Öffentlichkeit. Definitionsversuche und Überlegungen.

Die Aussage, dass etwas öffentlich bekannt geworden ist, beansprucht Relevanz in zweierlei Hinsicht: Man sagt Derartiges nicht über das Wetter oder die Ergebnisse von Fußballspielen, sehr wohl aber über Sachverhalte oder Ereignisse, die zunächst verborgen geblieben sind oder zurückgehalten wurden, im Zusammenhang mit Vertuschungen, Skandalen oder dem Privatleben bekannter Personen: Dem Sachverhalt oder Ereignis wird eine gewisse Singularität, eine Nichtselbstverständlichkeit beigemessen und zugleich eine demokratiepolitisch kritische „Masse“ (die Öffentlichkeit) angesprochen, kurzum: Öffentliches Bekanntwerden bezeichnet die Wahrnehmung1 durch einen Großteil der politisch interessierten und relevanten (d.h. ihr Stimmrecht ausübenden) Bevölkerung.

Mit Veröffentlichung meint man hingegen, dass ebenjener (s.o.)Teil der Bevölkerung eine Zugriffsmöglichkeit auf ein medial gebundenes Erzeugnis hat. Diese Möglichkeit wird in der Realität unterschiedlich wahrgenommen werden: In einer überregionalen Zeitung lesen mehr Leute als in einem kleinen Blog (etwa diesem hier). — Die Verhältnisse können auf Grund allgemeiner Bekanntheit und „digitaler Verstärkung“ aber auch umgekehrt werden (sein). Analoges gilt für Verlage, Radio- und Fernsehkanäle.

Man kann hier weitere Differenzierungen vorzunehmen und dem Begriff Öffentlichkeit den der Halböffentlichkeit zur Seite stellen: Halböffentlich wäre all jenes, das potenziell öffentlich werden kann, es per se (den Leserzahlen nach) aber nicht ist: Oder, einer größeren Anzahl von Personen (durch mediale Vermittlung) bekannt, von diesen noch nicht öffentlich gemacht worden ist (aus welchen Gründen auch immer). Alles Halböffentliche kann öffentlich werden, alles Öffentliche nicht mehr (es sein denn es wird vergessen). Damit geht einher, dass jene (medialen) Orte, an denen etwas öffentlich wird, nicht dieselben bleiben müssen, sondern sich temporäre Verschiebungen ergeben (oder zumindest Orte aus der Halböffentlichkeit im Zusammenhang mit bestimmten Ereignissen in die Öffentlichkeit rücken, wenn z.B. eine bekannte Tageszeitung aus einem kleinen Blog zitiert).

Der Begriff Gegenöffentlichkeit steht in engem Zusammenhang mit der Halböffentlichkeit: Aus der Öffentlichkeit kann sich eine Gegenöffentlichkeit (natürlich gibt es davon viele) nur durch eine Absetzbewegung bilden, durch einen Informationsfluss der sich gegenüber dem Außen, der Öffentlichkeit, abschirmt, aber trotzdem durchlässig bleibt, also Verbindungen zu dieser bestehen bleiben, denn letztlich will die Halböffentlichkeit in irgendeiner Form auf die Öffentlichkeit wirken. Häufiger wird sich die Gegenöffentlichkeit (wiederum als Halböffentlichkeit) aus der Nichtöffentlichkeit bilden. Man könnte z.B. einen großen Teil der Blogsphäre als Halböffentlichkeit ansprechen, denn viele dieser Blogs stehen, wiederum über andere Blogs, im Austausch und werden von nicht öffentlich bekannten Personen betrieben, von Menschen, die über keinerlei Kanäle zur Öffentlichkeit verfügen oder diese nicht nutzen wollen. Das Netz hat hier zweifellos, mit allen auch negativen Konsequenzen, einen Weg für beinahe jeden in die Halböffentlichkeit geschaffen. Neben Blogs und Diskussionsforen, sind auch Kommentare von Lesern („postings“) zu Zeitungsartikeln der Halböffentlichkeit zuzurechnen.

Zur Öffentlichkeit gelangen kann eine spezifische Halböffentlichkeit über Sprecher, sogenannte öffentliche Personen, also Menschen, an denen die Öffentlichkeit, tatsächlich oder anscheinend (und aus welchen Gründen auch immer) interessiert ist. Welche Anliegen diese Personen auch immer vertreten, zunächst werden sie einmal gehört und ihre Ansichten verbreitet werden (Be- und Verurteilungen erfolgen danach). Zur Eignung (Vorbedingung) einer öffentlichen Person zählen tatsächliches oder angenommenes berufliches (eventuell auch sonstiges) Ansehen und Reputation — die öffentliche Person ist somit medial und gesellschaftlich vermittelt (sanktioniert). Das „wer“ verleiht dem Wort der öffentlichen Person im Regelfall Gewicht.

Manchen öffentlichen Personen, Schreibenden oder Rednern, wird die Bezeichnung Intellektueller, zugewiesen, es stellt damit Ansehen (Aura) dar. — Dem hier vertretenen Verständnis von Öffentlichkeit liegt ein intellektueller Zug zu Grunde: Offenheit, Neugierde, Begegnung und Argumente, sind für beide — den Intellektuellen und die Öffentlichkeit — kennzeichnend, wenngleich der Intellektuelle im klassischen Sinn anders definiert ist2.

Öffentlichkeit, könnte man sagen, ist eine Abstraktion vieler, sich teilweise überlappender, aber auch ausschließender Wahrnehmungsfoki, die stark auf Medien hin gerichtet sind: Diese Medien bilden in ihrer Vielfalt den wichtigsten Träger für Informationen von öffentlichem Interesse, sie sind die informationelle Bedingung der Öffentlichkeit3: Sie beginnt mit der Wahrnehmung dessen, was auf diesem Träger erscheint und tritt dann auch in einen halb und nicht öffentlichen Raum hinaus (und kehrt mitunter von dort zurück): Es wird mit Freunden diskutiert, im Netz, am – nicht wertend verstandenen — Stammtisch und so fort: Zur Öffentlichkeit gehört neben der Wahrnehmung, natürlich, zeitversetzt, die Auseinandersetzung und Beurteilung (und immer mehr Filterung, die als Teil der Wahrnehmung verstanden werden kann, denn in Medien erscheinen viele Informationen, die nicht von öffentlichem Interesse sind; Medien stehen also keineswegs nur im Dienste des öffentlichen Interesses).

Öffentliche und nicht öffentliche Personen bilden gemeinsam die Öffentlichkeit, aber nur öffentliche Personen treten in den Medien regelmäßig in Erscheinung (andere tun das selten, nur einmalig oder gar nicht). Öffentlichkeit meint zuerst Wahrnehmung (wobei die Feststellung des öffentlichen Bekanntwerdens meist schon den Funken einer negativen Wertung enthält), dann Diskussion und Beurteilung innerhalb einer politisch relevanten und interessierten „Masse“. — Da Zeit und Aufnahmefähigkeit eines jeden begrenzt sind, ist es naheliegend Aufmerksamkeit zu generieren und die Wahrnehmungsfoki auf bestimmte Medien oder Bereiche zu lenken: Ruf, Ruhm, Bekanntheit, Biographien und persönliches spielen eine wesentliche Rolle und werden genutzt um vermeintliche Schwerpunkte zu setzen.

Öffentliches Interesse ist zum einen eine (uneinheitliche) Erwartungshaltung gegenüber den Medien und zugleich eine Forderung und Prüfung ihrer demokratiepolitischen Kompetenz, zum anderen (oder zugleich) ein nicht formuliertes Bekenntnis einem Gemeinwohl (oder auch einer Gemeinschaft) gegenüber: Wer in den Medien von Angelegenheiten lesen möchte, die alle angehen, denkt auch über sich selbst hinaus (und er hält das, was alle angeht für besonders wichtig und sieht es als allgemein zu verhandelnd an).

Durch die neuen Medien (und im speziellen das Netz) hat sich, wiederum mit negativen und positiven Folgen, eine Demokratisierung der medialen Welt ergeben, die mittlerweile von vielen (aber nicht allen) Journalisten (an)erkannt wird: Öffentlichkeit, öffentliches Interesse, öffentliche Bekanntheit, Veröffentlichungen und öffentliche Personen sind nicht länger zwingend auf die althergebrachten Medien (Zeitung, Radio, Fernsehen) angewiesen (weder als Mittler, Filter oder Verstärker): Deren Filterfunktion ist erheblich eingeschränkt und sie selbst sind kritisierbar geworden. Die Demokratisierung der Medien ist im Wesentlichen eine Zugangserleichterung (Egalisierung): Sie ist nicht mit Öffentlichkeit oder öffentlichem Interesse gleichzusetzen, sondern kann auch das Gegenteil davon bedeuten.

* * *

Der Text wurde durch diese Diskussion angeregt.

* * *

1 Wahrnehmung schließt hier Bewusstsein mit ein (und allfällige andere, auch unbewusste Vorgänge nicht aus).

2 z.B. als eine Person, die sich in der Öffentlichkeit als kompetenter Vertreter eines Fachgebiets zu anderen, die Öffentlichkeit betreffenden Angelegenheiten, äußert. Auch hier spielt die Reputation eine wichtige Rolle.

3 Hier könnte man noch einmal die Unterscheidung zwischen zwischen öffentlich und veröffentlicht betonen: Veröffentlicht ist etwas, das auf einem Träger zu einem bestimmten Zeitpunkt und „Ort“ erscheint; es kann von dort „abgeholt“ oder abgerufen werden, es muss aber nicht entdeckt werden, schon gar nicht von einer großen Anzahl an Menschen; es wäre dann zwar veröffentlicht, aber nicht öffentlich bekannt (also von der Mehrzahl der politisch interessierten und relevanten Bevölkerung wahrgenommen).

14 Antworten zu “Öffentlichkeit. Definitionsversuche und Überlegungen.

  1. phorkyas 18. März 2014 um 9:04 am

    Hallo Mete,
    das ist toll, dass du dies hier so systematisch niederschreibst. Mir schwebte Ähnliches vor nach der Diskussion, aber es wäre sicherlich nicht so geordnet worden, wenn es je dazu gekommen wäre. Und so, kann ich einfach rumstänkern wie gewohnt.

    Mir scheint, du hast da zwei Öffentlichkeiten, für die man vielleicht zwei unterschiedliche Begriffe verwenden könnte. Zum einen sind da die Summe aller Institutionen und Medien, die Äußerungen, Meinungen, Arbeiten publik machen können. Zum anderen wie du ja darlegst ist nicht garantiert, dass diese Dinge die potentiell in der Öffentlichkeit(1) stehen auch wirklich wahrgenommen werden. Dieses, das was wirklich ins öffentliche Bewusstsein dringt ist die Öffentlichkeit(2). Wir scheinen übereinzustimmen, dass diese Öffentlichkeit(2) oder das öffentliche Bewusstsein das interessantere Thema ist.

    Dazu möchte ich noch Pasternaks Bewusstseinsmetapher des Lokomotivlichtkegels anbringen. Das mag gewagt sein, insofern ja schon das Sprechen vom „öffentlichen Bewusstsein“ metaphorisch eigentlich ist, und mit der Öffentlichkeit vermutlich keine Art Hegelscher Weltgeist unterwegs ist. Sei’s drum. Worauf die Scheinwerfermetapher die Aufmerksamkeit bringt sind doch gerade diese Fokussierungen, an die du dich auch angenähert hast und die vielleicht zum Bestickendsten gehören was Öffentlichkeit(2) zu bieten hat: Wie kommt es zu dieser unglaublichen Bündelung, dass plötzlich nur noch ein Ding im Lichtkegel steht und alles drumherum, alles Nichterfasste völlig stehen und liegen gelassen wird (diese Monomanie scheint mir fast eine Grundeigenschaft des menschlichen Geistes – im Grunde genommen ist das Bewusstsein ja so eine monomanische Verkürzung, wenn wir annehmen, dass es zu einem bestimmten Zeitpunkt nur einen bestimmten Inhalt hat). [Eigentlich sollte hier noch etwas zum dialektischen Verhältnis des Licht-Schatten-Wechselspiels stehen, aber die Kurve hab ich nicht mehr gekriegt.]

    Danke für das Aufbringen der Begriffe Halböffentlichkeit, der mir nicht geläufig war, und Gegenöffentlichkeit, den ich ganz vergessen hatte. Wahrscheinlich würde ich letzteren etwas anders zu bestimmen wollen: Zunächst steht auch die Gegenöffentlichkeit in Öffentlichkeit(1), und wie hier in Blogs bedienen wir uns aus dieser, das „Gegen“ bezieht sich nun darauf, dass kritisiert wird womit oder wie sich Öffentlichkeit(2) mit Dingen auseinandersetzt.

    Herzlichen Gruß,
    Phorky

    • metepsilonema 18. März 2014 um 9:07 pm

      Freut mich!

      Ich bin mir nicht sicher, ob ich Dich bezüglich Öffentlichkeit 1 und 2 richtig verstehe: Man könnte zwischen potenzieller (1) und tatsächlicher (2) Öffentlichkeit unterscheiden: Ein literarischer Skandal wird sich nicht im Bewusstsein derselben Bürger (und in derselben Anzahl) abbilden, wie ein wirtschaftlicher oder politischer (natürlich ist das themenabhängig und eine Frage der Aufmerksamkeit, die einer Angelegenheit geschuldet wird). Und: Nicht immer hat jeder Bürger die Zeit, sich mit den entsprechenden Frage zu beschäftigen. Demnach wäre:

      Öffentlichkeit 1 (potenzielle Ö): Alle politisch Interessierten und relevanten Bürger.

      Öffentlichkeit 2 (tatsächliche Ö): Alle politisch Interessierten und relevanten Bürger, die sich einer Thematik (egal welcher) widmen können.

      Öffentlich bekannt umfasst die spezifische Verbreitung einer Thematik in Öffentlichkeit 2 (Alle an Literatur Interessierten, die sich hinsichtlich Zeit und Physis, etc. damit beschäftigen).

      Öffentlichkeit ist natürlich eine Abstraktion, die insofern gerechtfertigt ist, als man entweder das Bewusstsein aller politisch interessierten und relevanten Bürger zusammenfasst (potenzielle Öffentlichkeit) oder eben jenes (Teil)Bewusstsein, das auf ein bestimmtes Thema fokussiert ist (es also repräsentiert; das öffentliche Interesse repräsentiert). — Selbstverständlich ist das individuelle, wie das abstrahierte Bewusstsein endlich (jeder Bürger kann sich nur mit bestimmten Themen befassen, er selektiert).

      Halböffentlichkeit ist als Differenzierung wichtig, weil es tatsächlich so ist, dass nicht alle in Medien veröffentlichten Beiträge die gleiche Wahrscheinlichkeit besitzen, von vielen Personen gelesen zu werden (mir fällt jetzt keine Referenz ein, aber den Begriff erfunden habe ich wohl kaum). Die Anzahl der Leser ist wichtig, weil auf diese Art und Weise politischer Druck entsteht, diese Themen in den Medien behandelt werden und darüber diskutiert wird. Darüber hinaus bedeutet Demokratie, dass viele (nicht wenige) über Themen diskutieren und daraus — je nach System — direkt oder indirekt Entscheidungen abgeleitet werden.

      Unter Gegenöffentlichkeit verstehe ich ein gewisses Abgeschottetsein zur übrigen Öffentlichkeit (egal ob 1 oder 2).

      Soweit einmal.

      • phorky 18. März 2014 um 10:41 pm

        Ja, so ungefähr war es gemeint. Öffentlichkeit1 umfasst all das was potentiell jedem zugänglich ist, während Öffentlichkeit2 sozusagen das aus 1 ist was tatsächlich verhandelt wird.

        (warum ist der Begriff privat als Gegenpart zur Öffentlichkeit noch nicht gefallen – und Blogs als Gegenöffentlichkeit.. aber vllt müssten sich dazu auch noch ein paar Leute hier einfinden. )

        • metepsilonema 19. März 2014 um 8:15 pm

          Ich habe schon sehr lange ein paar Notizen zum Thema Privatsphäre herumliegen, das Thema wollte ich extra behandeln. Nichtsdestotrotz hast Du recht, als Gegenstück gehört es hier zumindest erwähnt, alleine der Begrenzung der Öffentlichkeit wegen.

          Das Private ist das nicht öffentlich Bekannte (das nicht in Öffentlichkeit 1 enthaltene), das nicht ohne weiteres öffentlich gemacht werden darf und der Verfügbarkeit des jeweiligen Individuums unterliegt (es sein denn es handelt sich um Personen von öffentlichem Interesse). Oder anders: Jenes, das der Person so nahe steht, dass es nicht mehr von ihr zu trennen ist (das Allgemeine wird sich daher eher in der Öffentlichkeit wiederfinden und das Spezielle im Privaten). — Was meinst Du?

