Aphorismen, Notate und Uneinsichtigkeiten VI

Die zentrale Erfahrung des Subjekts ist seine Lebendigkeit und sein zentrales Bemühen ist ihr Erhalt. Damit ist nicht Sterben, sondern Erkalten, Gleichgültigkeit und Empfindungsarmut, gemeint. Die Wahrnehmung der eigenen Lebendigkeit ist nicht grundsätzlich verschieden von der anderer; Gleichgültigkeit sich selbst gegenüber, ist Gleichgültigkeit anderen gegenüber.

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Ehrung findet das Subjekt nicht nur in den kleinen Formen der Literatur; sie bedeutet ein Bewusstsein von ihm und ihre Rezeption sollte empfindlich machen für dessen Lage.

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Der offensichtliche und durch Gewalt herbeigeführte Zwang, ist, seiner Scheußlichkeit zum Trotz, wenig verdeckt und daher angreifbar. — Sich unter Aufgabe der eigenen Rede zu erlösen, bedeutet sich einer Autorität zu unterwerfen; ebendies macht gefügig. Gefügigkeit ist ein Willens- wie Urteilsverzicht; er entspringt einer vermeintlichen Ohnmacht des Subjekts, das in deren Ansehung und Wahrnehmung, auf eine Lösung, selbst seiner alltäglichen Probleme aus der eigenen Vernunft heraus, verzichtet. In einer Krise, in einem Ausnahmezustand, ist dies durch die allgemeine oder so dargestellte Lage, gegeben. Jedoch: Eine notwendige, kooperative wie kollektive Anstrengung, Einigkeit also, mach dies nicht notwendig, im Gegenteil.

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Nachfolgen und Aufgeben ist zweierlei.

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Autorität erwartet Nachfolge. Und inwieweit und inwiefern sie diese erzwingt und erzeugt, ist sie auch zu bewerten. Im Zwang allerdings, besteht eine seltsame Einigkeit: Der Unterwürfige, wie die Unterwerfung verlangende Autorität, wollen die Subjekte ihrer selbst ledig machen. Weigern wird sich nur, wer emotional gebunden sich weiß. Die Denunziation des Aphoristischen ist der Unterwerfung Beginn.

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Sich einer Autorität zu unterwerfen, bedeutet das Subjekt zu unterwerfen, also: Gegen Kritiker vorzugehen und diese Unterwerfung auch von anderen zu verlangen.

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Warum das Individuum nachfolgt, und wem gegenüber es vielleicht bloß folgsam ist, darüber sollte es sich immer Rechenschaft zu geben bereit sein.

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Angst verleitet zur Entkleidung.

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In jeder unklaren Lage zeigt sich noch, dass nicht die Vernunft und nie sie allein, sondern das emotionale Bett in dem sie sitzt, mit entscheidet: Die Unsicherheit führt ins Sicherheitsdenken, die Sicherheit von diesem weg. Sicherheit jedoch entspringt nicht dem selbstbewussten Subjekt, sondern der Kenntnis von Unsicherheit und Verunsicherung; Seelenstärke, könnte man auch sagen. Die eigene Urteilskraft gibt man also nicht auf, weil diese nicht genügt. Ihr Zusammenbruch ist eigentlich nicht der ihre und er ist es, der das Subjekt in die Arme der Autorität und ihrer technischen Krücken laufen lässt. Damit wird die Gefahr im Heute benennbar: Sie liegt weniger in der Wiederaufrichtung von Lagern und Folterkellern im großen Umfang, sondern darin, dass das Subjekt – aus den beschriebenen Gründen – sich selbst gegen seine ureigenen Interessen ausliefert.

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Das Subjekt existiert im Wie seiner Rede. Gegnerschaft jener Autorität, die Objektwerdung verlangt; Aufklärung jenen Subjekten, die diese von sich aus anstreben.

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Eine Rede ist keine, ohne Redlichkeit ihres Wie. Redlichkeit meint Bewusstsein des Subjekts von sich. Unter Verleugnung der eigenen Rede oder ohne Bewusstsein von ihr, ist man gezwungen einer anderen zu folgen, einer vielleicht machtvollen, versprechenden, säuselnden. Die Art und Weise der Stimme ist es, die beherrscht. Hörigkeit also, ist Bewusstlosigkeit des Subjekts von sich. Der Hörige folgt dem Diktat aus diesem Mangel heraus.

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Nicht der Inhalt ist dem Subjekt eigen, noch das, was Information genannt wird, sondern das Wie seiner Rede, das Subjekt bezeugt sich, durch ebendieses. Die Rede der Literatur ist, als eine eigentümliche, unverwechselbare, ihm verwandt und niemals mit ihrem Inhalt in eins zu setzen; sie bezeugt es, auch nach seinem Tode noch.

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Die Zerstörung des Wie, ist die Zerstörung des Subjekts. Die reine Information ist wie die Wahrheit oder die Mathematik nicht demokratisch, über sie kann nicht abgestimmt werden; worüber aber abgestimmt werden muss, ist, welche Folgen sie für ein Gemeinwesen haben sollen. Das Wie des Subjekts bleibt also Gegenstand des Diskurses.

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Geht eine Autorität bis zum Letzten, ist das Subjekt destruiert. Aber nicht notwendiger Weise hat es sich preisgegeben. Gleichwohl: Niemandem kann das, ab einem bestimmten Punkt, zum Vorwurf gemacht werden, erpressbar und verletzlich sind wir alle.

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Das ist an der Meinungsfreiheit, das eigentlich Wichtige: Dass das Subjekt sich durch sie sichtbar machen und in Geltung bringen kann. Das, was wir gemeinhin demokratisch nennen, wird es erst durch die Duldung der Rede und zwar nicht hinsichtlich ihres Inhalts, sondern hinsichtlich dessen, dass da einer erkennbar als einer spricht und sprechen kann. Das setzt das Subjekt, das Individuum in sein Recht.

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Das Subjekt, das eine Innenschau nie gewagt hat, verfällt leicht und rasch dem Glauben, dass da nichts ist, das übergangen wird. Seine Objektwerdung wird es kaum oder erst spät bemerken, wie den Verlust, der in dem Glauben liegt, dass die Technik ein Problem schon für uns lösen werde.

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