Der Religion keinen Persilschein ausstellen.

Hamed Abdel-Samad im Interview mit Hans Rauscher, der — wie immer möchte ich fast schreiben — ein fürchterlicher Fragensteller ist; aber Abdel-Samads Antworten sind wichtig, weniger weil er den Islamismus als Faschismus liest, sondern weil er die Politisierung der Religion (von ihrem Anfang an) als Grundübel erkennt und benennt (er ist nicht der Erste, der das tut, Bassam Tibi hat das bereits vor Jahren getan, was wohl von vielen inzwischen vergessen wurde; die Diskussion ist also keineswegs neu, sie muss aber dennoch geführt werden).

Hamed Abdel-Samad konstatiert einen fließenden Übergang zwischen Islam und Islamismus und sieht keine Möglichkeit einer Trennung der beiden (Wer ist ein Islamist? Erst derjenige der anderen Köpfe abschneidet oder schon derjenige der seiner Tochter den Schwimmunterricht oder den Umgang mit Ungläubigen verbietet?). Er sieht die Notwendigkeit einer islamistischen Katastrophe, ähnlich die der europäischen Religionskriege (salopp formuliert: um zur Besinnung zu kommen); der Islamismus müsse eine militärische und moralische Niederlage erleiden, danach könne man ähnlich wie in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg Demokratie und Rechtsstaat aufbauen (Marshallplan). Dass das wiederholt gescheitert ist, bleibt außen vor (schleierhaft warum Rauscher da nicht nachhakt): Unausgesprochen bleibt auch, dass hier eine Einsicht erforderlich wäre von der mir nicht ganz klar ist, woher sie kommen soll: Nur weil der Islamismus diskreditiert ist, bedeutet das nicht, dass man sich auch vom Grundübel der politisierten Religion befreit; auch nicht, dass man die sogenannten westlichen Werte übernimmt (deren Instrumentalisierung und einseitige Gültigkeit ja bereits jetzt erkannt werden).

Interessant wäre es gewesen, die eigene verschüttete aufklärerische Tradition wieder frei zu legen und zu beleben, dann wäre vielleicht eine Legitimation jenseits einer bloßen Übernahme „westlicher Werte“ möglich (hier liegt m.E. in erster Linie ein Legitimationsproblem vor und tatsächlich ist es verständlich, dass man sich sträubt, die Werte derjenigen zu übernehmen, die durch Interventionen und der Jagd mit Drohnen Interessen durchsetzen und Kollateralschäden in Kauf nehmen und dabei gegen ihre eigenen Werte verstoßen; von der Installation von Marionettenregierungen und anderem, ganz zu schweigen).

Abdel-Samads Modernebegriff erscheint, vielleicht aus Gründen der Gesprächssituation, als etwas eingeschränkt (er bezieht sich vor allem auf den Freiheitsbegriff).

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15 Antworten zu “Der Religion keinen Persilschein ausstellen.

  1. Rainer Rabowski 6. Oktober 2014 um 3:55 pm

    Lese gerade „Abdel-Samad in der Welt, und empfinde, was er sagt als fundiert und vernünftig.

    „Aufklärung“ – oder sogar noch eine historische – ist umständlich und schlicht in niemandes Interesse, am wenigsten der starken Kräfte: Wie schon in den ersten Terrorgruppen der Palästinenser geht es um Macht, Medienpräsenz, Einfluss auf die Agenden, Geld, Waffen, Perspektiven, Anhänger und Fußvolk. Um Religion geht es jedenfalls immer weniger – sie ist ein Popanz, der für schlicht für jeden Unsinn herhalten kann, eines jeden selbst ernannten „Kalifen“ oder auch nur eines Bürschchens, der keine Freundin kriegt oder unter sonst was an Selbstungenügen leidet. (Umso mehr spricht es damit für „den Westen“, Glauben immer und definitiv als Privatsache zu behandeln.)