          Da ich Blogs schon beim Thema Halböffentlichkeit erwähnt habe, habe ich sie danach wohl „geschliffen“ (klar, die gehören dort auch hin).

          • phorkyas 22. März 2014 um 12:30 pm

            hier die graphische Zusammenfassung:

            • phorkyas 22. März 2014 um 8:18 pm

              oder so: Schaubild
              Die Halböffentlichkeit habe ich noch nicht ganz begriffen, aber zunächst vielleicht zu Zentralerem:
              Wie geeignet das hier entwickelte begriffliche Instrumentarium ist, dachte ich sollte sich gut daran erweisen lassen, wenn man es auf konkrete, aktuelle Fälle anwendet, wie z.B. den „Skandal“ um Lewitscharoff oder die Berichterstattung rund um die Krimkrise. Dies stößt mich auf Probleme:
              1) Relativität und Perspektivität
              Es ist nicht allen alles gleichermaßen zugänglich. So würdenm wir wohl gemeinhin im Internet veröffentlichte Inhalte der Öffentlichkeit zurechnen, jedoch gibt es immer noch genügend Menschen ohne Netz. Und selbst wenn es zugänglich ist, könnte es z.B. zu den Dingen gehören für die ich mich nicht interessiere, weil mich der Wirtschaftsteil oder das Feuilleton nicht interessiert. Auch kann es vom Land abhängen was der Gegenöffentlichkeit zuzurechnen ist. So würden z.B. die in unseren Medien vertretenen Positionen in Russland dieser zugeordnet werden müssen.

              2) Rückkoppelung
              Journalisten prägen Öffentlichkeit, aber – und das fällt mir jetzt immer vehementer auf – sie spiegeln oft nur dorthin zurück, was ohnehin schon vorgefunden haben glauben. Natürlich würde jeder gerne das neue Ding finden, die neue Agenda setzen, aber die meiste Zeit orientieren sie sich geradezu sklavisch daran was gemeinhin gemeint wird, ja sie fühlen sich geradezu verpflichtet einer großen imaginierten All-Meinung ein Sprachrohr zu sein. Das ist bis zu einem gewissen Grade normal und verständlich, da von einem Journalisten ja erwartet wird, Dinge zu verhandeln, die im allgemeinen Interesse sind. Aber wie Herr Lanz mit Frau Wagenknecht oder der Reporter im Morgenmagazin mit Frau Lewitscharoff umsprang; da scheinen diese Leute daraus schon ihre Autorität ziehen zu wollen, dass sie für die Menge sprechen (das hielt ich sonst eher für eine Operationsweise der Bildzeitung, die vorgibt die Meinung der vielen kleinen Männer zu repräsentieren).

              (Weiteres Anschauungsmaterial, das mich noch beschäftigt: Putin’s smile oder Jauch investigativ )

              • metepsilonema 25. März 2014 um 10:43 pm

                Tut mir leid die verspätete Antwort, aber aus dem Handgelenk möchte ich auch nicht antworten.

                Mit Halböffentlichkeit sind einfach Untergruppierungen der Öffentlichkeit gemeint (dem großen Ganzen, das [fast?] nie als ebendieses wahrnimmt), etwa die Leser eines Blogs (es kann auch sein, dass ich nicht ganz konsistent bin, aber ich möchte ohnehin nach der Diskussion noch einmal alles überarbeiten); halböffentlich aber auch, weil diese „Gruppierungen“ klein sind und wenig bekannt (in der Öffentlichkeit). Damit sind wir bereits mitten in Punkt 1. Alles was im Internet abrufbar ist, zählt als veröffentlicht (ist aber nicht automatisch öffentlich [oder: der Öffentlichkeit] bekannt). Spezifische Interessen kann man mit den Begriffen Öffentlichkeit 1 und 2 abdecken. Ein Beispiel für Gegenöffentlichkeit wäre die Metapedia (Gegenöffentlichkeit ist nicht zwingend politisch definiert, genauso gut könnt man den Umblätterer nennen). „Gegen“ bedeutet „im Gegensatz zu etablierten Medien“ (jenen mit großer Reichweite). Man könnte das auch auf öffentliche (also: weit verbreitete) Meinungen ausdehnen (das wäre Dein Russlandbeispiel).

