Rückkehr und Stimmen: 2. Auf der Sonnenterrasse

Ich ließ den Wirt noch einmal auf die leere Sonnenterasse, in die Nacht hinaus, kommen: Ich stand, ein Zigarillo rauchend und an einen Tisch gelehnt, da: Was für ein Trubel hier bis zum späten Abend geherrscht hatte!: Aber jetzt war Ruhe, erzwungene Ruhe und eigentlich hätte ich längst mein Lager beziehen müssen: Die Nacht war klar, der Mond voll und sein Licht lag auf den mächtigen Zungen der Gletscher, die rechts und links an der Hütte vorbeizogen: Ein Stück weiter unten, hinter der Hütte, schoss der Gletscherbach hinab ins Tal: es war also still, der Wirt blieb neben mir stehen und wir sahen hinüber auf die Gruppe von Bergen, die das Tal abschloss und an deren Fuß die Hütte errichtet worden war: Solche Orte, sagt er: sind nicht für die Masse gedacht und trotzdem kommt sie hier her: Hatte er es gesagt oder ich? Ich ließ es den Wirt wiederholen und bemerkte, dass ich es war: Diese Orte sind nicht für die Masse gedacht … ich stieß eine Wolke von Rauch aus und mein Atem kondensierte: es wäre passend, wenn der Wirt zu rauchen begänne, ich sah ihn an und er zog ein Päckchen aus seiner Brusttasche, nahm eine Zigarette heraus und steckte sie an: Überall ist die Masse und am zertrampeln!

Mit der nächtlichen Silhouette der Berge, hatte ich auch die Masse auf die Terrasse zurückgerufen, ungewollt, aber nicht einmal in seinen Träumen kann man über alles verfügen: Der Wirt hingegen, sah aus, wie ich ihn mir vorgestellt hatte: Der Latz seiner Schürze hing über seinen kleinen Bauch hinab, ein Zeichen, dass bereits Feierabend war, zugleich aber eines jener Müdigkeit und Kraftlosigkeit, die ein arbeitsreicher Tag mit sich bringt: und seines Willens doch nach draußen zu kommen und zu genießen, noch anzusehen, was man den ganzen Tag über sehen wollte und wozu man nicht gekommen war.

Wie eine Sardine in ihrer Büchse, so fühlte ich mich, es war uns beiden ein Greul, ich dachte es, er sprach es aus und wir unterhielten uns in seltener Einmütigkeit, bis ein Gedanke, ungerufen, uns beide traf: Will der Einzelne, als Bestandteil der Masse, womöglich, dasselbe wie wir?: Entsteht die Masse durch Aggregation in etwa gleicher Bedürftigkeiten?: Was für eine Ironie, sollte die Masse die Bedürftigkeiten ihrer Elemente letztendlich ad absurdum führen, obwohl gerade sie ebendiese hatten entstehen lassen!: Ist es nicht so, sagte der Wirt: Suchen wir nicht alle die Schönheit, die Einsamkeit und die Erhabenheit der Natur?: Dass jeder auf dieser überfüllten Terrasse, wenn nicht das gleiche, so doch etwas Ähnliches beim Anblick dieser Landschaft empfand?: Ja mehr noch: dass er gerade deswegen gekommen war?: Könnte das sein?: Diese gefühllose, grölende Masse konsumkranker Wesen?: Vielleicht, dachte ich und sagte: Einsamkeit suchen gewiss nur wenige, doch der Gedanke ließ mich erschauern, auch: dass ich vielleicht selbst krank war, ja eigentlich: krank sein musste: Warum seid ihr hier!, hätte ich ihnen, wäre mein Verstand kräftig genug und ich weniger überrascht gewesen: zugerufen, als wir beide, nach unserem langen Marsch um die Ecke bogen, um die bruchsteinerne Mauer, ohne irgendeinen Gedanken, aus dem schalltoten Winkel, obwohl uns die Hütte, die lange vor uns, wie ein schlafendes Untier gelegen war, eine Warnung hätte sein müssen, und so holte uns auf den letzten Metern ein, was wir eine ganze Woche über vergessen hatten: Wir stolperten in eine Party und wäre nicht Sommer gewesen, ich hätte sie Après-Ski genannt: Man feierte, wo man auf diese Weise niemals hätte feiern dürfen: Warum seid ihr hier?: Das hätte ich gerne gefragt!: und wir standen vor ihnen ohne irgendeine Wahl: Aber es gelang uns unsere Eindrücke zu behaupten: sie und uns. Abends dann, setzten wir uns an einen ihrer Tische, des mangelnden Platzes wegen: Es war eine Gruppe Weitwanderer und wir aßen gemeinsam, wir tranken und erzählten was wir erlebt hatten: Sie waren freundlich, uns selbst ähnlich.

Aber warum weist ihr der Masse den Weg, warum gebt ihr ihnen Quartier, warum 200 und nicht 20 Lagerplätze?, fragte ich den Wirt ohne seine Antwort zu kennen: Und er sah mich an, wie einer, den man, obwohl unschuldig, eines Vergehens bezichtigt hatte: Ich bin nur der Koch, sagte er und von irgendetwas muss ich eben leben: Und dennoch, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu: ich hätte sie gerne zum Teufel gejagt.

Als wir fertig geraucht hatten, gingen wir: ich schlafen und er hatte doch noch zu tun: Unser Erleben, dachte ich noch: verfällt, wo ihm seine ungefähre Vielfachheit auch nur annähernd bewusst wird und dennoch: es ist unteilbar und singulär.

* * *

Siehe auch: Rückkehr und Stimmen: 1. Erzählung eines Traums

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: