Tempelhüpfen

Mit dem hereinbrechenden Frühjahr begann ich wieder aus dem Fenster meiner Wohnung, die im zweiten Stock eines kleinen Hauses in Favoriten, dem 10. Wiener Gemeindebezirk, lag, in den langgezogenen Innenhof hinunter zu schauen. Im Winter blieb der Hof eigenartig still und ich hielt mein Fenster geschlossen, da die kalte Luft durch die Spalte zwischen Fensterrahmen und Flügel zog, die ich mit Tüchern und Decken abzudichten suchte: Ich verfluchte beinahe täglich die Hausverwaltung, die stets vorgab, die offensichtlichsten Schäden reparieren zu lassen, die den Tischler vorbeischickte, um einen Kostenvoranschlag vorzunehmen, aber dann nichts mehr von sich hören ließ. Ich hüllte mich in dicke Decken, denn ich saß gerne neben dem Fenster und las, trotzdem der unter dem Fensterbrett hängende Heizkörper den Luftstrom kaum zu erwärmen vermochte.

Weiter auf Begleitschreiben.

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2 Antworten zu “Tempelhüpfen

  1. Uwe 27. Mai 2018 um 5:56 pm

    Gefällt mir sehr. Vor allem die umständliche Art des Erzählens, und das meine ich positiv, nämlich das die Umstände bedenkende und daher bedächtige Beschreiben von Dingen, Oberflächen, Szenen und Ereignissen, das mich ein wenig an Stifter oder Handke erinnerte.
    Und ja: unverbürgte Zeit ist ein Kennzeichen der Kindheit, die aber als eine solche zumeist erst in der erinnernden Reflexion, in der Rückschau erfasst wird. Insofern ist die Beobachtersituation konstitutiv, und auch, dass der Beobachter nicht bemerkt wird. Denn nur so stellt sich das Beisichsein, diese Art der Versunkenheit für einen Dritten dar.
    Danke für diese Lektüre.
    Gruß Uwe

    • metepsilonema 27. Mai 2018 um 6:34 pm

      Und ich bedanke mich herzlich für die Schilderung Ihrer Eindrücke, so etwas geschieht äußerst selten (da sie für sich sprechen, möchte ich sie auch nicht weiter kommentieren).

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