Sehnsucht II

Wie auch immer man sie definiert, stets deutet sie auf das Abwesende (und erschafft das Unvollkommene).

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8 Antworten zu “Sehnsucht II

  1. Rainer Rabowski 6. August 2014 um 11:24 am

    Mir neulich in einem Text unterlaufen (weiß noch nicht, ob ich es stehen lasse):

    Sehnsucht ist gescheiterte Suche.
    Sucht ist (in Stoffen) verdinglichte Sehnsucht.

    (Da trifft es sich dann auch etymologisch. Aber … ich misstraue ja sämtlichen Definitionen, inklusive meiner eigenen. Sie haben aber oft diesen Charme der Überredung für den Augenblick. Der lässt sie gern gelten.)

    • metepsilonema 6. August 2014 um 2:47 pm

      Im Augenblick sind Definitionen sehr überzeugend, ja. Ich verstehe sie als End- und Ausgangspunkt zugleich (viele sind spontane „Eingebungen“, später u.U. umformuliert). Oder: Man hat eine Idee, denkt über etwas nach und hält es fest; später sieht man es anders und wirft es wieder um oder ein Leser macht einen Einwand, usf.

      An die Sucht dachte ich gestern auch, aber auf die Verdinglichung bin ich nicht gekommen (das ist schon fast therapeutisch). — Nur der Suche mag ich umfassend nicht zustimmen, denn Sehnsucht kann auch das Resultat einer (vorübergehenden) Trennung sein.

  2. Rainer Rabowski 6. August 2014 um 4:52 pm

    Mit der Trennung würde n. m. Verständnis aber die Ebene verschoben: Mit einem Liebespartner, ob fort oder da, hat die Sehnsucht ihr Objekt ja gefunden und sich sozusagen konkretisiert (und ebenfalls verdinglicht), und müsste dann etwas anderes sein (etwa Vergeblichkeitsschmerz, der noch verlangt).

    Ich dachte an die „metaphysische“ Suche / Sehnsucht – die ja im Versuch zur Konkretion als oft als ein religiöses angesehen – anscheinend aber ein menschlich grundlegendes Bedürfnis ist. (Ich sehe etwa auch Batailles „Unmögliches“ ungefähr dort.)

    Und dann gäbe es noch die mehr oder minder ziellose Sehnsucht.
    (Etwa die italienische Form der Lontananza – die wird zwar oft vorschnell als Fernweh erklärt, doch weiß sie um sich und meint ihre Unerfüllbarkeit eigentlich gleich mit).

    Aber das alles unterminiert natürlich auch die schöne Klarheit der Definitionen …

    • metepsilonema 8. August 2014 um 4:02 pm

      Aber hat nicht selbst die „ihr-Objekt-gefundene“ (objektgebundene) Sehnsucht, in den „Momenten“ in denen ihr Objekt abwesend ist, etwas Unmögliches an sich? Oder die Sehnsucht (Suche) nach einer realen Heimat etwa, die aber nicht und nicht gefunden werden kann? Der Unterschied zur metaphysischen Sehnsucht wäre die Möglichkeit der Erfüllung? Aber kann die metaphysische nicht genauso erfüllt werden (in der Gotteschau etwa, wenn wir schon bei der Religion sind)?

  3. Rainer Rabowski 9. August 2014 um 1:54 pm

    Nach meinem Empfinden ist, wenn man seine Wahl getroffen hat, im Bataille’schen Sinne eigentlich nichts Unmögliches mehr.
    Auch wenn die Üblichkeiten sich nicht vollumfänglich erfüllen, ist das Telos, sind Bestimmtheiten doch schon ausreichend gegeben.
    (Was in Erfüllungen als erlebbar zu denken ist, wäre je und je Vorwegnahme, und auch in den „Überraschungen“ eigentlich noch ein graduell Vermindertes, selbst wenn es sehr weitgehend oder gar ekstatisch wäre – es wäre „im Rahmen“. Aber vielleicht spielen hier auch persönlich gefärbte / schwierig abgrenzbare Dinge hinein.)

    Und ja, die metaphysische Sehnsucht kann sich auch erfüllen, das hatte ich auch nicht ausschließen wollen, eher nur „fern rücken“. Womöglich liegen hier Erfüllungen sogar näher, weil das Dazukommende kein Weltliches / Äußeres mehr ist, das numinose Du eher das von Buber oder Levinas, das man aus sich heraus schöpft (wie wohl ein äußeres, es in sich zu entwerfen, wieder Bedingung von Dualitäten ist).

    Und könnte man Sehnsucht womöglich als einen Mechanismus begreifen?
    Ich dachte gerade an Oswald Wiener, der ja etliches Geistige – etwa auch Kreativität – als Mechanismus verstand. Sehnsucht wäre dann als Modus von In-Bewegung-setzen des Individuums immer schon mitgegeben, als „unscharfes“ Bedürfnis zu den konkret-vitalistischen. Es muss dann nur jeder sein so oder so zu Besetzendes finden. Mangel (mit Lacan) als Movens, (Sekundär-)Triebe als Trigger.

    Aber vielleicht geht das auch alles zu weit.

  4. metepsilonema 12. August 2014 um 7:28 pm

    Ich kenne das Bataille’sche Unmögliche nicht (bzw. weiß ich nicht was es vom gewöhnlichen unterscheidet), daher ist es schwierig da anzuknüpfen…

    Aber ich überlege gerade, ob nicht jede Suche, jede Sehnsucht, eine metaphysische oder andere, nicht schon immer eine Vorstellung, eine Art vorläufig-Gebundenes braucht, selbst wenn sie gescheitert ist (irgendetwas, auch sehr unkonkretes jenseits von nichts; und dann könnte man die Verstofflichung oder Trennung als speziellen Fall, aber nichts Grundverschiedenes, begreifen).

    Eine streng mechanistische Sicht ist m.E. nicht zu halten (in den kleinsten Bezirken gibt es immer irgendwelche Unwägbarkeiten), bzw. spricht die Erfahrung im konkreten Fall dagegen (aber als allgemeine Beschreibung oder Näherung sicherlich zulässig).

    • Rainer Rabowski 14. August 2014 um 11:41 am

      Mmh. Aber was sollte dieses „vorläufig Gebundene“ sein? Heraus welchem Impuls, mit welcher Idee, mit welchem Spin wohin, wenn es nicht entsprechend einer Art Reflex, der auch eine Funktion hätte? (Oder etwas anzeigte, ein Signal darstellte: nach etwas zu verlangen.)

      Als „mechanisch“ verstehe ich hier seelen-mechanisch, mehr oder minder entsprechend einem „psychischem Apparat“ – und selbst Doc Freud nahm ja eine zuletzt physiologische (also im weitesten Sinne mechanistische) Basis an oder suchte ein entsprechendes Modell.

      Oder ist Sehnsucht nur das Anzeigen eines (inneren) Bewegungsimpuls‘ ohne eigenes Momentum, ohne einen Vektor?
      (Wobei ich jetzt nicht sicher bin, warum das mir schwer fällt zu glauben. Vielleicht nur wegen dem gelernten Reflex allem Biologischen eine Absicht oder ein Warum zu verpassen.)

      • metepsilonema 17. August 2014 um 8:24 pm

        Ich stelle es mir wie den hermeneutischen Zirkel vor, irgendein Vorverständnis ist immer schon da: In unserem Fall muss der Suche eine Vorstellung, ein (unkonkretes) zu Findendes, ja zu Grunde liegen (was man wiederum als Bindung oder Andockung auffassen könnte). — Wäre dem nicht so, dann müsste man von Vektorlosigkeit sprechen.

        Die mechanischen Modelle sind schon in Ordnung, sie werden Phänomenen wie spontan feuernden Nervenfasern oder Zufallsprozessen, die auf der Ebene der Empfindlichkeit oder bei Schwellen eine Rolle spielen, nicht gerecht (diese Unwägbarkeiten sind durch mechanisches „wenn-dann“ m.E. nicht zu fassen).

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