Selbstgefälligkeiten eines Berufsstandes

Kritischer Journalismus ist einer, der die Kritik auch gegen sich selbst zu wenden vermag, der Kraft und Fähigkeit zur Selbstreflexion besitzt: Das irreführende Wort von der vierten Gewalt, die weder demokratisch legitimiert ist, noch kontrolliert wird oder jenes, in den vergangenen Tagen immer wieder bemühte, von der freien Presse als Garant unserer Demokratie, vergisst oder übersieht, dass weder Presse noch Journalisten per se irgendetwas garantieren, sondern nur deren Fähigkeiten und Arbeit, das heißt: Die Funktionalität und Qualität von Presse, Pressewesen und anderen Medien helfen den öffentlichen Diskurs sicherzustellen und dienen dem Interessenausgleich einer Demokratie. — Sie helfen und dienen: Aber sie repräsentieren diesen Diskurs nicht alleine.

Wenn man angesichts außergewöhnlicher und nicht zu Unrecht kritisierter Polizeimaßnahmen im Zuge einer Demonstration gegen den von der FPÖ veranstalteten Akademikerball (und den erwarteten und auch tatsächlich eingetretenen Ausschreitungen) von einem Ende der Pressefreiheit spricht (ROG) und sie (noch vor dem tatsächlichen Ereignis, bei dem sich manches doch anders dargestellt hat und Journalisten nach Angaben des ORF und der Presse sich in der Sperrzone doch frei bewegen konnten) mit den eingebetteten Journalisten im Irakkrieg vergleicht, fragt man sich als Leser oder Bürger: Mit welchen Leistungen kann der heimische Journalismus denn aufwarten, dass er derart arrogant und selbstgefällig sein kann? Womit legitimieren sich diese Herrschaften eigentlich? Durch ihren Presseausweis?

Man nimmt mit „Befremden“ zur Kenntnis, schreibt von „Zensur“ und vergisst nicht darauf sich selbst ins rechte Licht zu rücken: „Journalisten müssen sich als unparteiische Beobachter ein objektives Bild machen, um über ein Ereignis berichten zu können.“ Es werden „alarmierende Verstöße gegen demokratische Grundprinzipien und das Recht aller in Österreich lebenden Menschen auf Informationsfreiheit“ konstatiert. Man erdreistet sich im Namen der Bürger zu schreiben, wer hat sie dazu eigentlich ermächtigt (zu den Zitaten, hier)? Aber es wird noch besser: Zurück bliebe ein „demokratiepolitischer Scherbenhaufen“, Journalisten wären gar — unter Anführungszeichen gesetzte — Feinde der Exekutive, die sich mit der potenzielle Gefährdungslage rechtfertigt (siehe hier und hier).

ÖJC-Präsident Fred Turnheim (achtes Video von oben) sieht die Pressefreiheit auf Anfrage als nicht hergestellt an und vergleicht gar mit den eingebetteten Journalisten im Irakkrieg: Er übersieht dabei, dass das Versagen hierbei nicht nur bei den staatlichen Organen festzustellen ist, sondern auch bei den Journalisten, die dieses Spiel mitmachten oder zumindest nicht reflektierten. Da passt dann gut, dass die freie Presse als einer der Garanten für die bürgerliche Demokratie angesehen wird (falsch ist das nicht, aber deren Existenz alleine wird wohl nicht genügen, s.o.). Es geht auch nicht um ein subjektives Gefährdungsgefühl, sondern um tatsächliche, möglichst objektiv festzustellende Gefährdungen (dieser Argumentation zufolge dürfte ein Amt nie eine Sperrzone für irgendjemand errichten, sei es beispielsweise auf Grund von Umweltkatastrophen oder ähnlichem). Es ist auch eine Verkürzung, dass Journalisten von dem Ereignis nur eingebettet berichten dürfen, sie dürfen nur aus der Sperrzone mit Einschränkungen berichten, die letztendlich aufgeweicht oder gar nicht mehr gegolten haben (und begleitet werden bedeutet nicht schon automatisch beeinflusst oder fremdbestimmt zu werden, Journalisten sind erwachsene Menschen, oder?). Gestern wurde dann wie selbstverständlich darüber geklagt, dass ein Fotograf des Standard (knapp außerhalb der Sperrzone) von der Polizei attackiert und verletzt wurde (hier). Wie war das gleich nochmal? Man kann das selbst einschätzen? [In den Kommentaren taucht dann ein Verweis auf diesen Artikel auf, in dem ein Fotograf des Standard beschreibt wie er von gewaltbereiten Demonstranten geprügelt wurde; man wird sehen, ob dieser Kommentar, der auf den naheliegenden Zusammenhang verweist, eine Antwort erhält).

