Rückkehr und Stimmen: 1. Erzählung eines Traums

Ein Tannenhäher schoss über die schroffen Gipfel und die milchigen Wolkenfäden hinweg, tauchte in das Blau des Himmels und berührte die gelben Blüten des Eisenhuts, die in den spiegelglatten Oberflächen der Tümpel und Seen, über die Bergrücken verstreut, inmitten von Kreuzdorn und blankem Granit, zu eindimensionalen, funkelnden Landschaften zusammengefügt waren: Der Vogel drehte, flog eine lange, ausgedehnte Kurve, hob seine Flügel, heftig schlagend, beinahe senkrecht an, und ließ sich auf einer Lärche, die mit dürren Zweigen, am Ufer eines der Seen stand, nieder: Sein dunkelbraunes Abbild glitt auf die Oberfläche des Wassers hinunter, wo es hin und her schwankte, etwas später konturierte und ruhig zu liegen kam: Der Häher bewegte weder Kopf noch Flügel und selten stieß ein Wellenkräusel gegen die weißen Tupfer seines Gefieders.

Obwohl die Luft schwieg und weder Regen noch Schnee fielen, legte sich ein feines Zittern in die Oberfläche des Sees, das rasch zu konzentrischen Wellenkreisen wuchs, die von den Ufern zur Gewässermitte hin schlugen, wo sie auf einander trafen und ein Stück weit in die entgegengesetzte Richtung zurück geworfen wurden: Die Anzahl und Höhe der Wellen stieg und sie zogen die weißen Tupfer des Hähers zu Linien aus, die sein Spiegelbild zerschnitten, bis es endlich, wie die Felsen, Wolken und Pflanzen, in seine Einzelteile zerfiel: Der Häher schrie: ein fragender, knapper, dunkel-schattierter Laut entwich seinem weit aufgerissenen Schnabel, er schüttelte den Kopf, schrie abermals und schwang sich, von der langsam hin und her schwankenden Lärche aus, in die Luft: Er stieg mit bedachten, kräftig schlagenden Flügeln, deren Spitzen sich bauchseits beinahe berührten, segelte ein Stück und drehte nach Osten, über den Grat und die unbarmherzig knirschenden, türkisblauen Gletscher, hinweg.

Die Lärche ächzte, schwankte immer stärker und ihr Stamm knickte, als sie ihren weitesten Kreis beschrieb: Sie fiel auf das Wasser zu und die emporschlagenden Wellen griffen, noch bevor sie eintauchte, gierig nach ihr: An die Ufer des Sees legten sich Furchen, und weiter, bis in seinen Grund hinein, die das Wasser aufsogen, verschluckten und auf der anderen Seite in die umliegenden Hänge schnitten: Aus ihrem Erdreich lösten Blöcke und Steine, die herab kollerten und durch die Oberfläche des schrumpfenden Sees schlugen: Die Erde rief das Gebirge wach!: es zitterte, bebte, seine Rücken zerbrachen und der gelöste, kantige Schiefer brandete in Wellen gegen die wenigen, verbleibenden Gipfel, schlug mit unendlichem Getöse in deren Hälse und Schultern: riss Krater!, öffnete Spalte! und schleuderte kleine, scharfkantige Splitter, die in der tief stehenden Sonne schillerten, aus allen Richtungen in die fiebrig-schwere, von feinem, glimmenden Staub, gesättigte Luft.

In einer Senke im Tal quoll schwarze, humusreiche Erde durch die feuchte, grün-samtene Narbe, wie dunkles, zähflüssiges Blut aus einer Wunde, bald sandig-braun und blaugrau gefärbt: Klumpen von Lehm und vielgestaltige Steine rissen, kaum ans Tageslicht gekrochen, Mauerpfeffer, Rittersporn und Akelei nieder, und für Augenblicke waren die zerriebenen Blätter ihrer purpurnen Blüten und die dunkelgrün verfärbten Stellen der zerquetschten Stängel zu sehen, dann drang der blanke Fels, in enge Schichten gelegt, nach oben, wand sich, brach und regnete herab: Wacholdersträucher und Arven glitten von den heraufgeschobenen Felsen und wurden von niederstürzenden Trümmern, knackend und krachend, begraben: In gewaltigen Umschlingungen und Verlagerungen entstanden neue Spitzen, Kappen, Halden und Flanken: Wo die alte Ordnung eben noch unversehrt gewesen war, schoss das Wasser hervor und ergriff das lockere Erdreich und die hellen, aufgebrochenen Steine, riss sie fort, durch frische Gräben und Schluchten, in Kessel und Talenden hinein, grub sich in ihre Böden und schloss sie, am anderen Ende, durch sein Geschiebe, wieder ab: Matt-glänzend und beinahe ruhig lagen die jungen Gewässer da: Sie wuchsen langsam, ihre Oberflächen kräuselten an den Zu- und Abflüssen und in das aufgewühlte, trübe Wasser drängte nach und nach ein blaugrüner Ton.

So augenblicklich die schöpferisch-irdenen Kräfte gekommen waren, gebaten sie sich selbst wieder Einhalt: ein kurzes Zittern, ein Ruck und die Berge kamen zur Ruhe, nur das leise Grollen der Blöcke und des rutschenden Schutts, hielt noch eine Zeit lang an, bis der Wind das Echo gemeinsam mit dem Staub und den locker stehenden Wolken forttrug: Die Luft wurde klar, die Sonne strahlte im Zenit über einer neuen, unbetretenen Landschaft und ich war der erste, der sie an und in sie hinein sah: Die Spitzen einiger Gipfel waren abgeschlagen und bizarre, kantige Köpfe überragten jetzt die von leuchtendem Geröll gefüllten Halden: Ganze Berge waren abgetragen und an anderer Stelle neu aufgeschichtet worden: Kegel von Schutt, locker zusammengefügt oder Felstrümmern und Platten, zu einem Amalgam aus Kristall und Kalk verschmolzen: Wo zuvor ein Bergkamm gestanden war, erstreckte sich eine weite Ebene, die von tiefen Rissen, Schluchten und kegelförmigen Senken durchzogen war, an die sich urplötzlich wieder die alten, zerrütteten Kämme mit tiefen Scharten und gebeugten Rücken anschlossen: Kare und Hügel, bröcklige Mauern und Hänge: alle waren aus einer zufälligen Laune heraus entstanden, übersät von frischem Schutt und schiefernen Platten, eine mondähnliche Landschaft, verlassen, leer, und bald wieder von Eis und Schnee bekrönt.

Nur die Dohlen waren schneller als ich: Mitten hinein schossen die schwarzen Vögel, durch eine letzte Wolke von Staub und aus der Sonne heraus: Vögel, voll Hochmut und Lust, menschenverwandt, nur des Spiels wegen gekommen, jagten sie über die Schultern und Tore hinweg, die Halden aufwärts, im Slalom zwischen mannsgroßen Blöcken hindurch, gegen die Gipfel, um über ihnen, keck und scheinbar ohne Mühe, mit gespreizten Flügeln, trotz des peitschenden Windes, still zu stehen, dabei wieder und wieder ihr dunkles, zuletzt zugespitzt-helles Krakra in die Einsamkeit hinaus schreiend: Ein Ausdruck seligen Gleichmuts, eine Unbeteiligtheit allem Irdischen gegenüber, wie sie nur die vergänglichen Wesen kennen und verstehen: Lange Zeit sah ich ihren Purzelbäumen, Kerzen, Stürzen und schraubenförmigen Manövern zu, bis meine Augen im Licht der Sonne zu engen Spalten verengt, heftig blinzelten, die Vögel immer höher stiegen und ich sie endlich verlor: So fand ich zurück, und hinein in den lichten Tag mit seinem klaren Bewusstsein, streckte mich, streifte die Decke ab und setze mich auf, aber es dauerte lange Zeit, bis ich genug Kraft und Sicherheit fand um aufstehen zu können: Ich kochte wankend, mit Schleiern vor meinen Augen und versunkenen Bewegungen, Tee, öffnete das Fenster und setzte mich, mit schmerzenden Gliedern und Muskeln, mühevoll auf das Brett, ließ meine Beine ins Grün der Baumkronen hängen und sah in den Hof hinunter, eine Tasse Oolong in Händen: Die Zeit durfte, sie sollte gehen: Ich versuchte zu betrachten, was zu betrachten blieb und ich ausfindig machen konnte.

* * *

Rückkehr und Stimmen: 2. Auf der Sonnenterrasse

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4 Antworten zu “Rückkehr und Stimmen: 1. Erzählung eines Traums

  1. tikerscherk 26. Juni 2013 um 1:50 pm

    Fantastisch! Selten so dichte und präzise Beschreibungen gelesen. Die Spannung steigt während des Lesens unaufhörlich.
    Ich bin begeistert! Danke!

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