    Das andere ist die große Irrationalität, die immer mehr die Diskurse durchzieht – hierorts als die Schwierigkeiten, auch nur all die „Argumente“ und Sophismen dieser Verwirrten / Interessegetriebenen zu sortieren, geschweige denn, über sie mal lang genug zu durchdenken. Schon die ganzen (selbst verliehenen) Namen sind, wenn nicht ein kompletter Idiotismus eine Irreführung: „Gotteskrieger“, „Heiliger Krieg“, „Islamischer Staat“. Das alles steht schlicht für Feindschaft mit allem Zivilisatorischen und sollte nicht ernst genommen werden. (Aber als Barbarei natürlich militärisch bekämpft.)

    Nur als Anekdote: Neulich stand ich dabei, als über den Quatsch „diskutiert“ wurde, bis jemand schließlich sagte: Jeder, der jemand anderen auch nur wegen etwas, das der gesagt oder gedacht hat mit Todesdrohungen belegt, „sofort nach Syrien ausfliegen“.

    Kann man natürlich als „Stammtisch“ abtun, doch konnte ich in dem Moment nicht umhin zu denken: Das hat, wo der Unsinn „Alltag geworden ist in Deutschland“ endlich mal was für sich.

    • metepsilonema 7. Oktober 2014 um 12:34 pm

      Dass es immer weniger um Religion geht, wäre einmal ausführlich zu begründen; wird da nicht übersehen, dass Politik, Religion, Gesellschaft und Recht, seit den Anfängen des Islams immer miteinander verflochten waren, sich eine Trennung, obwohl es Ansätze gab, nie entwickeln konnte? Wäre nicht gerade deswegen, die Frage nach der Entwicklung einer eigenen (aufklärerischen) Tradition zu stellen und nicht auf ein westliches Konzept zurückzugreifen (selbst wenn das Ergebnis vergleichbar wäre [u.a. wegen der starken Kräfte sieht Abdel-Samad die Notwendigkeit der Katastrophe ohne die sich nichts ändern wird])? Dazu kommt, dass die Nachfolge des Propheten nicht geregelt war und der Streit um deren Legitimität eine Grundfrage ist, die bis heute besteht (siehe Sunna und Shia, aber eben auch das neu ausgerufene Kalifat). Natürlich kann man diese Nachfolge als rein politische Agenda auffassen und die Religion als Vehikel zu deren Autorisierung begreifen. — Aber wird das der Angelegenheit und ihrer Anziehungskraft gerecht?

      Von der Religion wäre die Religiosität zu trennen, jenes eindringliche Gefühl (oder gefühlte Verstehen) oder wie auch immer man es nennen mag, dass erst glauben lässt, dass bestärkt, dass da noch etwas anderes (transzendentes) ist: Erst die Religiosität bindet den Gläubigen. Wenn man sagt, dass Religion keine Rolle spielt, sagt man auch dass es keine (bedeutende) Religiosität (mehr) gibt, wenn wir einmal die weltabgewandte (mystische und individuelle) Gotteserfahrung beiseite lassen. Stimmt das? Religion bedeutet einerseits Institutionalisierung, Lehre, Tradition, Entwicklung von Ritualen, Vorschriften, usw., andererseits, eben jenen Verweis auf das Transzendente, auf etwas das jenseits dieser Welt liegt, nicht unmittelbar erkennbar, aber doch das Eigentliche. Die Religion kommt nicht ohne Religiosität aus, ohne ihre Bindungskraft, die sich sicherlich im Wechselspiel mit ihr immer wieder neu entfaltet; um religiös zu sein brauche ich keine Religion, aber Religiosität kann zu einer Bindung führen (gerade dann wenn eine religiöse Tradition zu ihrer Entwicklung beiträgt).

      Wenn in diesen beiden durchaus hörenswerten Interviews, davon gesprochen wird, dass viele Jihadisten von ihrer Religion keine Ahnung hätten, dann wird die Religiosität (und ihr sinnstiftendes Element) dabei übersehen (theologische Kenntnisse sind für sie unbedeutend, zumindest zunächst). Dazu kommen freilich viele andere Faktoren, die Utopie wird vielfach übersehen, vielleicht muss man sogar Konzepte Hartmut Rosas Resonanz hinzunehmen (im ersten der beiden Interviews klingt an, dass es sich eher um perspektivenlose Jugendliche handelt, die Dame stützt sich auf Geheimdienst- oder Verfassungsschutzdaten, glaube ich; hier wird von keinem typischen Profil gesprochen, was auch besser zu dem passt, was ich bislang gehört habe). Und wenn man sich diese „Dokumentation“ über IS/Daesh ansieht und reflektiert, dass sie eine Propagandachance für die Jihadisten ist, und wir diese Bilder sehen sollen, es also keine kritische Darstellung im strengen Sinn ist, trotzdem: Man kann die Vorstellung, dass hier Menschen für ihre Überzeugung kämpfen und in der Schaffung eines „islamischen Staats“ eine Sinnstiftung und Erfüllung finden, nicht ganz von der Hand weisen, obwohl es mit Barbarei einher geht (es gab unter den Mördern im Nationalsozialismus sicherlich auch viele brave und gute Familienväter).

      Vielleicht kann man die Bedeutung der Religion als Ankerpunkt und Ausformulierung des Transzendenzbedürfnisses der Menschen festmachen. Dieses Bedürfnis kann einen zu den Falschen führen, es kann instrumentalisiert werden, aber ohne Religion und Rekurs auf eine religiöse Tradition wäre die Anziehungskraft einer bloß politischen Agenda weit aus geringer. Daesh/IS ist faszinierend weil sie „Religion“ ist und religiöse begabte Menschen binden kann (mitunter wächst bei manchen aufgrund des Rekurses auf die Tradition des Islams weniger Abneigung oder sogar etwas Zuneigung; genauso wie bei uns manchmal eine Rolle spielt das man derselben Kultur oder Volksgruppe angehört; eine Art von Solidarität). Daneben spielen viele weitere Motive und Ursachen eine Rolle, keine Frage, ich will das Phänomen keineswegs darauf reduzieren.

  2. Köppnick 7. Oktober 2014 um 5:31 pm

    Der Islam ist nur die am wenigsten reformfähige Religion, weil hier die Nichttrennbarkeit von Religion und Politik explizit formuliert ist – ich wüsste nicht, wie die Muslime diesen Widerspruch je auflösen wollen. Das Christentum ist in dieser Beziehung etwas besser dran, weil es als Religion der Unterdrückten gestartet ist und die Trennung von weltlicher und kirchlicher Macht eher praktizieren kann. Aber trotzdem sind die anderen Religionen neben dem Islam mit ihren Wirrheiten kaum besser. Die von der IS verfolgten Jesiden beten einen heiligen Pfau an, andere dürfen kein Schweinefleisch essen oder halten Kühe für heilig. In streng islamischen Ländern muss fünfmal am Tag gebetet werden, was sich mit einem normalen Berufsleben nur schwer vereinbaren lässt. Die Katholische Kirche hat seltsame Ansichten zur Partnerschaft, zu Abtreibung, Präimplantationsdiagnostik, ein gestörtes Verhältnis zur Sexualität, bei uns einen Sonderstatus beim Arbeitsrecht uvam. Ich wohne etwa 100 Meter von einer (evangelischen) Kirche entfernt, jeden Tag bimmeln früh und Abend um sieben die Glocken in einer Lautstärke, für die andere wegen Ruhestörung angezeigt werden. Die Trennung von Staat und Kirche ist bei weitem nicht durchgesetzt – ein schönes, derzeit diskutiertes Beispiel ist die Chuzpe, mit der man sich im armen Leipzig, einer überwiegend atheistischen und schwach protestantischen Stadt, Fördergelder für den nächsten Kirchentag auszahlen lässt.

    • metepsilonema 7. Oktober 2014 um 10:19 pm

      So seltsam viele Religionen anmuten, was ihre Lehren oder Vorstellungen betrifft, sie gründen doch in menschlichen Erfahrungen und erfüllen menschliche Bedürfnisse; sie sind nicht tot zu kriegen und ich sehe dazu auch keinen Anlass. — Was den Islam betrifft, so würde eine Historisierung (also: das vom Menschen geschaffene als ebensolches anzusehen) vieles ermöglichen.

