Big Data…

…steht eigentlich für Methoden (und vor allem: Kapazitäten), die die Analyse von großen Datenmengen ermöglichen; beim Nachdenken über die Folgen und Möglichkeiten, darf man zuerst nicht darauf vergessen, dass Daten (Informationen) Repräsentationen von Eigenschaften realer Objekte oder Lebewesen sind, also das Ergebnis von Messungen oder Schätzungen. Entscheidend ist deren Güte, also wie exakt sie die Eigenschaften, die sie abbilden sollen, auch tatsächlich abbilden (und wie wesentlich diese Exaktheit für das was ich wissen will, ist).

Wenn eine Firma einen Datensatz über die Bewohner eines Häuserblocks statistisch aufbereitet und einem Kunden, der in der Gegend ein Restaurant eröffnen möchte, verkauft, weil dieser wissen will, ob der Kundenkreis, den er ansprechen möchte, dort auch wohnt, dann sind ist die Aussagekraft dieser Daten gering, wenn sie fünfzehn Jahre alt sind oder nur für die Hälfte der Bewohner des Blocks vorliegen. — Veraltete Daten können die Entscheidung des Gastronomen in eine falsche Richtung lenken.

Falsche oder fehlerhafte Daten können aber auch Unbeteiligte treffen: Denken wir an eine schlampig geführte Liste mit Terrorverdächtigen (Falschschreibungen bei Namen; fehlerhafte Zuweisung von Daten oder überwachter Kommunikation, usw.), an Namengleichheiten bei der Vergabe von Krediten oder der Kompilierung von Persönlichkeitsprofilen über das Netz (ich habe das einmal an mir selbst getestet und wurde prompt mit einem falschen Foto bedacht). Die Beispiele sind Legion, an automatisierte Persönlichkeits- und Objekterkennung via Netz und Smartphone oder Brillen ist da noch gar nicht gedacht: Die Zuweisung (Rücküberweisung) von Informationen (Daten) an Objekte und Personen der Realität (also die Annahme, dass diese Information etwas wie Wissen darstellen) kann fatale Folgen haben, nicht nur die (illegitime) Nutzung valider Daten.

Datensätze können auch auf die gesetzmäßige Verbindung von Eigenschaften hin untersucht werden (die immer eine Wahrscheinlichkeitsaussagen ist), auf Korrelationen (die gerne mit Gesetzmäßigkeiten verwechselt werden) oder nur durch Balken-, Kreis- und andere Diagramme veranschaulicht werden (was noch keine statistische Analyse darstellt). Darüber hinaus können Vorhersagen erstellt werden, die zusätzlich Unwägbarkeiten hinsichtlich unbekannter Entwicklungen und Zufälligkeiten beinhalten.

Wofür auch immer man Daten benutzt: Man benötigt sie zuerst und das hat zur Folge, dass sich die Beobachtung auf allen Ebenen intensivieren wird: Die systematische Überwachung (Ausspähung) wird nicht nur als solche betrieben, sondern um der Daten willen: Kontrolle (Beherrschung und Prävention) fußt in der Verfügbarkeit von möglichst exakten (und aktuellen) Daten; sie läuft auf die Kanalisierung von menschlichem Verhalten („Konditionierung“ und Standardisierung) hinaus und der Sanktionierung von unerwünschten Abweichungen.

Es sind nicht nur Staaten (und deren Geheimdienste), die derartiges wünschen, sondern im gleichen Maß interessiert sich die Ökonomie für Daten, die Verhalten und Wünsche der Kunden möglichst gut abbilden; je mehr ich über meine Kunden weiß, desto besser kann ich mich auf sie einstellen (und desto leichter können sie manipuliert werden). Die strikte Kanalisierung dürfte ökonomisch eher uninteressant sein, denn je vielfältiger die Hobbies oder Interessen (eingeredete oder reale) der Kunden sind, desto mehr und desto leichter lässt sich Geld verdienen. Hier reichen sich Staat und Ökonomie die Hände: Solange die Bürger Parfüms und Computerspiele kaufen, Erdnüsse futtern und fernsehen, also brave Konsumenten sind, ist es beiden recht.

Ökonomie und Staat haben auch noch einen anderen, einseitigeren Berührungspunkt: Die Daten der Bürger, die sich in der Hand der Unternehmen befinden, könnten auch für die Geheimdienste nützlich sein: Sie werden versuchen, sich die Sammelleidenschaft der Unternehmen dienstbar zu machen (was bereits geschehen ist). Ökonomisch nachteilig kann das werden, sobald es den Kunden bewusst wird, es ist, gerade in Zeiten digitaler Verstärkung und Verbreitung, durchaus ein Spiel mit dem Feuer, denn ein Unternehmen verliert seine Kunden rascher, als eine Regierung abgewählt wird (ersteres kann sofort umgesetzt werden, letzteres benötigt ein Gedächtnis). Allerdings: Dort, wo es um die eigenen Angestellten geht, wird jedes Unternehmen wie ein Staat im Kleinen handeln. — Das Netz der Dinge, also die Verbindung vieler oder aller Geräte mit dem Netz (deren Kontrolle eingeschlossen), wird das Problem weiter verschärfen.

Diese Entwicklungen könnten über Bequemlichkeit und Ängstlichkeit eine neue Gleichförmigkeit erzeugen, einen Individualismus, der seine Erfüllung noch stärker in der Variation von Marken, Moden und Unterhaltung findet, Bürger, denen das Bürgersein langsam ausgetrieben wird: Bürger, die zwar nicht zentral (total), aber dezentral beherrscht werden.

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