Eine begeisterte Ansprache an die Συμπαρανεκρωμενοι

Von Dr. Phorkys replizierenden Replikanten, praktizierenden Praktikanten

Werte Συμπαρανεκρωμενοι,

auch wenn ich nachgerade nicht unschuldig bin an der Befeuerung dieses diskursiven Glimmspans, so liegt mir doch nichts ferner als Öl ins Feuer zu gießen oder nur das letzte Wort behalten zu wollen. Nein viel lieber machte ich mich anheischig, meine Blase in die schon halb erloschene Glut zu entleeren … mit Gedanken an Freud¹.

Gut, dass hier keiner lacht. Erleichternd. Aber Sie da vorne rechts, Ihr Grinsen war gefährlich, ich halte Sie im Auge. Ich bin nicht so lustig wie Kafka, ich meine es ernst: Kultur ist wert, dass sie zugrunde geht. Noch schlimmer die hocherhabene Bildung – da reicht schon meine Browning nicht, um sie auf die sie im Munde führenden Kanaillen zu richten. Nun Sie könnten es für eine Grille halten oder einen intermittierenden, pathoblogischen Hasspredigeranffall, aber ich bin wirklich überzeugt, dass Kultur etwas Übles ist, dass die lebendigen Triebe und Kräfte des Geistes verdorrt und verödet.

Betrachten wir diese Krankheit des Geistes einmal genauer. Sie werden die Symptome sicherlich schon einmal bei einem Bekannten oder gar an sich selbst festgestellt haben: der betroffene dudelt sich den ganzen Tag mit WDR5, Deutschlandradio oder Mozartgeklimpere voll, fängt an Rotwein zu saufen und das Bukett zu preisen, geht ins Theater, Kabarett, Kleinkunst oder gar die Oper … und lässt nicht davon ab sich selbst und seinem gesamten Umfeld einzureden wie wichtig und toll all diese Widerlichkeiten sind – vielleicht schließt er sich auch ins Studierzimmer ein und beriecht und betatscht stundenlang seinen Достоевский, denn ja das Buch, das ist sein größter Fetisch. Ebooks sind des Teufels, wie alles Digitalverpixelte. Er hält’s da ganz mit Tarrantino, der zu Digitaleffekten im Kino meinte, dann könne er ja gleich seinen Penis in die Playstation stecken. Am besten also wieder Vinyl. Aber … ist das jetzt eine Selbstbeschreibung? Durchaus, ich gehöre doch auch dazu, auch ich habe gewisse Namen, bei deren hören ich wohl auch ehrfurchtsvoll nicke, als stünden sie für etwas Heilighohes. Und mehr ist Bildung dann doch auch nicht als dies billige Rhizom, das lose Geflecht von Namen, die mit Bedeutung völlig überladen, als müssten sie zur Salzsäule erstarren, wenn man nur die Zauberworte raunt: Gombrowicz oder Kleist.

Müsste es bei nüchternem Verstande oder jemand Zurechnungsfähigen von Außen nicht irre erscheinen? So irre ist es nun einmal das Spiel des animal symbolicum, das den Einflüsterungen von Geistern folgt, seien es Engelszungen oder Ideologien, die da soufflieren. Aber wir sollten hier nicht alles in eins verrühren, sonst erwiesen wir die Schädlichkeit der Kultur nur an schirrmacherischen Zerfranstheit des eigenen Hirnknäuels.

Warum löten wir uns also solch komplexen Kram auf die Platine, der unser Gesichtsfeld so verzerrt, dass dessen Verzerrtheit schließlich unsichtbar ist für uns. Kultiviertheit ist eben immer noch der feine Unterschied. Bildung verheißt Aufstieg. Deswegen muss jetzt schon im Kindergarten Chinesisch gebimst werden bis der Arzt kommt. Und hilft’s was? Wird’s auch irgendwann mal eingelöst das Versprechen, hier und nicht erst im Jenseits? Deshalb nenne ich es die Bildungslüge. Nehmen wir wieder mich selbst: Arbeiterfamilie, kleines Kaff im Nirgendwo, erste Generation, die studiert, dann gleich bis zum Doktor und nun sitz‘ ich hier als Praktikant in diesem Loch und muss mir die Finger wundtippen für diese Rede, während der Chef – wer nichts wird, wird Wirt – die letzten Penner abfüllt. So sieht’s doch aus. Bildung, das ist die Lüge mit der man den Pöbel unter dem Pantoffel hält. Die Möhre, die immer ein unerreichbares Stück weiter vorne hängt, wenn es dann doch nicht klappt. Können Sie ruhig senden in Ihrer Journaille oder Blog.

¹Eine großartige Fußnote: Psychoanalytisches Material, unvollständig, nicht sicher deutbar, läßt doch wenigstens eine – phantastisch klingende – Vermutung über den Ursprung dieser menschlichen Großtat zu. Als wäre der Urmensch gewohnt gewesen, wenn er dem Feuer begegnete, eine infantile Lust an ihm zu befriedigen, indem er es durch seinen Harnstrahl auslöschte. An der ursprünglichen phallischen Auffassung der züngelnden, sich in die Höhe reckenden Flamme kann nach vorhandenen Sagen kein Zweifel sein. Das Feuerlöschen durch Urinieren – auf das noch die späten Riesenkinder Gulliver in Liliput und Rabelais‘ Gargantua zurückgreifen – war also wie ein sexueller Akt mit einem Mann, ein Genuß der männlichen Potenz im homosexuellen Wettkampf. Wer zuerst auf diese Lust verzichtete, das Feuer verschonte, konnte es mit sich forttragen und in seinen Dienst zwingen. Dadurch daß er das Feuer seiner eigenen sexuellen Erregung dämpfte, hatte er die Naturkraft des Feuers gezähmt. Diese große kulturelle Eroberung wäre also der Lohn für einen Triebverzicht. Und weiter, als hätte man das Weib zur Hüterin des auf dem häuslichen Herd gefangengehaltenen Feuers bestellt, weil ihr anatomischer Bau es ihr verbietet, einer solchen Lustversuchung nachzugeben. Es ist auch bemerkenswert, wie regelmäßig die analytischen Erfahrungen den Zusammenhang von Ehrgeiz, Feuer und Harnerotik bezeugen.

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9 Antworten zu “Eine begeisterte Ansprache an die Συμπαρανεκρωμενοι

  1. Roman Frost 5. Mai 2013 um 10:16 am

    Natürlich hat jeder, der einen Text schreibt, ein Motiv, das man als erbärmlich oder lächerlich, wahlweise natürlich auch als zutiefst menschlich und des Mitleids würdig betrachten kann. Ich frage mich nur, warum manche diesen perversen Drang haben, ständig auf die falschen Orte zu urinieren! Das Netz ist voll von Plätzen, denen ein rabiater, pathologischer Kahlschlag mal sehr, sehr gut täte. Wo ein solches Kettenbriefmassaker eine Wohltat wäre, für uns alle. Stattdessen fällt man, so mein Gefühl, ständig über die Wohlmeinenden her, kackt denen ins Essen — und hält sich noch für Wahrheitsstifter vom Range eines Prometheus! Für jemanden mit einem megaüberzeugenden Standing! DAS ist widerlich, nach meinem Empfinden, DAS ist erbärmlich, und das ist für mich jetzt Grund genug, mich von dieser Scheiße abzuwenden. Löscht lieber eure dämlichen Blogs, statt anderer Leute kleine, unstete Flämmchen, in deren flackerndem Licht sie sich durchs Leben bewegen!

    • phorkyas 5. Mai 2013 um 2:02 pm

      Aber erlauchtigster, professsoraler Zeremonienmeister,

      beachten Sie doch bitte auch die Dialektik dieses Geschreibsels. Der nichtswürdige Wurm hat sich doch nicht in sein Güllefass gestürzt, ohne sich vorher mit Kierkegaard, Kafka, Freud, Goethe und Schiller zu imprägnieren. Das kann man doch bei aller Landluft nicht überriechen. Beinahe hatte ich Sie schon auf die Zen-Weisheit hinweisen wollen, nach der, wenn alles nach Scheisse riecht, man.. – aber Sie haben freilich recht, was die Rücksichtnahme auf kleine Flammen angeht. In meinem Loch ist die Funzel schon fast erloschen, und wenn da so ein Unhold wie meinereiner hineinpoltern würde, da..
      Genug ist genug.

      Ergebenst,
      Ihr Phorky

    • metepsilonema 5. Mai 2013 um 4:12 pm

      Zuerst das Fressen, dann die Moral. Streicht man die Polemik weg, dann bleibt etwas vielleicht im Kern Bedenkenswertes, einen Perspektivenwechsel vorausgesetzt, und sei er nur eine Übung.

  2. metepsilonema 5. Mai 2013 um 3:36 pm

    Ein paar kleine Korrekturen wurden noch auf Wunsch des Autors eingefügt.

    • Ein echter Naturbursche 6. Mai 2013 um 12:19 pm

      Das, was in mir eine Aversion gegen diesen Einwurf erzeugt, ist, vom archaischen Gestus der Rede, der wohl irgendwie Kierkegaard zum Kronzeugen anrufen soll, einmal abgesehen, erstens: dass Gombrowicz mit Bildungsidealen in Verbindung gebracht wird, wofür er ja nun tatsächlich kein besonders gutes Beispiel ist (der kleinadelige Pole fand selbst das Hochkulturgetue extrem dämlich und darf mit einigem Recht als durchs Sieb des hochkulturellen Gedächtnisses gefallen betrachtet werden), weshalb ich diese Bezugnahme nicht anders verstehen kann als eine tückische Spitze gegen den inzwischen zum Glück vom Erdboden verschwundenen blogozentriker, der dauernd von irgendwelchen Leuten gepiekst und gepiesackt wurde, die ihm kurz darauf unter Tränen versicherten … lassen wir das. Zweitens gefällt mir nicht sehr gut, dass durch die Polemik gegen den, zugegebenermaßen albernen, Kult der Bildung, das Festhalten am schön eingebundenen Buch, an einem Ideal, das mit Einkehr und Prüfen und vorsichtigem Differenzieren zu tun hat, für meinen Geschmack durchscheint eine Begeisterung (die definitiv nicht echt sein kann) fürs Primitive, fürs rohe Leben, für das allenfalls medium durchgebratene Stück Fleisch zwischen den Zähnen. Das ist doch Affektation pur bei einem, der von sich sagt, er sei Doktortitelträger! Wenn er Doktortitelträger ist, dann hat er ja sogar die Ursprünglichkeit seines guten Namens bereits verraten, und ich verstehe einfach nicht, wo der Sinn dieser bärenfellzotteligen Urzeit-Posse ums Lagerfeuer liegen soll, wenn er nicht ungefähr da liegt, wo der Sinn für den Manager liegt, der sich in ein Wildwasser wirft mit seinem Kajak.

      Gut, Kultur ist eine Geisteskrankheit, das sehe ich ein, das unterschreibe ich sofort. Sie ist Neurose. Aber so zu tun, als wäre sie nicht eine wenigstens menschlich anziehende Reaktion auf die schiere Brutalität und Barbarei des Lebens, auf den Horror der Existenz, das finde ich, ehrlich gesagt, befremdlich, um kein verdammtes Schimpfwort zu verwenden!

      PS: Natürlich versperre ich mich nicht gegen die komische Schönheit der Fußnote.

      • phorkyas 6. Mai 2013 um 9:19 pm

        Nein, das mit dem Gombrowski, war keine Spitze gegen Bob, sondern lag primär daran, dass der hier in den Kommentarspalten auftauchte und dass ich gerade „Yvonne“ gelesen hatte und in einer Einführung ins moderne polnische Theater steckengeblieben war. Das war keine Spitze. Ich meinte das ernst.. aber es ist vermutlich auch egoistisch, dass ich das Ende des blogozentrikers betrauere, weil da eine Hauptanlaufstelle weg ist – und ich beneide ihn ein wenig für seine Konsequenz, endlich Schluss zu machen.

        Ciao,
        Phorky

        • Roman Frost 7. Mai 2013 um 2:28 pm

          Na ja, okay, gut, ich meine, vielleicht haben wir uns da alle etwas … mag ja sein, wir sind hier auf ein Terrain abgerutscht … etwas nervig vielleicht, diese ganze … da sieht man halt, wie essentiell für gelingende Kommunikation doch eine Hemmung ist, sei es a) durch persönliche Konfrontation (Gespräch) oder b) zeitliche Verzögerung (Brief, Nachdenken). Nichts für ungut auf jeden Fall. Trotzdem ist Gombrowicz ja gerade KEIN Beispiel für gelungenes Einschleichen in den Kanon der Hochliteratur, auch wenn er es, da würde ich Dir vorsichtig zustimmen (und spätestens mit dem „vorsichtig“ öffne ich ein Türchen für weitere schlüpfrige Kommentare), nicht abgelehnt hätte, am Ende neben Goethe im Regal zu stehen. Dass Kleist inzwischen tatsächlich auf demselben Regal Platz genommen zu haben scheint, dafür findet sich ein Beleg beispielsweise hier: http://www.goethezeitportal.de/digitale-bibliothek/kleines-feuilleton/brief-an-kleist.html

          • metepsilonema 7. Mai 2013 um 9:11 pm

            Wenn aber die Realität schlüpfrig ist?

            Das Ungehemmte an dem Disput fand ich gerade reizvoll, weil wir es sonst doch anders halten; man muss es vielleicht etwas später noch einmal sichten.

  3. metepsilonema 8. Mai 2013 um 1:11 am

    Das selbstverständlich Wichtigste ist, dass mir die Diskussion einen neuen Klickrekordtag beschert hat, inklusive eines lukrativen Werbsvertrags. Hähähä!

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