Und noch ein Wort zu den im Interview angesprochenen Grund- und Freiheitsrechten: Hier liegt ein Missverständnis vor, denn jedes Grundrecht ist gleichzeitig eine Pflicht anderen gegenüber (und keine nach oben hin offene Forderung): Pressefreiheit ist keine uneingeschränkte Freiheit, und dort wo sie mit anderen, höher zu bewertenden Rechten, etwa dem auf Privatsphäre zusammenprallt, wird sie freilich beschränkt. Grundrechten wird also sehr wohl genüge getan, von jedermann, indem man wenn sie respektiert (wobei, zugegeben, der Begriff Respekt weniger despektierlich klingt).

Es gab in der letzten Zeit im In- und Ausland genug Fälle von abgeschriebenen Wikipediaartikeln, von dreisten Behauptungen, nachgebeteten Agenturmeldungen oder bezahlten Artikeln, die nicht als solche ausgewiesen wurden (von Regierungsinseraten und der Presseförderung hierzulande ganz zu schweigen), ein wenig Demut wäre also angebracht. — Die Freiheiten, die die Presse genießt, verlangen ein hohes Maß an Verantwortung, etwa können das Redaktionsgeheimnis und der Schutz von Informanten auch zur Erfindung (und einschließlich Deckung) von Tatsachen oder Aussagen dienen (ein dem Amtsgeheimnis nicht unähnliche Möglichkeit; ich möchte gar nicht wissen wie oft das praktiziert wird). Die Polizeibehörden haben letztendlich bewiesen, dass sie sich Argumenten beugen und haben Journalisten den Zutritt und die freie Bewegung innerhalb der Sperrzone ermöglicht (ob das tatsächlich für alle galt, weiß ich nicht, s.o.). Der Respekt Argumenten gegenüber, nicht Druck und Hysterie („Alle Regeln der Presse- und Informationsfreiheit wurden ignoriert“, siehe hier) sind der Kern dessen, was wir Demokratie nennen.

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11 Antworten zu “Selbstgefälligkeiten eines Berufsstandes

  1. Phorky 1. Februar 2014 um 11:15 pm

    Weißt du, wenn ich das lese und auch den darauffolgenden Eintrag, dann setzt bei mir so ein bleischwere, pessimistische Zustimmung ein, die es fast schon sinnlos erscheinen lässt, noch einen Kommentar dazu zu schreiben.
    Ja, Journalisten halten sich, wie vermutlich aber die meisten Berufsstände, ein klein wenig für überwichtig; unabdingbare Garanten der Demokratie, unabhängig-denkende, kritisch-durchblickende Geister.. usw.
    Der reale Verlauf von so einer kleinen aufpoppenden Diskursblase in welcher unsere Durchblicker agieren, ist, aus der Distanz betrachtet, dann meist eher ernüchternd.

    • metepsilonema 2. Februar 2014 um 9:29 pm

      Nun, ich hatte dermaßen viel Wut im Bauch, dass sich die Frage nach einer Schreibmotivation gar nicht gestellt hat. [Man muss sich nur vor Augen führen, dass Journalisten Berufskollegen oder Vorstehende journalistischer Vereinigungen interviewen oder in den eigenen Medien in eigener Sache schreiben, und dies nicht einmal thematisieren; aber auch hier gibt es Unterschiede, in der Presse etwa war man deutlich weniger hysterisch, ich vermute, dass hier auch politische Aspekte eine Rolle gespielt haben.]

      Pessimistisch bin ich nicht oder sagen wir: noch nicht (nicht alles ist schlecht oder wird schlechter).

      • phorkyas 15. Februar 2014 um 12:29 am

        nicht alles ist schlecht oder wird schlechter
        Zu einem schlaffen Kulturpessimismus möchte ich auch nicht degenerieren, obwohl es mir gerade sehr schwer fällt. –
        Was die Reflexivwerdung betrifft, die du anmahntest, so klang mir das ein wenig.. idealistisch, apodiktisch. Vielleicht gibt es in uns so einen Trieb, der immerzu auf unsren blinden Fleck zu treibt, der die Hintertür aufstoßen muss zu immer weiteren Hinterräumen und Metaebenen unsres Geistes, aber.. im Einzelnen ist er doch sehr schwach und wird leicht und besser betäubt, und wenn man sich ihm einmal hingibt, so scheint’s mir muss man sich eingestehen, dass die Selbsterhellung doch immer nur partiell und relativ geschieht (weil ja leider auch der Gegenstand, der beleuchtet werden soll, mit dem beleuchtenden teilweise in Deckung ist).

        ’s vielleicht was spät und.. wahrscheinlich leider etwas unscharf in die von dir angestrebte Präzision,..mag dran liegen dass das Bier nur wieder alkoholfrei war, –

        Ich bin der festen Überzeugung, ja ich glaube einiges lässt sich besser verstehen, wenn man diese Triebrichtung gerade solche teilweise sowieso schon ins selbstreferentielle taumelnden Milieus wie dem Journalismus zuspricht. Das Verlangen das juste milieu zu spiegeln und vorzuführen, um dabei einen ur-eigenen Gedanken dem Mainstream vor den Latz zu hauen, treibt dabei manchmal schon verzweifelt-komische Blüten wie jüngst bei Matussek. Da schreien alle Schafe im Chor: Wir sind doch alle Individuen!
        Ich würde ihm ja gerne meinen Kierkegaard vorbeischicken, damit er ein wenig tiefer in den Urgrund seiner Verzweiflung vordränge, aber der war ja leider Protestant.

        • metepsilonema 15. Februar 2014 um 10:17 pm

          Die prinzipielle Richtung von Matusseks Kritik kann ich schon verstehen, seine Begründung und Überzeugung bleibt mir allerdings fremd.

          Ich vermisse oft einfach einen abwägenden, erörternden Diskurs, der die Offenheit zur Einlassung besitzt und seine Position nicht von allem Anfang an als unverrückbar ansieht. Das mag idealistisch klingen oder auch sein … mir fällt in diesem Zusammenhang ein (Streit)gespräch zwischen Adorno und Gehlen ein (ich meine die Art und Weise wie es geführt wird).

          • phorkyas 15. Februar 2014 um 10:58 pm

            Deren Art würde heute wohl als zu gestelzt, antiquiert und allzu förmlich gelten. Vielleicht kann ich daran, dass ich diesen Umgangsformen immer mehr abgewinnen kann, schon merken, dass ich langsam alt werde. (Mittlerweile schätze ich es z.B. schon, dass ich meinen Doktorvater immer noch sieze.)

            Dem Matussek Text kann ich so gar nichts abgewinnen, man sollte eigentlich nicht einmal darüber sprechen, weil ihm, so glaube ich, der gleiche rhetorische Trick wie weiland Sarrazins Coup zugrunde liegt. Es ist die Aufforderung: Los fallt nur über mich her, je mehr, je ärger, desto mehr bestätigt ihr meine These, dass meine (wahre) Meinung hier unterdrückt wird. Und es stimmt mich jedes Mal traurig, dass das immer und immer wieder funktioniert… Und ich fühle mich immer weiter entfremdet von dieser Shitstorm-Gesinnungs-Meute, denen ein „Das geht gar nicht“ schon genug ist jemanden aus unser bunten, toleranten Mitte zu verstoßen. In einer der zwei Gegenreden auf „welt.de“ findet sich tatsächlich dieser Satz – mir fehlen dazu genauso die Worte wie zu diesem Spaemann-Zitat in Matusseks Text.. Das ist einfach unterirdisch. Ich, ich komme mir langsam vor wie in einer dieser irren, blogozentrischen Welten. Was für ein Stuss öffentlich breitgetreten wird und verhandelt werden muss, weil es ja nun einmal Thema ist. Wofür die den Lanz da schassen wollten,.. das ist einfach so banal. So megaegal. Das geht langsam echt auf keine Kuhhaut mehr.

            • metepsilonema 16. Februar 2014 um 12:13 am

              Ein Bekannter „definierte“ (verband) Intellektualität mit dem Vermögen, Argumente und Standpunkt eines Anderen nicht einfach abzublocken, sondern darauf ein-, sie an- oder aufnehmen zu können: Begegnung ist ein gutes Wort oder eben: Gespräch (das ist der entscheidende Unterschied; ich finde auch die Sprache des Journalisten erstaunlich, vergleicht man sie mit der heutiger Moderatoren).

              Matussek deutet direkt oder indirekt auf eine sich breit machende Konformität, einen Verhaltenskodex (eben: das geht nicht, oder leicht variiert, etwa hier) in den man sich einzureihen hat(!). Das ist, als ob mit der Höflichkeit schon alles getan wäre, in Wahrheit fängt mit ihr erst alles an (nein, eigentlich ist schlimmer, viel schlimmer…).

            • Gregor Keuschnig 19. Februar 2014 um 6:41 pm

              Matusseks Text ist zunächst ein Sprachspiel mit dem Wort „homophob“. Eine Phobie ist lt Wikipedia „eine sich zwanghaft aufdrängende Angstvorstellung“. „Sie tritt gegen bessere Einsicht auf und kann durch sie auch nicht beherrscht werden.“ Genau das hat Matussek eigentlich gesagt. Im allgemeinen Diskurs wird homophob jedoch mit einem pathologischen Hass gegen Homosexuelle gedeutet. Davon ist aber mit keiner Silbe in seinem Text die Rede. Mit seiner „Argumentation“ die dann folgt, kann ich auch wenig bis nichts anfangen.

              Interessant finde ich, wie die Mechanismen des Mainstreams funktionieren: Die Entrüstungswelle könnte einiges über Diskurs-Tolerenz aussagen, aber das will gar keiner mehr untersuchen. Provokateure und Gegen-Provokateure reden nicht mit- sondern nebeneinander.

              • metepsilonema 20. Februar 2014 um 9:24 pm

                Es ist, wie Du schon anmerkst, ein Grundübel vieler solcher und ähnlicher „Diskussionsrunden“, dass nicht mehr diskutiert wird, dass kein Austausch mehr erfolgt, dass, s.o., jene Intellektualität dafür fehlt oder beiseite gestellt wird: was zählt ist die Diskurshoheit, als ob man den Zusehern sagen müsste wer Recht hat und die sich nicht ihr eigenes Urteil bilden könnten … ja, dabei geht es, implizit oder explizit, auch um die Sprache, um ihre Färbung, mit der der Gegner (warum eigentlich Gegner?) „kategorisiert“ wird.

                Intoleranz, ja. Und ich meine, intuitiv, auch: Schwäche.

                • phorkyas 20. Februar 2014 um 11:12 pm

                  Provokateure und Gegen-Provokateure reden nicht mit- sondern nebeneinander.
                  Und reproduzieren dabei genau das Verhalten, über das man sich bei Lanz so aufregte. Ich habe mir die Sendung angeschaut.. und es ist schon das zweite, irritierende, leicht abgründige Erlebnis mit Lanz. Es ist schon beinahe subversiv, wie da die Mechanismen dieses verbalen Schaubudenboxens offengelegt werden (könnten). Aber anstatt, dass die Leute sich dafür einsetzen, dass fortan alles von Lanz moderiert werde, erschießt man lieber den Boten. Ich glaube fast dieser Lanz ist den Leuten schon unbehaglich, weil er sich zu sehr an sie ranwanzt. Die Masse hat dafür ein sehr feines Gespür. Jemand wie Christine Westermann, der so kulturtantenhaft nett ist, wird in die offenen Armen geschlossen,.. aber wehe man müht sich zu sehr, strampelt sich ab mit Vulgärpopulismen oder Scherzen auf Kosten anderer wie ein Raab..

                  Was mich gerade nur verwirrt: Obwohl ich mit dem Netz groß geworden bin, ja es ein wesentlicher Teil meiner Sozialisation ist, um, bei allen Abstrichen, nicht zu sagen: geistige Heimat, so bekomme ich bei über einer Milliarde Facebookern, Online-Petitionieren, die „unzählige empörte Tweets“ als Argument anführen, doch langsam das Gefühl: Schnell weg von hier.

                  • metepsilonema 20. Februar 2014 um 11:24 pm

                    Nein, nein, unsereins ist noch nicht mit dem Netz groß geworden, oder? Ich war vielleicht vierzehn oder fünfzehn, als ich es kennen lernte.

                    Gibt es diese Lanz-Diskussion online zu sehen?

                    • Phorky 21. Februar 2014 um 2:26 pm

                      Hmm.. ja, vielleicht etwas übertrieben. Aufgewachsen sicherlich nicht,.. aber wenn ich überlege, wie viele Stunden ich seit 2001 eigentlich täglich im Netz verbringe — besser nicht nachtzählen. Irgendwie prägt’s bei aller Hassliebe dann doch; die Kommentarkultur, die Art der Literaturkritik. Das finde ich sonst höchstens noch im Volltext.

                      Ich hatte mir nur einen Zusammenschnitt gegeben – aber ich würd’s nicht unbedingt empfehlen:

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