Sprache…

…ist das einzige Werkzeug, dass eben diesen Zustand bloß ein Mittel zu sein, zur Selbstzwecklichkeit hin überschreiten kann. — Man nennt das dann Literatur.

32 Antworten zu “Sprache…

  1. Detlef Zöllner 27. Februar 2015 um 9:53 am

    Ich befürchte, daß die Technologie generell längst den Zustand, bloß ein Mittel zu sein, überschritten hat und zum Selbstzweck geworden ist.

    • Phorky 27. Februar 2015 um 1:02 pm

      ..und damit fast schon Kunst geworden ist?

    • Detlef Zöllner 27. Februar 2015 um 1:13 pm

      Kittler macht en Unterschied zwischen Stil und Standard. Kunstwerke haben einen individuellen Stil. Technologien haben Standards. Die Standards ersetzen die Individualität, Maschinen und Medien den Menschen. Technologien können also prinzipiell nicht zur Kunst werden. Sie machen sie nur überflüssig.

      • Gregor Keuschnig 28. Februar 2015 um 10:44 am

        Interessant. Das kleine Problem dabei ist nur noch, wie denn Kunst definiert wird. In der Postmoderne ist „Kunst“ längst trivialisiert worden. Kunst ist demnach alles, was sich so nennt bzw. genannt wird. Der Begriff wird derart inflationär gebraucht, dass er sich am Ende droht, zu verflüchtigen. Wenn nämlich jeder individueller Stil Kunst wird, ist es irgendwann nicht einzusehen, warum Maschinen nicht auch Kunst erzeugen können, da sie ja zumindest von Menschen hergestellt und programmiert wurden. (Ich spiele hier den Advocatus Diaboli.)

        • Detlef Zöllner 28. Februar 2015 um 1:21 pm

          Ich würde Kunst gerne auf den Menschen begrenzen. Leroi-Gourhan verweist darauf, daß Kunst nicht durch Technologie gekennzeichnet ist. Ein Pinsel ist ein Pinsel. Es gibt zwar viele verschiedene Arten von Pinseln, aber der Pinsel als solcher ist nicht technologisch verbesserbar, auch nicht durch Sprühdosen oder so. Sprühdosen ermöglichen wieder eine andere Form des künstlerischen Ausdrucks (Graffiti) als Pinsel. Aber Sprühdosen sind nicht ‚besser‘ als Pinsel. Und moderne Kunst ist auch nicht ‚besser‘ als Rembrandt oder als die Höhlenmalereien von Lascaux. Kunst ist jeweils für sich perfekt. Es gibt keine Steigerung in der Kunst. Und perfekt bedeutet: sie ist der angemessene Ausdruck des Menschlichen. Perfekte Kunst verdrängt den Menschen nicht, sondern verwirklicht ihn. Technologie hingegen verdrängt den Menschen. Das nennt Heidegger dann ‚Gestell‘.

          • Gregor Keuschnig 1. März 2015 um 12:06 pm

            Heideggers Technikkritik ist ja derzeit en vogue (Lanier, Byung-Chul Han, Sloterdijk), auch wenn man nicht direkt Bezug auf ihn nimmt. Ich würde auch gerne Kunst als exklusiv auf den Menschen bezogenen begrenzen. Am Ende sind es aber Menschen, die die Technik derart entwickeln, dass sich neue Kunstgenres entwickeln. Das mag man beklagen oder als falsch ansehen, aber es ist wohl unumkehrbar. Da es keine Kriterien mehr zu geben scheint, wird „Kunst“ zum Gemischtwarenladen. Jeder beansprucht darin die Perfektion des Kunstwerkes für sich.

            • Detlef Zöllner 1. März 2015 um 12:20 pm

              Naja, irgendwie sind alle Katzen grau, wenn es Nacht ist. Aber man sollte schon versuchen, mit der Taschenlampenfunzel der Erkenntnis ein wenig analytischen Verstand auf solche Begriffe wie Kunst und Technik anzuwenden. Dabei ist es unverzichtbar, daß man intellektuell Stellung bezieht. Warum also sollten wir uns nicht darauf einigen dürfen, daß der Anwendungsbereich eines Begriffs wie Kunst auf den Menschen begrenzt bleiben sollte? Unabhängig davon, was alle anderen noch so alles behaupten?

              • metepsilonema 1. März 2015 um 2:10 pm

                Kunst und Technik haben etwas gemeinsam: Sie sind beide künstlich, genuin menschlich und zugleich erschaffen, der Natur entgegengesetzt, auch darin, dass sie in der Summe der Werke einen eigenen Kosmos, eine eigene Natur gleichsam darstellen und wieder auf die Individuen zurückwirken.

                Kunst mag auch von anderen Wesen erschaffen werden können, nur kennen wir keine, die das zustande brächten, zumindest jenseits eines ganz trivialen Begriffs.

              • Detlef Zöllner 1. März 2015 um 6:23 pm

                Dem kann ich ohne weiteres zustimmen. Aber nur weil Kunst und Technik gleichermaßen ‚künstlich‘ sind, heißt das nicht. daß es keinen Unterschied zwischen dem Handwerk in der Kunst und dem Handwerk eines Schusters gibt. Es kommt in der Kunst nicht auf die technologische Vielfalt der Ausdrucksformen an, ob man – wie in der Steinzeit – nur Kohle und Mangan zur Verfügung hat oder noch über eine ganze Palette durch „moderne chemische Verfahren“ vergrößerte Farbenvielfalt verfügt. Kunst ist eine elementare Ausdrucksform, die mit den je zur Verfügung stehenden Mitteln das menschliche Sinnstreben – im Falle eines Kunstwerks – auf gleichermaßen originelle wie gelungene Weise zum Ausdruck bringt.

                • metepsilonema 1. März 2015 um 8:01 pm

                  Das es zwischen dem Handwerk des Schusters und dem des Künstlers keinen Unterschied gibt, wollte ich gar nicht behaupten (ganz im Gegenteil). Natürlich kennt die Kunst auch Handwerk und Technik, daneben gibt es dann aber noch etwas das als Stimme, Erleben oder auch irgendwie anders bezeichnet werden kann, das man kaum lernen kann.

                  Die Mittel die dem Künstler zur Verfügung stehen, erweitern die Bandbreite dessen, was (hinsichtlich der Rezipienten) ausgedrückt („verständlich“ gemacht) werden kann oder verfeinern es zumindest (es ist auch ziemlich sicher so, dass die Arbeit mit den verfügbaren Techniken, das Ausprobieren und das Arbeiten, Rückwirkungen auf das haben, was man ausdrücken will [es ist ja nicht alles gegeben, wenn man sich hinsetzt und beginnt]). — Es ist ein Unterschied, ob ich nur die Naturtöne kenne oder auf eine chromatische Skala zurückgreifen kann; welche Instrumente existieren, usf. Man kann das in der Praxis nicht ganz trennen. Oder formulieren wir es so: Die entstehenden Kunstwerke sind andere, wie ihre Bedingungen und ihre Rezeption, aber so verschieden sie auch sind, sie bleiben was sie sind.

                  Künstler finden wohl meist ihre Wege, quasi mit dem was da ist (oder mit dem was möglich ist).

                • Detlef Zöllner 1. März 2015 um 10:55 pm

                  „Die entstehenden Kunstwerke sind andere, wie ihre Bedingungen und ihre Rezeption, so verschieden sie auch sind, sie bleiben was sie sind.“ – Ich denke, das bringt es auf den Punkt.

          • Phorkyas 1. März 2015 um 12:08 pm

            Bei allen Gefahren gehoert die Technik dem Menschen genauso wesentlich zu wie die Kunst, ja haben beide den gleichen Ursprung: den Spieltrieb.

            Leroi-Gourhan irrt, meine ich. So denke ich z.B., dass Maler nicht ohne ihre Farben auskommen und sich dort die Moeglichkeiten durch moderne chemische Verfahren vergroessert haben duerften. Technik ebenso wie Techniken erweitern so die Kunst, besonders in den Teilen wo Kunst noch staerker vom handwerklichen Aspekt gepraegt ist.

            • Detlef Zöllner 1. März 2015 um 12:22 pm

              Ich würde nicht sagen, daß Leroi-Gourhan sich ‚irrt‘. Er bezieht lediglich Stellung. Ansonsten gebe ich Dir aber Recht. Ob Faustkeil oder Höhlenmalerei: es ist derselbe Mensch, der darin in Erscheinung tritt.

  2. metepsilonema 28. Februar 2015 um 11:32 am

    Guter Einwand. Zunächst ist der Begriff Technik eine Abstraktion; dann möchte ich zwischen (klassischen) Werkzeugen und Technik (im engeren Sinn?) unterschieden. Ein Computer, ein Smartphone, ein Fernseher sind technische Geräte, aber keine Werkzeuge (jedenfalls nicht primär). Ein Hammer ist ein Werkzeug, aber kein technisches Gerät; eine Bohrmaschine ist beides.

    Technische Geräte werden m.E. immer noch hinsichtlich Nutzen und Anwendbarkeit konstruiert (nehmen wir z.B. einen Ebook-Reader her); eine Art Selbstzweck (oder Verselbstständigung) geworden ist hingegen, insofern stimme ich zu, die stetige Weiter- und Neuentwicklung ohne nach einer übergeordneten Sinnhaftigkeit zu suchen: Was machbar ist, wird (fast immer) umgesetzt (eine Parallele zur Wissenschaft übrigens).

    Ein anderer Aspekt ist der Besitz von technischen Geräten, der sich in Teilen sicherlich auch Selbstzweck oder selbstverständlich geworden ist (man kann das in Techblogs, die die neusten Produkte besprechen, sehen). Im Grunde ist das aber nichts anderes als Mode (man möchte auf dem neusten Stand sein, ihn „besitzen“, „darstellen“, vertreten).

    Ein wichtiger Unterschied zur Sprache ist, dass es jenseits der Gewohnheit keine Intersubjektivität oder Werkgebundenheit gibt (der technische Selbstzweck ist temporärer; der Unterschied zwischen Allgemeinheit [Standard] und Individualität [Stil, Stimme, Subjektivität] gilt, wie oben schon erwähnt, natürlich; wobei in der Literatur das Allgemeine und das Individuelle zusammenfinden).

    • Detlef Zöllner 28. Februar 2015 um 1:29 pm

      Meiner Ansicht nach ist Sprache kein Werkzeug, etwa der Informationsvermittlung, sondern expressiv. Mit ihrer Hilfe werden wir uns vor uns selbst und vor anderen verständlich. Dabei geht es immer um die Differenz zwischen Sagen und Meinen. Auf dieser Grenze bewegen wir uns, wenn wir sprechen. Deshalb ist Sprache eben nie nur ein Mittel, sondern immer auch ein Selbstzweck. Das indiviuelle Allgemeine in der Literatur befindet sich auf dieser Grenze zwischen Sagen und Meinen: ‚gesagt‘ werden Protagonisten und Handlungen; ‚gemeint‘ fühlen kann sich jeder, der ein Buch aufschlägt und es liest.

      • metepsilonema 28. Februar 2015 um 4:56 pm

        Sprache ist ein Medium oder ein Bezugssystem um Informationen zu vermitteln, zu transportieren, zu kommunizieren (die Zuweisung ist im Grunde genommen beliebig, aber systemlogisch); beim Anstellen von Überlegungen, beim Nachdenken bekommt sie schon den Charakter eines Werkzeugs, sie gewährleistet und ermöglicht die Arbeit an einem größeren Ganzen (nehmen wir einmal den relativ einfachen Fall eines längeren Sachtextes oder Artikels her, der z.B. ein Problem löst).

        Damit will ich keineswegs leugnen, dass Sprache expressiv ist, sie muss dafür allerdings im selben Moment ein Vermittler sein, weil sonst nichts expressiv werden kann (das gilt auch gegenüber uns selbst): Sagen und meinen fällt immer schon zusammen. — Ich würde Ihnen zustimmen, dass man der Sprache hier einen funktionalen Zweck zusprechen kann. Genau dieser funktionale Zweck tritt in der Literatur aber wieder in den Hintergrund, weil eine geformte, gebaute, rhythmisierte, klingende (ästhetische) Sprache, dies nicht mehr primär tut, sondern aus einer ganz bestimmten Anordnung heraus wirkt. Wir sagen dann, dass sie schön ist oder furchtbar, hässlich, wie auch immer, jenseits dessen was sie sagt oder wer gemeint ist.

      • Detlef Zöllner 28. Februar 2015 um 7:11 pm

        Natürlich ist Sprache auch ein Werkzeug der Informationsvermittlung. Aber das macht sie noch nicht zur Sprache im Sinne eines spezifisch menschlichen Anspruchs, der den Menschen vom Tier unterscheidet. Auch Tiere kommunizieren Informationen untereinander. Und übrigens auch Maschinen (Internet der Dinge)! Dabei dominiert der Signalcharakter mit seiner 1:1 Zuordnung von Reizen und Reaktionen. Spezifisch menschlich wird die Sprache erst durch Expression, also als Versuch, vor uns selbst verständlich zu werden.

        Die ästhetische Dimension der Literatur ist nur ein Nebenaspekt dieses expressiven Bedürfnisses. Sie ist nicht ihre Hauptfunktion.

        • metepsilonema 1. März 2015 um 2:33 pm

          Zur Kommunikation gehört (neben einer Art von Absicht, einem „bewusst“ ausgesendeten Signal, nicht einem sich zufällig oder zwangsläufig ergebenden), ethologisch gesehen, immer eine Verhaltensänderung oder eine Veränderung der Physiologie des/der betreffenden Individuen. Von Maschinen ist mir so etwas im strengen Sinn nicht bekannt, man muss da m.E. von Ähnlichkeiten oder anderem sprechen (aber vielleicht bin ich da auch zu wenig Techniker oder mit Technischem bekannt).

          Mit einer 1:1 Zuordnung von Reiz und Reaktion wäre ich allerspätestens bei Säugetieren vorsichtig.

          Ästhetik und Form begründen die Literatur und trennen sie von anderem, das demselben Bedürfnis nach Expression entspringen mag (denken Sie einmal an therapeutische Arbeiten; dort geht es nicht um Kunst, sondern um Ausdruck, um Bewältigung; das mag auch für Künstler ein Bedürfnis sein, aber es ist nicht der Grund warum — ich nehme einmal Beispiele aus dem Barock — Telemann oder Purcell noch immer gehört werden, selbst wenn sie einmal einige Zeit lang vergessen wurden; und unbestritten bleibt, dass in dieser Unterscheidung immer ein Graubereich bleibt).

          Sie haben schon recht, dass das vor-sich-selbst verständlich werden (wollen) und damit der hohe Grad an Selbstreflexion für uns (nach heutigem Wissen) einzigartig sind. Trotzdem spielen hier Informationen und Informationsvermittlung eine Rolle; man kann das nicht von einander trennen, jedenfalls nicht im Vollzug (das Bedürfnis kann man natürlich analytisch davon trennen).

        • Detlef Zöllner 1. März 2015 um 6:24 pm

          „Sagen und meinen fällt immer schon zusammen.“ – „Mit einer 1:1 Zuordnung von Reiz und Reaktion wäre ich allerspätestens bei Säugetieren vorsichtig.“

          Diese beiden Aussagen von Ihnen passen nicht zusammen. Wenn Sie der Meinung sind, daß es in der Kommunikation keine 1:1-Zuordnung gibt – und der Meinung bin ich allerdings auch –, dann fallen Sagen und Meinen eben nicht „immer schon zusammen“. Gemeintes überträgt sich nicht 1:1 in Gesagtes. Das tut es nur in Programmiersprachen, aber nicht in der Alltagssprache.

          Ich sehe übrigens keine prinzipielle Differenz zwischen Kunst und Therapie. Nietzsche hatte die griechischen Tragödien als Therapieveranstaltungen verstanden. Der Begriff der „Katharsis“ ist wesentlich ein therapeutischer.

          Auch wenn Information und Expression immer irgendwie zusammenfallen, wird in der Linguistik und unter der Dominanz des Strukturalismus doch ausschließlich das Informationsmoment thematisiert. Es ist an der Zeit, der Expression wieder mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

          • Phorky 1. März 2015 um 8:03 pm

            >>Es ist an der Zeit, der Expression wieder mehr Aufmerksamkeit zu widmen.
            D’accord. Allerdings sehe ich in Deiner Position eine noch zu befragende Ausschließlichkeit: Warum soll nur der Mensch zu „Ausdruck“ fähig sein? Wie beim Bewusstsein oder Sprache könnte man hier ein Kontinuum zu den Äußerungsweisen, Emotionen sehen, die es auch im Tierreich zu beobachten gibt, oder man kann wie Du das Diskontinuierliche herausstreichen. Mir kommt Zweiteres etwas.. geschichtsvergessen vor, zwar begreifbar, weil gewissermaßen fast jede neue Idee, Doktrin, Ideologie, sich von dem Vorhergehenden absetzen muss; und so will eben auch das (ekstatische) Bewusstsein, der Mensch sich selbst herausheben aus dem Gewimmel des Seins.
            Ähnliches wird doch sonst an der (Natur-)Wissenschaft kritisiert, dass ihr die Perspektive der Geschichte fehle, dass sie wie vom Nullpunkt neu starte, sich selbst den Anschein der Absolutheit und Objektivität gebe, wie der durch sie aufgefundenen Naturgesetze. – Darf man den Menschen und seine Expressivität/Kunst denn auf ein noch höheres Ross setzen? Bewahrt uns das denn wirklich vor der Barbarei?

            • metepsilonema 1. März 2015 um 8:46 pm

              Ich stimme der Kontinuumsthese grundsätzlich zu, kann aber im selben Moment nicht ausmachen wo Tiere Kunst geschaffen hätten und zwar jenseits biologischer Notwendigkeit und menschlichem Einfluss. Klar, malt ein Schimpanse wenn ich ihm Farbe, Pinsel und Papier gebe. Aber ist das Kunst? Daneben kann man einen Termitenbau oder ein Spinnennetz als ein Kunstwerk bezeichnen, natürlich, aber das meint doch dann eher Schönheit, Erstaunen, Unfassbarkeit und Erhabenheit, die uns begegnen als ein von einem Lebewesen bewusst geschaffenes (künstliches) Werk.

              Zugegeben: Hätte Gott die Welt erschaffen, könnte man ihn einen Künstler nennen.

            • Detlef Zöllner 1. März 2015 um 11:05 pm

              Vor der Barbarei bewahrt es uns gewiß nicht. Es ist gerade die Diskontinuität, die den Menschen aus der Natur, dem großen biologischen Kontinuum, herausfallen läßt. Mit jeder Geburt tritt ein neuer ‚Barbar‘ auf die Bühne, der mühsam zivilisiert werden muß. Das Barbarentum ist die Kehrseite der Humanität – und eben auch der Kunst. Die Geschichtslosigkeit ist der Schatten des Fortschritts. Es wundert mich wenig, daß die Geschichtslosigkeit ein Kennzeichen des IS-Terrors ist und daß junge Leute es verlockend finden, alles zerstören zu dürfen, um wieder beim kulturellen Nullpunkt neu anfangen zu können.

          • metepsilonema 1. März 2015 um 8:33 pm

            Vielleicht missverstehen wir einander: Die 1:1 Zuordnung stimmt deswegen nicht, weil z.B. ein Paarungssignal nicht automatisch eine Paarung auslöst, sondern nur dann wenn das rezipierende Individuen dazu bereit oder nicht mit wichtigerem beschäftigt ist; desweiteren kann die Reaktion oder auch die Kommunikation abgebrochen oder gestört werden. Je komplexer die Gehirne werden, desto plastischer und undurchsichtiger werden Verhalten und Kommunikation.

            Unbestritten ist, dass die Zuordnungen (etwa Zeichen[ketten] und Bedeutung) Felder sind, unscharf und immer auch individuelle Konnotationen und Beziehungen aufweisen. Der Zufall spielt ebenso eine Rolle.

            Mit dem Zusammenfall meinte ich (und zwar ausschließlich auf dem Menschen bezogen): Selbst wenn ich nur vor mir expressiv werde, kann ich das nicht tun ohne etwas zu sagen, also Information zu vermitteln (möglich dass wir verschiedene Auffassungen von „sagen“ und „meinen“ haben, das könnten wir noch klären).

            Die Kartharsis bei den alten Griechen galt meines Wissens aber nur für den Rezipienten (etwa das „Abladen“ von Gefühlen beim Hören von Musik). Natürlich kann auch die Produktion von Kunst reinigend oder therapierend wirken, aber das Ergebnis, das Werk ist etwas anderes, es geht darüber hinaus (es ist für andere zugänglich und verständlich). Es mag therapeutisch für andere wirken (in bestimmten Situationen), aber das ist nicht seine „Funktion“, sein Sinn oder nur als Nebeneffekt. — Wenn man es zugespitzt sagen möchte: Das eine ist gebaut, das andere hingeschrieben; für die Therapie genügt es, dass ich (und zwar nur ich) mit dem Endprodukt Emotionen, u.a. verbinde; ich kann das vielleicht erklären, dem Therapeuten, z.B., aber ein Kunstwerk benötigt das nicht, im Gegenteil ein Künstler der sein Kunstwerk erklärt schadet ihm, nein, es wird von selbst (oder nach einiger Beschäftigung) verständlich, muss es werden und womöglich ganz anders als der Künstler das wollte.

          • Detlef Zöllner 1. März 2015 um 11:20 pm

            Wenn wir uns darauf einigen können, daß „Zeichenketten“ an den Rändern „unscharf“ sind, dann wäre das schon nicht schlecht. Letztlich ist es aber keine Frage der Kompliziertheit oder Komplexität, sondern der Differenz von innen und außen. Was ich innerlich denke und empfinde ist qualitativ etwas anderes, als das, was ich sage, also in Worte fassen kann. Sobald ich etwas Empfundenes ausgesprochen habe, hat es sich allein schon durch das Aussprechen in etwas anderes verwandelt. Das kann etwas Befreiendes haben. Man kann sich so von einer Gefühlslast und auch von Schuld befreien. Was ich nicht ausspreche, frißt in mir weiter und kann mich sogar krank machen. Bloß zu meinen, ohne zu sprechen, ist ohnmächtig und hilflos. Zu sprechen, ohne zu meinen, ist hohl und leer.

            Deshalb ist das Therapeutische in der Kunst, die Katharsis, nicht einfach nur ein Nebeneffekt.

            • metepsilonema 3. März 2015 um 2:38 pm

              Wir können das vielleicht so formulieren: Wenn ich über etwas spreche, das ausschließlich aus dem Inneren kommt, Gefühle, etwa, dann können wir diese nur verständlich machen und vermitteln, weil die anderen an die der kommunikative Akt gerichtet ist, zumindest ähnliches kennen (ganz allgemein gelingt Kommunikation nur bei biologisch ähnlichen Voraussetzungen, weil diese Voraussetzungen unsere Welt konstituieren, aus der wir nicht herauskommen und die wir nur durch technische Hilfsmittel erweitern können [allerdings nicht als sinnliche Wahrnehmung]). — Im Grunde können wir nie ganz sicher sein, ob das was unser Gegenüber zu vermitteln versucht, dem entspricht, was wir meinen, dass es ist. Deswegen sind Zeichenketten (eigentlich deren Bedeutung) auch immer unscharf (nur wir selbst wissen was wir zu kommunizieren versuchen; innen — außen, Subjekt — Welt, ja).

              Die Komplexität spielt eine Rolle, wenn wir die Reaktion betrachten (Reiz — Reaktion, was Sie oben angesprochen haben); je komplexer, desto anfälliger ist das System auf Störungen und desto eher spielen andere Zustände eine Rolle (ich glaube auch, dass die Bedeutung des Zufalls zunimmt). Jedenfalls: Die Eindeutigkeit einer Reaktion auf einen unveränderlichen Reiz und deren Wiederholbarkeit sinkt im Allgemeinen mit dem Komplexitätsgrad des Lebewesens (ich lasse einige Einschränkungen einmal außen vor).

              Mein Einwand wäre, dass ich zur Reinigung nicht zwingend Kunst brauche: Die ist im Grundsatz durch etwas anderes bestimmt und definiert oder anders: Sprechen und meinen (inklusive all dem was Sie richtig feststellen) hat viele andere Möglichkeiten. Was wiederum nicht heißen soll, dass die Kunst das nicht ist oder nicht sein kann (zwingend ist es wohl nicht).

            • Detlef Zöllner 3. März 2015 um 6:20 pm

              Abgesehen davon, daß die biologischen Voraussetzungen nicht ausreichen, um Kommunikation gelingen zu lassen, und wir dazu auch einer gemeinsamen Lebenswelt bzw. Kultur bedürfen, kann ich Ihren Ausführungen zustimmen. Allerdings verzichten Sie auf eine nähere Bestimmung dessen, was Sie unter Kunst verstehen. Daß sie nicht mit Therapie zusammenfällt, sondern noch etwas anderes ist, gebe ich gerne zu. Aber ist sie deshalb auch schon in ihrem Wesen etwas anderes als Therapie?

              • metepsilonema 3. März 2015 um 10:22 pm

                Die biologischen Voraussetzungen schaffen die gemeinsame Basis, das ist freilich nicht alles, da haben Sie natürlich recht.

                Wenn Kunst wesensmäßig Therapie wäre, warum nennen wir sie dann Kunst? Das wäre seltsam, wenngleich es natürlich trotzdem so sein könnte.

                Kunst zu definieren ist schwierig, ich versuche es einmal anders: Therapie ist eine Funktion, der Kunstbegriff eine Abstraktion von konkreten Werken. Diejenigen Eigenschaften, die wir an der Kunst im Allgemeinen ausmachen, müssen wir an den Werken im Konkreten finden können, nicht alle an jedem, aber im Großen und Ganzen sollte es so sein. — Rechnen wir ein Werk der Gattung Kunst zu, bedeutet es, dass es auf eine bestimmte Weise beschaffen ist, nicht dass es eine bestimmte Funktion erfüllt (natürlich erfüllt Kunst auch Funktionen, aber die sind nicht wesensmäßig konstitutiv). — Letztlich entscheidend ist wohl eine bestimmte Art von Strukturierung (stark vereinfacht ausgedrückt).

                Ich möchte nicht behaupten, dass man das nicht auch anders sehen kann, im Moment fällt mir dafür aber keine Argumentation ein.

              • Detlef Zöllner 4. März 2015 um 9:04 am

                Das ist jetzt allerdings nur eine Definition dessen, was eine Definition von Kunst leisten muß. Man könnte auch genetisch vorgehen und behaupten, daß die Kunst aus dem Ritual hervorgegangen ist. Das würde dann wieder auf so etwas wie ‚Therapie‘ hinauslaufen, also auf eine Kanalisierung unbewußter Triebregungen/Gefühle. Ich gebe zu, daß ich auch vor einer allgemeingültigen Definition von Kunst zurückschrecke. Am besten gefällt mir noch Ihre ‚Definition‘, daß Kunst immer anders ist, und möglicherweise sogar anders, als der Künstler es gewollt hatte.

                • Detlef Zöllner 4. März 2015 um 9:24 am

                  Mir fällt gerade ein Hinweis von Fritz Mauthner ein: demnach ist die Sprache als Kunstwerk dazu in der Lage, Stimmungen hervorzurufen, die wir ohne Rest, also ohne Mißverständnisse miteinander teilen können. Ohne Mißverständnisse deshalb, weil es in der Wortkunst nicht um die Mitteilung von Informationen geht: dabei entstehen immer Mißverständnisse, es bleibt immer ein Rest Unverstandenes zurück. Ein Kunstwerk hingegen besteht nicht aus Teilen (Informationsatomen), sondern bildet ein Ganzes. Indem es sich uns als ‚Ganzes‘ mitteilt, verstehen wir es auch als Ganzes; oder auch gar nicht, wenn wir keinen Zugang dazu finden. Aber nur halb verstehen, also Mißverständnisse, gibt es hier nicht.

                  • metepsilonema 4. März 2015 um 7:11 pm

                    Kunst hat meist eine Gefühls- und eine Verstandeskomponente — Vielleicht ist sie aus dem Ritual entstanden, das würde erklären warum Kunst historisch vielfach mit der Religion verbunden war. Allerdings: Die Herkunft ist keine zwingende Aussage (da kann und wird wahrscheinlich etwas erhalten bleiben, aber eher nicht als Hauptmerkmal, es geht ja um Veränderung).

                    Ich würde sogar sagen, dass Kunst missverständlich (deutbar) ist, inhaltlich gesehen jedenfalls; literarisches Schreiben bedeutet Mehrdeutigkeiten jenseits der sprachlich ohnehin immer anwesenden, zu konstruieren (dass ein Werk häufig als ein Ganzes wirkt, stimmt, aber muss es das? Was ist mit Fragmenten?).

                    Es gibt keine Mitteilung ohne Informationsübermittlung, selbst wenn es um Nichtsprachliches geht (es mag sein, dass kein sachlicher Inhalt kommuniziert wird, aber selbst Gefühle springen nicht als Gespenster herum, will sagen: das steckt zum einen im Arrangement der Sprache, zum anderen wird es vom Subjekt konstruiert).

                    Wir könnten einen Teilbereich der Künste hernehmen und dann eine Definition versuchen.

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