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Gegen jede Vernunft

Von Roman Frost

Heiner Müller wird jetzt auch vergessen. Das ist ein Autor, der nicht mehr in unsere Zeit passt. Auf Amazon kann man gut verfolgen, wie das kulturelle Erbe nach und nach wegbröckelt. Die vorzügliche Heiner-Müller-Biographie von Jan-Christoph Hauschild, „Das Prinzip Zweifel“, ist jetzt nur noch antiquarisch zu haben. Die tollen Gespräche aus mehreren Jahrzehnten unter dem Titel „Gesammelte Irrtümer“ gibt es schon länger nur noch als Restposten. Dass man Müller mit einer Gesamtausgabe bei Suhrkamp kanonisiert hat (also kaltgestellt), kann man auch als Zeichen lesen. Mehr von diesem Beitrag lesen

Texte sind Heiligtümer.

Funktion des Erzählens

Vielleicht noch einmal zu Paul Auster, hier von der muetzenfalterin zitiert: „Denn das ist die Funktion des Erzählens“, schreibt Auster, „jemandem eine bestimmte Sache vor Augen halten, indem man ihm eine andere zeigt.“

Wobei, das wäre hinzuzufügen, dem Autor diese Sache gar nicht bewusst sein muss, und der Leser Entscheidungsmöglichkeiten über diese Sache im Sinne seiner Interpretation besitzt.

Autor, Leser und Literatur

Worte aus ihren gewohnten Zusammenhängen lösen und neue erschließen, das scheint ein entscheidend wichtiger, alleine aber nicht hinreichender Aspekt für die Entstehung guter Literatur zu sein. Gut, das kann hier sowohl rein subjektiv, als auch „objektiv“ im Sinn von Literaturkritik oder -wissenschaft verstanden werden, beides findet seine Berechtigung in einem jeweils spezifischen Wirkungskreis.

Ein Schriftsteller oder Dichter versucht sich am Ungewohnten, Unbekannten, Neuen und so fort: Sein Wagnis ist, dass er sich irrt, und so Neues gar nicht schafft oder aber, dass das Neue zwar neu, aber ohne Tiefenwirkung bleibt, und damit beim Leser oder Kritiker keine Anbindung findet, sie nicht erreicht. Dass sich dieser Vorgang zunächst meist unter Schwierigkeiten vollzieht, ist fast normal, und für sich kein Zeichen von Mangel, bleibt er aber aus, Jahre, Jahrzehnte lang, dann erhärtet sich die Gewissheit, dass der Autor gescheitert ist.

Werbung, Mode, Prominenz, Betrieb, Verkaufszahlen und andere Phänomene und Prozesse verwischen und verzerren diesen Gegensatz, so dass am Ende beide, der Leser allerdings weniger als der Autor, über den Anbindungsgrad im Unklaren bleiben, obwohl sie eigentlich einen ähnlichen Weg, nur von unterschiedlichen Startpunkten aus, gehen: Der Autor vom Gewohnten zum Ungewohnten, Neuen und Leser genau umgekehrt: Er erschließt das zunächst Unbekannte und macht es letztlich zu etwas Vertrautem, zu dem er gerne wieder zurückkehrt.