Lebenslauf, der:

Eine spezifische Form von Verrat.

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12 Antworten zu “Lebenslauf, der:

  1. Rainer Rabowski 6. Mai 2013 um 7:12 pm

    Ziemlich hintersinnig … aber scheint mir immer mehr zu stimmen, je länger ich drüber nachdenke.

    • metepsilonema 7. Mai 2013 um 9:02 pm

      … und bitterböse, wenn die Selbstbeschreibung gestattet ist.

      • Rainer Rabowski 11. Mai 2013 um 12:36 pm

        Böse ist ja (oft) gut.
        Trotzdem frage ich mich bei solchen Einsichten auch: Gewinnt man damit Souveränität – oder sind sie letztlich der erste Schritt zu einer neuen Art Verfälschung?

        • metepsilonema 11. Mai 2013 um 8:12 pm

          Souveränität, weil der vorhandene subjektive Anteil, dem Selbst zur Behauptung verhilft, in dem er, wissentlich, über sich selbst hinaus weist, eine vermessene, aber eben: notwendige Geste; zugleich ist das vielleicht schon Verfälschung, sicherlich dann, wenn man die Geste nicht mehr bemerkt.

  2. Billy Bob Thornhill 11. Mai 2013 um 8:55 pm

    Ist hier eigentlich ein Selbstverrat des den Lebenslauf Schreibenden gemeint, der an der Fabel seines Lebens herum retuschiert, bis auch die Charakterlosesten damit noch einverstanden sein müssen, oder wirklich, dass der Lebenslauf ein Verräter am Lebensgelaufenen ist? Weil er, was wir mühsam als Lebenstotalität uns erworben haben (auf die wir freilich ja immer nur partiell zugreifen können, selbst wenn sie irgendwo in unbeschadeter Gesamtheit existierte), in so einer grotesken Deformationsinterpretation darbietet?

  3. metepsilonema 13. Mai 2013 um 8:41 pm

    Die seltsamen Lebenslaufgebaren unserer Tage kann man als Zuspitzung eines grundlegenden Irrtums auffassen, dass, wie Du so schön schreibst, der Lebenslauf ein Verräter am Lebensgelaufenen (seinem Leben, seiner Person), ist.

    Ich hab immer wieder Differenzen, positive und negative, zwischen dem Lauf und der Person, so ich sie kennen lernte, festgestellt.

  4. Anonymous 14. Mai 2013 um 1:21 pm

    Die Geschichte über ein Ereignis ist notwendig immer eine andere als der „Lauf“ des „eigentlichen“ Ereignisses. Das aber ist oft nur zu fassen als Geschichte (oder einer Form / Darstellungsform sonstwie genannt als Erzählung). Man kann nur versuchen, das Erstere als Qualitas im Zweiten auffindbar zu machen. Von daher kann zuletzt auch die Erzählung über eine Sache in dem berühmt „höheren Sinne“ „wahr“ sein – und oft ist sie vom Lauf des Ereignisses überhaupt das Einzige.

    Etwas anderes wäre dann die (willentliche) Verfälschung – und in dem Zusammenhang noch mal eigen wäre dann der hier benutzte Begriff des „Verrats“. (Eine allerdings moralische Kategorie, weil sie ihre Wertung in sich trägt.)

    Trotzdem kann der Verrat aber Freiheit bedeuten (und das also in mehr als nur dem Sinne der Emanzipation von der Wahrheit oder deren Anspruch). Wie überhaupt die“Lüge“ schon phänomenologisch Freiheit bedeutet… und so weiter. Und somit entwickelt sich Moral eben an ihrer dauernden Übertretung.

    So bleibt alles Immer wieder schön paradox. (Und halbwegs interessant.)

    • metepsilonema 15. Mai 2013 um 9:42 pm

      Schöner Kommentar. Vielleicht setzten wir hinsichtlich des Lebenslaufs diese auffindbare Qualitas als selbstverständlich voraus?

      Ein Verrat kann Freiheit bedeuten, ja, allerdings scheint mir das in diesem Fall (im Sinn einer verallgemeinernden Feststellung) eher den gegenteiligen Effekt zu haben (bzw. eine Tendenz zu existieren, die eine solche Handlung fördert oder gar verlangt, eines übergeordneten „Projekts“ wegen).