      Ich glaube man muss Staat und Religion nicht hundertprozentig trennen, wichtig ist, dass Religionen keine politische Macht ausüben können, aber da wo sie gesellschaftliche Funktionen wahrnehmen, kulturell oder sozial, z.B., kann man sie auch staatlicherseits unterstützen und damit in das Gemeinwesen integrieren (ebenso muss die Ausbildung von Geistlichen, die Lehre oder der Religionsunterricht staatlich kontrolliert werden).

      [Soweit ich weiß können vorgeschriebene Gebete entfallen, wenn man „unabdingbar“ ist, also z.B. beruflich beansprucht wird.]

  3. Rainer Rabowski 7. Oktober 2014 um 6:37 pm

    Ja, wäre … wäre, wäre ganz bestimmt – aber ich glaube, es ist zu spät. Nicht nur bei mir, auch bei Freunden, die guten Willens sind, merke ich eine Art radikale Ermüdung an der Erpressung der ganzen Welt durch eine andere, eine Glaubenswelt, die sich selber nicht entsprechend der angerissenen Fragen versteht (auch die „Gemäßigten“ eigentlich nicht). Man denke nur mal an den Absolutheitsanspruch dieses (für Differenzierungen eh nicht anfälligen) Glaubens. Man denke an die finsteren Jahre der christlich-europäischen Dunkelheit und an die Inquisition, die auf obskuren Anschein von Beweisführungen hin Menschen zu furchtbarsten Qualen auslieferte.

    Ich selber fühlte mich einmal lange angezogen von der arabischen Welt, und wenn auch nicht von der Religion, so ist mir die Religiosität (oder als besserer Begriff vielleicht: Spiritualität) selber mehrmals angenehm begegnet: Im Glauben eines Berber-Freundes, der noch in einem Zelt geboren wurde, überhaupt in Form der Wüste, oder auch der Altstadt von Sanaa etwa, aber auch der Insistenz eines alten zahnlosen Mannes, der seine Suren vor sich hin leiert. Ich habe über die Jahre in der arabischen Welt viele Dinge erlebt. (So öfter auch die blanke Korruptheit von Schergen-Figuren, etwa in Damaskus.)

    Ich will damit sagen, wieso ich dazu neige, eher nach meinen Erfahrungen / Einfühlungen zu gehen als nach einem „Diskurs“ oder seinen verbleibenden Möglichkeiten. Ich glaube, diese Kämpfer sagen eigentlich: Genug geredet.

    Und ich denke sogar, auch hier, für uns, kann es gar nicht mehr um irgendwelche gut gemeinten abstrakten Verständnisse gehen. Ich denke, die arabische Welt sollte arabische Probleme langsam mal selber lösen. (Dass es jetzt wieder die Amerikaner machen sollen, als Anführer einer „Koalition“, beweist das umso mehr.) Und ansonsten sind diese Art von „Überzeugungen“ der Kämpfer keine diskursfähigen – da geht es um Irrationalitäten, um zu lange Unterdrücktes, um Opfer (in einer für uns fast schon unzugänglichen Weise), um unirdische Dinge, die weltlich nur ver-rückte Folgen zeitigen.

    (Bezeichnend, wie europäische „Kämpfer“ erst im tatsächlichen Kampf kapieren, was ihr Unsinn bedeutet. Erinnert ganz fern an die Kriegsbegeisterung auch der vermeintlich Aufgeklärten und Künstler 1914. Dann hatten sie endlich ihren Salat.)

    Schon seit dem Geschichtsunterricht hatte ich einen Widerwillen, mich auch nur lernmäßig auf die Ideologeme von Nazi-Quatsch einzulassen – mich darüber aufklären zu lassen. Mein Gefühl war immer, ich würde durch das nachvollziehende Durchdenken von Motiven und Gründen etc. mit dieser Art von Verrücktheit infiziert. Ein sehr ähnliches Gefühl habe ich heute. Deshalb meine ich, schon die Namen und Begriffe dieser Kämpfer sind falsch. Und alle Behauptungen über / von / in irgendeinem Bezug zu „Gott“ sind Unsinn. Unsinn. Unannehmbar: Wenn wir „islamischer Staat“ ernst oder auch nur wörtlich nehmen, ist damit schon etwas Unüberbrückbares eingeführt und fehlgegangen in den Köpfen. (Und ich rede hier nicht von im weitesten Sinne „politischen“ Staatsverständnissen.) Für mich klingt das wie spanischer Surrealismus: Viva la Muerte! Es lebe der Tod? Gut, dann nur bitte ohne mich.

    Deshalb denke ich auch, die ganzen feinsinnigen westlichen Unterscheidungen und Verständnisse helfen hier nicht (mehr). Wer Köpfe abschneidet, wischt alle Begrifflichkeiten erst mal weg. Und darin mag für manche Geister sogar ein „utopisches“ Potenzial liegen. Aber es bleibt doch ver-rückt (zumindest für solche wie uns, die an ihren Vernünften und Begriffen hängen). Da ist keine Sinnstiftung, ich halte die Suche nach Verstehen / Verständnis für diese Leute eher für Ausdruck unserer Hilflosigkeit. Ich erkenne die „Erfüllung“ von Köpfeabschneidern nicht an! Jede Art Transzendenzverlangen in diese Richtung ist Unsinn! Hätte man Pol Pot ernst nehmen sollen? Idi Amin, diese Zerrfigur kolonialer Clownerien, die an Voodoo nicht nur glaubte sondern ihn auch praktizierte (was ihm ein paar Europäer zugestehen wollten)? Alles Quatsch. Wenn ich mich darauf einlasse, bin ich selber sofort im Unsinn. Deshalb meine (von mir aus: nur private) Strategie: Alles Quatsch. Alles Unsinn! Non-sens gegen Non-sense. Ich muss / will das nicht ernst nehmen.

    Also nee, keine Transzendenz, nirgends. Nur Propaganda von knallharten Machtansprüchen.

    Die Konsequenz, die Kämpfer solchen Schlages einem aufzwingen, ist wiederum Kampf. Aber da bin ich natürlich hoffnungslos im Nachteil, weil mir Begeisterungen und Paradiesglauben und sonstige Gründe für meine Selbstopferung völlig abgehen.

    Nicht, dass der famose Westen dagegen schon triumphierte. Ich muss immer öfter an Dostojewski denken: „Wenn Gott tot ist, ist alles erlaubt.“ Und (vielleicht wieder nur) mein Gefühl ist, auch das wurde, als buchstäblich radikalste Aussage, die man auch in unserem Kulturkreis vielleicht treffen kann, nie verstanden. Nur praktiziert. Und jetzt haben wir gegen diese Leute keine Mittel. Oder eben nur die entscheidenden. Waffen. Und die haben sie ursprünglich auch von uns.

    • metepsilonema 8. Oktober 2014 um 2:30 pm

      Man sollte auch die Feindschaft allem Zivilisatorischen gegenüber ernst nehmen, wie die Barbarei, für die es kein Verständnis und keine Rechtfertigung gibt und dort bekämpfen wo es unausweichlich ist, aber einen Kampf ohne Verstehen, also auch ohne Überlegungen über ein Danach und ohne Ausschöpfung aller anderen Mittel (politischer Lösungen) zu führen wird alles nur verschlimmern. Wenn hunderte, sogar tausende Männer aus aller Welt dem IS zulaufen, ja selbst Frauen, dann kann man diese als Barbaren oder die Dummen bezeichnen, aber was wäre damit gewonnen, außer dass man sich der eigenen Ermüdung hingibt und den in Gang gesetzten Mechanismus weiter befeuert?

      Man muss Acht geben, dass man sich selbst nicht von der Rhetorik des Kriegs in den Bann ziehen und von sogenannten Unausweichlichkeiten täuschen lässt: Kann man jetzt noch sagen man lässt Arabien und den mittleren Osten seine Probleme alleine lösen, wo man diese Probleme über Jahrzehnte hinweg bis ins Jetzt selbst in erheblichem Ausmaß miterschaffen hat? Wäre Frieden, könnte „der Westen“ sagen, dass die Zeit zu gehen, gekommen wäre, dann aber mit allen Konsequenzen (was aber, wenn, wie auch in diesem Fall, ein Hilfsansuchen gestellt wird?).