                Man könnte bei Medien mit großer Reichweite von öffentlichem Charakter sprechen (mal sehen, ob das sinnvoll ist).

                Zu Punkt 2: Ich wollte einmal ohne Rekurs auf den Journalismus auskommen, andererseits wird man sicherlich über Rückkoppelungen und Beziehungen nachdenken müssen (aber vorher sollten einmal die Definitionen stehen).

                Besten Dank für das Schaubild! Mir ist nur nicht ganz klar was die gestrichelten Linien bedeuten…

                Herzliche Grüße!

  2. Gregor Keuschnig 2. April 2014 um 8:43 am

    Jetzt doch. – Die Diskussion ist interessant. Ich beziehe mich auf phorkyas‘ Schaubild. Ich finde es sehr anschaulich. Nur: Die Proportionen sind nicht richtig. Ich glaube, dass – Internet hin oder her – das „Private“, das Unveröffentlichte, wesentlich grösser ist als nur dieses ominöse 1/4. Richtig und sehr anschaulich ist dann m. E. nach, dass die Gegenöffentlichkeit innerhalb der öffentlichen dargestellt wird. Aber das ist nur ein Teil der Realität. Denn auch die „private“; also „unveröffentlichte“ Meinung ist „Gegenöffentlichkeit“. Das wird häufig nicht so gesehen. Ich muss dann doch mit Noelle-Neumanns „Schweigespirale“ kommen auch wenn mir das heutzutage ein bisschen holzschnittartig erscheintt. „Schweigende Mehrheit“ klingt ja auch gleich so verschwörerisch. Als Teilnehmer in diesem Internetdiskurs (und das ist jeder, der ach nur einen Blog von einem Leser betreibt) überschätzt man diese selbst erzeugte Öffentlichkeit (die de facto ja häufig nur aus wenigen Mit“streit“ern besteht) vollkommen. Da wird die Möglichkeit des Gehört- und Gelesenswerdens eins gesetzt mit der Teilnahme am Diskurs. Das ist aber ein Trugschluss.

    Nicht öffentliche Meinungen treten bspw. bei Abstimmungen in den Diskurs ein. Dann gibt es häufig Überraschungen. Man denke an das Ergebnis der Stuttgart21-Abstimmung. Zuvor musste man monatelang glauben, ganz Deutschland sei gegen das Projekt. Öffentlichkeit ist daher vielleicht nur so etwas wie an Angebot. Gegenöffentlichkeit ist die Gegenposition zur Mehrheitsmeinung in der Öffentlichkeit. Beides sagt quantitativ nichts über die tatsächlichen Meinungen aus.

    • Phorky 2. April 2014 um 10:24 pm

      Das mit den Größenverhältnissen sehe ich ähnlich. Vielleicht würde ich wie beim Universum sogar noch das Unbekannte auf irgendwas wie 95% Prozent schätzen. (Ich wollte a la Rumsfeld auch noch die Unterscheidung zwischen known unknowns und unknown unknowns machen, womit dann die Größenverhältnisabschätzung ad absurdum geführt worden wäre.) Das Problem war aber einfach die Beschriftung unterzubringen.

    • metepsilonema 3. April 2014 um 8:36 pm

      Danke, das ist ein wichtiger Hinweis: Das Private ist — sozusagen — die tatsächliche Gegenöffentlichkeit, weil sie nicht öffentlich ist und es auch nicht sein will (im Gegensatz zur vorher definierten; mal sehen, vielleicht fällt mir noch ein anderer Begriff ein).

      Das Wort Angebot gefällt mir, weil es die Vorläufigkeit betont (Weiterentwicklung durch den Diskurs) und man, genau, nicht weiß wie es tatsächlich aussieht (hier kommen dann die Meinungsumfragen ins Spiel).

  3. Gregor Keuschnig 3. April 2014 um 9:06 pm

    Wobei das „Private“ ja nicht per se bedeutet, dass eine andere Meinungsströmung dort herrscht wie im öffentlichen Diskurs. Es ist eine verborgene Öffentlichkeit. „Gegenöffentlichkeit“ kann da der Gegen-Mainstream bleiben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: