IS:

Spießer in Waffen.

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10 Antworten zu “IS:

  1. Gregor Keuschnig 20. November 2015 um 8:48 pm

    Naja. Was sie vom „Spießer“ womöglich unterscheidet ist ihre ostentative Missachtung vor dem Tod.

    • metepsilonema 21. November 2015 um 5:58 pm

      Stimmt; andererseits kann man diesen Mythos einmal in Frage stellen: Sicherlich gibt es diese Todesverachtung, aber bei wie vielen tatsächlich, wie weit ist sie verbreitet (ein Hinweis, dass das nicht immer so ist, dort)?

      Ansonsten sehe ich sehr viel Spießigkeit: All jene zutiefst zu hassen und zu verachten, weil sie die eigenen Grundsätze nicht teilen und daraus Handlungseifer zu entwickeln; das Fehlen jeglicher Selbstreflexion und -kritik; eine eigentümliche Verletzlichkeit bei gleichzeitigem Austeilen nach allen Seiten; moralischer Eifer; Bigotterie und unfreiwillige Komik (siehe auch dort).

  2. Phorky 22. November 2015 um 4:15 pm

    Ist der IS zunächst einmal nicht wie der Faschismus eine regressive, barbarische Antwort auf die Moderne? Eine so harsche Kritik, dass sie außerhalb jedes noch Miteinanderreden, jeder Komporomisse und Diskurse steht. – (Ein Spießer hingegen würde diese Mitte der Gesellschaft nie nur um eine Schrittbreit übertreten wollen.)

    Ein Teil der Faszination und allzugroßen Aufmerksamkeit, die wir diesen $%&§“‚*% jetzt widmen, kommt wahrscheinlich auch daher in den eigenen zivilisatorischen Abgrund zu blicken – die Fratze des Monstermenschen, die wir unter Menschenrechtscharta, mutigen Leitartikeln und Genfer Konvention kaum bemänteln können

    • metepsilonema 22. November 2015 um 8:31 pm

      Wenn, dann ist er — wie der Faschismus und Nazismus — ein Amalgam aus Vormoderne und Moderne; die Technik lieb(t)en und nutz(t)en sie alle. Die tatsächlich Vormodernen sind Gruppen wie die Amischen.

      Die Taten dieser (vornehmlich) Herren muss man ernst nehmen, aber ihre Einstellung zur Welt entspricht etwa der eines 4-5 Jährigen: Ich will nicht, ich mag nicht und alle anderen sind böse! Und wenn man es nicht mehr aushält, prügelt man man wütend und trotzig auf die anderen ein. (Ich kann so eine Haltung beim besten Willen nicht erst nehmen.)

      Die Barbarei und die Gewalt des IS ist eine offen zur Schau gestellte, er versucht erst gar nichts zu bemänteln und zu verstecken, sie bekommt dadurch etwas Schauspielhaft-verspieltes, Gewalt als Selbstzweck, das mag (vielleicht) eine Faszination vor dem Abgründigen auslösen, sie lässt sich gut vermarkten und wird darüber hinaus als Sensation und Nervenkitzel rezipiert; aber ist das etwas anderes, als eine Hinrichtung auf dem Haupt- oder Marktplatz, als Folter in irgendeinem Verlies in anderen Tagen, außer dass man das heute über ein Smartphone in aller Welt verfolgen kann? Der eigentliche Abgrund, jedenfalls für das, was wir Verstehen nennen, ist das systematische, massenhafte, durchdachte, ja bürokratisierte Morden, das für Faszination m.E. keinen Raum mehr lässt, sondern nur mehr für ekelerregendes Grauen (und darin ist der IS, ohne dessen Verbrechen relativieren zu wollen, historisch gesehen, noch Lakai).

    • Detlef Zöllner 26. November 2015 um 8:03 pm

      Peter Sloterdijk spricht von Monsterkindern, und er meint damit, daß seit Christus und seinen Aposteln jede Generation mit der vorherigen bricht und radikal neu anfangen will. Günter Dux spricht von der Nullage, in der sich jeder neugeborene Mensch findet; aber eigentlich haben wir es hier mit einem Pubertätsphänomen zu tun. Pubertierende erleben mit Rousseau gesprochen eine zweite Geburt, in der sie alles in Frage stellen und sich nach neuen Vorbildern umsehen. In vormodernen Zeiten wurde diese labile Lebensphase mittel Initiationsriten aufgefangen. Diese sind uns heute völlig abhanden gekommen. Die Desorientierung ist radikal geworden.

      • metepsilonema 29. November 2015 um 9:25 am

        Pubertierende im übertragenen Sinn, gut, aber ansonsten ist der IS in seinem Kern doch kein Phänomen pubertärer Neuorientierung (wobei ich damit nicht sagen möchte, dass das keine Rolle spielt). Orientierung hingegen, spielt zweifellos eine Rolle, genauer: eine Hinwendung zu eine klaren Erzählung, die das (von Gott) Gewollte und nicht Gewollte (nahezu) ohne Graubereiche definiert. — Was ich mich allerdings gerade frage, ist ob das in unserer Welt eigentlich noch möglich ist, ob das nicht ein leeres Versprechen bleiben muss?

        • Detlef Zöllner 29. November 2015 um 12:39 pm

          „… der IS in seinem Kern .. “ – Was bedeutet ‚Kern‘? Ist der soziale Kern des IS gemeint, der religiöse Kern, der politische Kern, der anthropologische Kern? Wenn ich auf die Pubertät verweise, spreche ich eine anthropologisches Moment an, das uns alle betrifft und aus dem heraus so etwas wie der IS möglich wird. Eine „klare Erzählung“ ohne „Graubereiche“, in der Gut und Böse sauber voneinander geschieden sind, kann daraus nur werden, wenn wir den Anachroniusmus, die Ungleichzeitigkeit nicht berücksichtigen, die die Existenz jedes einzelnen Menschen bestimmt. Vielleicht übernimmt der IS ja auch bereitwillig die Funktion, als Projektionsfläche des Bösen zu dienen? Vielleicht bildet der Terrorismus eine Externalisierung des Bösen, so daß wieder klare Erzählungen ohne Graubereiche möglich werden?

          • metepsilonema 29. November 2015 um 10:08 pm

            Das bedeutet, dass für den IS die Indoktrination und Ausnutzung der Jugend in etwa dieselbe Bedeutung hat, wie für alle anderen totalitären Bewegungen, ich sehe darin zwar eine Erklärung, warum er für die Jugend attraktiv ist, aber kein Spezifikum. — Ich vermute, dass die moderne und postmoderne Verfasstheit (zumindest) unserer westlichen Welt starke Bedürfnisse nach Orientierung, Vereinfachung, Befreiung, Geborgenheit, usw. weckt, allerdings quer durch alle Altersstufen (Kulturen, Nationalitäten, usf.,), wenn auch (vielleicht) mit unterschiedlicher Intensität. Einen Anachronismus sehe ich da nur in einer zeitlosen Betrachtung von außen, nicht aber in dem Moment, in dem eine solche Erzählung für ein Individuum hinreichende Bedeutung gewinnt (die ist ja gegenwärtig gebunden).

            Projektions- oder besser: Kontrastierungsmöglichkeit unserer sogenannten westlichen Werte-Gesellschaften; angesichts des IS erscheinen die eventuell besser als sie sind, Zweifel mögen schwinden, Überlegenheit sich breit machen … ich sehe allerdings keine neue unbezweifelte Erzählung westlicher Überlegenheit, die jüngste und die neuere Geschichte lassen für Heilserweckungen auch wenig Raum, man wird politisch nutzen, was zu nutzen ist, im wohlverstandenen, eigenen Interesse (aber das ist nichts Neues).

            • Detlef Zöllner 30. November 2015 um 10:03 am

              Ich stimme zu. Aber eine ‚zeitlose‘ Betrachtung von außen scheint mir dem IS gegenüber trotzdem angebracht zu sein. In der Singularisierung des IS-Phänomens liegt nämlich auch eine Gefahr der Dämonisierung, die niemandem hilft, sondern nur Panikreflexe auslöst.
              Übrigens: ‚Spießer‘ waren einst durchaus wehrhafte Bürger, die ihre städtischen Freiheiten mit ihrer Hauptwaffe in der Hand, dem Spieß, verteidigten. ;-)

              • metepsilonema 30. November 2015 um 9:08 pm

                Ich wollte mich nicht prinzipiell gegen eine zeitlose Betrachtung aussprechen, Wirkungen Bedeutungen erklären sich aber nur im Zusammenhang mit den jeweiligen gegenwärtigen Bedingungen; den IS auch historisch einzuordnen, bedeutet, wie Sie schon ansprechen, Aufklärung zu leisten (die Dämonisierung wäre das Gegenteil). — Danke für den Hinweis auf die Spießer.

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