      • Rainer Rabowski 16. Mai 2013 um 11:01 am

        Ich glaube, immer mehr Leute leiden ja einerseits unter dem Performance-Druck als Persona und dem Zwang wie der Sehnsucht andererseits doch auch nach „Authentizität“. Und was den allermeisten nicht klar ist, scheint eben die Einsicht, dass die Suche nach der Balance da ein unabschließbarer Prozess ist. (Mit unterdessen einem Ausgang oft gegen einen selbst.)

        Das andere, was mich (aber in diesem Zusammenhang) am Verrat interessiert, ist die „soziale Geste“, die Lossagung – und wie (oder inwiefern überhaupt, durch welche Wege … das Böse, durch vorsätzliche Unverständlichkeit, durch eine Art Kunst-Setzung) das noch passieren kann. Und wie ernst das gemeint sein kann (hat man doch Beispiele, kennt man doch die Konsequenz.).

        Dass die Konsequenzen letztlich unscharfe bleiben müssen – und insofern im Lebenslauf verhandelbar, die „Lüge“ konstitutiv und produktiv wird – wissen, denke ich, alle, besonders die Prüfer. Laslo Földenyi spricht in anderem Zusammenhang von der „unvermeidlichen Unklarheit“. Und dennoch ist sie zu ertragen.

        Wenn ich mir das hier mal erlauben darf: Ich empfehle in dem Zusammenhang mal diese Buchbesprechung. Da geht es etwas in die Richtung, die ich meine.

        • metepsilonema 18. Mai 2013 um 12:40 pm

          Wäre der Verrat in der vordergründigen Spielart des vorliegenden Falls nicht gerade der Nichtverrat oder eine Art von Verweigerung?

          Interessanter Link, danke. Dass das Dasein von sich aus keine Mitte hat, ja. Ebenso mag ich zustimmen, dass die Unklarheit unvermeidlich und zu ertragen ist (und auch ihr Gutes hat); ich glaube aber, dass ein „starker Moment“, einer der „Ganzheit“ vermittelt, der dem nahe kommt, was man als Zusammenfallen von Subjekt und Objekt bezeichnen kann, als „bloßes“ Dasein, etwas wie Trost — ich würde das jetzt nicht explizit mystisch nennen –, durchaus ohne Fremdheit auskommen kann.

          • Rainer Rabowski 18. Mai 2013 um 2:52 pm

            Das verstehe ich jetzt so, dass die Bedenkenlosigkeit (die so oder so) oft die überzeugendere Kraft wäre als alles überlegte Taktieren. Und dem würde ich zustimmen.

            (Wobei mir einfällt, dass, als ich es mir leisten konnte, ich gerade in solchen Interview- und Bewerbungssituationen – in denen es also um Lebensläufe ging – manchmal alles auf eine Karte gesetzt habe – schon aus Mutwillen dahin. Das wurde dann durchaus bemerkt, und manchmal ging es für und manchmal geben mich aus, aber mein Selbstgefühl dabei – wenn auch womöglich wiederum öfter eine Art Täuschung – war fast jedes Mal besser. Einmal gab’s aber auch so was wie einen Kater.)

            Das mit Földenyi hat für mich doch stark mystische Töne, obwohl er solche Momente (auch) außerhalb der Mystik sieht. Naturgemäß habe ich da nur wenig eigene Erfahrung, aber demnach waren auch die „Ganzheit“ dann doch eher „fremd“, zumindest stark ausnahmehaft. („Ganzheit“ verstanden als annähernde Entsprechung, denn das Wort, obwohl es das womöglich beschreibt, was im Ergebnis passierte: ohne Rest mit sich zusammenfallen, wäre mir sicher nie gekommen, schon gar nicht mit den heutigen Konnotationen.)

            • metepsilonema 18. Mai 2013 um 11:48 pm

              Ja: Erst wenn ich bedenke, beginne ich zu taktieren.

              Das was ich meinte, ist am besten mit Heideggers Seinsvergessenheit beschrieben (ich hoffe ich habe das jetzt richtig im Kopf).

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