      Die Kämpfer sagen genug geredet, richtig. Aber das bedeutet doch nicht, dass wir Denken und Analyse aufzugeben haben, oder? Natürlich werde ich nicht mit jemandem reden können, der mir den Kopf abschneiden will, aber um das nachhaltig zu verhindern kann eine Analyse nicht schaden, im Gegenteil.

      Ob nun Nazi-, Faschismus- oder Dschihad-Quatsch: Sich darauf einzulassen, also dem Verstehen einen Raum zu geben, eröffnet Möglichkeiten jenseits eines bloßen Gegens, dass das zu Bekämpfende immer neu erzeugt (die Kategorien sind ja auf beiden Seiten dieselben). Wenn ich dem Antrieb der hinter dem Quatsch und den Verrücktheiten liegt, ins Auge sehe, wenn ich weiß woher er kommt, dann kann man ihn ausschalten oder transformieren: Ohne ein sich Einlassen oder Ernstnehmen wird das aber kaum möglich sein (vielleicht sind diese Leute auch mehr wir selbst, als wir das wahrhaben wollen).

      • Rainer Rabowski 8. Oktober 2014 um 6:22 pm

        Gut, dann habe ich mich damit aus all dem verabschiedet, zweifle brav noch einmal selber an meiner Erleichterung, aber folge ihr doch. Und müde, ja, sowieso: Das Recht dazu räume ich mir selber ein. (Und womöglich ist das nicht mal so weit weg von jemandem, sagen wir aus den Pariser Banlieues, der für sich konstatiert: So, jetzt bekenne ich mich – wegen was auch immer – endlich einmal zu meiner Verneinung und bin konsequent.)

        Aber den Rest nicht mehr, nee, danke Quatsch, keine Gegen-Frömmelei, kein Einlassen, kein Ernstnehmen: Irgendwann muss mit dem ganzen „Verständnis“ auch mal gut sein. Nicht nur im Gefühl, dass Vernunft keine adäquate Reaktion auf vorsätzliche Barbarei ist fühle mich längst genug vergiftet. (Und bin damit geschlagen? Gut, derart „gegen“ wie die kann ich eh nicht sein. Und der Waffen-Typ bin ich auch nie gewesen.)

        Interessant vielleicht noch der letzte Punkt: Aber dahin kann ich dann auch mit einer weiteren Drehung an der Schraube nicht mehr vordringen. Und liegt da der Knackpunkt? Tatsächlich mach ich ja auch bei all meinen Vernunftabenteuern wegen meiner „westlichen“ Langeweile irgendwann Schluss. Damit komme ich klar.

        • metepsilonema 9. Oktober 2014 um 10:02 am

          Wenn die Vernunft (also auch Besonnenheit) keine adäquate Reaktion darstellt, welche wäre es dann? So sehr ich die artikulierte Haltung verstehe, ihre Inanspruchnahme und Teile davon selbst kenne: Im Ergebnis, spätestens, kommen mir Zweifel.

          • Rainer Rabowski 9. Oktober 2014 um 4:44 pm

            Die Zweifel habe ich selbst und streite sie auch nicht ab – und natürlich ist meine Artikulation Ausdruck der dazu erpressten Schmerzen, nämlich über die Einsicht, dass auch die mittelalterliche Gewalt auf Erden nicht zu überkommen ist.

            Womöglich sind es sogar die Schmerzen – Phantomschmerzen? – die ich über die sozusagen identitäre Einredung („Anerkenne als Deutscher Dein Schuld-Ding, und sei es noch so abstrus und weit weg“) nicht zugelassen habe: Dass diese Gewalt da ist, und dass sie irgendwann schmerzen muss. (Und, um auch das noch zuzugeben: Wenn es mal wieder unausweichlich wird, wie das Ferngerückte eigentlich ganz nah ist, lasse ich lieber meine Aggressionen zu als meine Trauer darüber. Das fällt mir selber immer wieder auf.)

            Der Rest ist Realismus, Realpolitik: Dass die Taliban, die einem Mädchen in den Kopf schießen, weil es etwas lernen will, demnächst vielleicht an einem Verhandlungstisch sitzen und mitmischen dann auch ihren Anteil von dem Erpressgeld des Westens einheimsen, mit dem sie wiederum Waffen kaufen, weil man eben nur mit Waffen stark ist. (Der Westen ist der Teufel.)

            Heute gab es einen Hinweis darauf, wie noch jede Terrororganisation letztlich eingemeindet wird. Natürlich waltet da irgendwo Vernunft (oder eben Pragmatik), und natürlich hat man das anzuerkennen. Aber es ist genau das, was ich mit der Selbst-Infizierung meinte: Wir holen das Verbrechen wieder zurück ins System – und es wird zu einer nachträglich legitimierten Handlung.

            Ich frage mich, wie die Welt heute aussähe, wenn man Arafat damals für seine Taten zur Verantwortung gezogen hätte statt ihn zum Friedensnobelpreisträger zu machen.

            Man denke aber auch an Kerteszs Satz: … dass das, was Auschwitz ermöglicht hat, nicht verschwunden ist. Auch DAS ist dann „Ergebnis“.

            • metepsilonema 10. Oktober 2014 um 11:11 pm

              Nun, jeder Mensch, der in sein Leben tritt, muss den Gewaltverzicht erneut lernen und üben (oder er verweigert sich ihm), aber gegen die geäußerte Utopie spricht, dass es keinen Lernautomatismus gibt, bestenfalls ein wenig Erziehung, die aber auch negativ sein kann (man muss auch die verschiedenen Bedingungen berücksichtigen unter denen Menschen leben). Ob die Gewalt nun mittelalterlich ist oder modern: Ich glaube nicht, dass wir auf mehr als geringfügige und langsame Besserung bauen können (wenn überhaupt). Das, was Auschwitz im Kern war, kann nicht verschwinden, weil es im Menschen angelegt ist (ich kenne einen liebenswerten, etwas über drei Jahre alten Buben, aber selbst aus seinen Augen funkelt manchmal das, was man im Kern „das Böse“ nennt).

              Die angesprochene Legitimierung (liegt da wirklich eine Infizierung vor?) ist vielleicht die Gretchenfrage (und die nach dem Realismus): Wollen wir zuungunsten der Moral, ich würde sogar sagen: unserer Selbstgefälligkeit, von mir aus auch: unserer Werte, die tatsächliche Gewalt beenden und zwar dann, nur dann — das ist ja eine Kernaussage des Texts (danke dafür!) — wenn sie weder der einen, noch der anderen Seite nutzt?

              Dass das Verbrechen quasi eingemeindet wird, steht gegen die Gerechtigkeit (wer hätte nicht aller zur Verantwortung gezogen werden müssen?), aber vielleicht am Ende auch gegen die Gewalt (auch, weil es einen Schritt weit vom Gegen zurücktritt)? Das Patt von Gewalt und Gegengewalt als Möglichkeit doch noch zu lernen.

              • Rainer Rabowski 11. Oktober 2014 um 6:04 pm

                Ja, aber schon wegen dieser „Möglichkeit“ bleibt das Messianische – etwa in Adornos erlöster Gesellschaft – immer noch radikaler. Nur bleibt wohl nicht viel mehr, als das gegen all den elenden Pragmatismus auch festzuhalten.

                • metepsilonema 11. Oktober 2014 um 6:32 pm

                  Radikalität an sich ist kein Wert (Terrorismus ist auch radikal); das Messianische ist, wie alle Erlösungs- und Erweckungsphantasien nichts was gesellschaftlich von Nutzen sein kann (praktisch jedenfalls). Ideale muss man gegen den Pragmatismus, gegen die Realität, stellen um zwischen sein und können (sollen) zu unterscheiden.

                • metepsilonema 12. Oktober 2014 um 3:05 pm

                  Der Pragmatismus hat noch eine andere Seite: Im Notfall wird er sich auch über die Rechte von Terroristen hinwegsetzen (wenn man Menschen leben retten kann, wird man die notwendigen Informationen aus einem der Beteiligten heraus pressen; nicht dass das legitim ist oder gesetzlich rechtfertigenswert wäre, aber tun wird man es).

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