blut hinabtrete (und ich leiste mir bei dieser pathosgetränkten Formulierung den Luxus eines Lächelns, wofür Macha mich eine Viertelstunde anschreien wird, nachdem er seinen Satz beendet hat), jeder besiegte Feind bringt mir einen neuen Gegner.
Wie bei der Hydra?, frage ich.
Leck mich doch am Arsch!, schreit Bob Macha.

Eine Antwort zu “Ein letztes Wort, mete

  1. Phorkyas 3. Mai 2013 um 9:09 pm

    (Jetzt hast du aber zu lange danach gefragt: http://www.youtube.com/watch?v=B4jWyVr_8Ro )
    Replik des Replikanten wird noch repliziert

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