Schlagwort-Archiv: Erzählung

Tempelhüpfen

Mit dem hereinbrechenden Frühjahr begann ich wieder aus dem Fenster meiner Wohnung, die im zweiten Stock eines kleinen Hauses in Favoriten, dem 10. Wiener Gemeindebezirk, lag, in den langgezogenen Innenhof hinunter zu schauen. Im Winter blieb der Hof eigenartig still und ich hielt mein Fenster geschlossen, da die kalte Luft durch die Spalte zwischen Fensterrahmen und Flügel zog, die ich mit Tüchern und Decken abzudichten suchte: Ich verfluchte beinahe täglich die Hausverwaltung, die stets vorgab, die offensichtlichsten Schäden reparieren zu lassen, die den Tischler vorbeischickte, um einen Kostenvoranschlag vorzunehmen, aber dann nichts mehr von sich hören ließ. Ich hüllte mich in dicke Decken, denn ich saß gerne neben dem Fenster und las, trotzdem der unter dem Fensterbrett hängende Heizkörper den Luftstrom kaum zu erwärmen vermochte.

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Erinnerungen

Eine Träne, silbern und schwarz, hing einige Lidschläge lang an ihrer dunklen Lippe, und glitt, da sie niemand zurück hielt, zähflüssig darüber; wenig später floss sie ihren schlanken Hals hinab, entlang eines braunen Bandes, dunkel und bedrohlich glänzend, wie in vorherbestimmter Bewegung; zuletzt blieb sie in der Waagrechten hängen, als hätte sie, wie geplant, am Ende des Bandes ihren Platz erreicht, um ihre Trocknung zu erwarten.

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Erzählungen und Labyrinthe

Sie schüttelte sich, fiebrig vor Lust, und tauchte ihren Löffel in den Cappuccino. Die Adern des milchgeschäumten Blattes zitterten, aber die Aufwallungen
blieben gering: Eine gemächliche, gleichförmige Bewegung.
Weiße Schlieren umflossen den Löffel, sie grinste, fuhr schneller vorwärts und schnitt das Blatt entzwei: Es löste sich, langsam, in milchbraunen Verflechtungen, nur seine Spitze blieb unberührt. Sie zog den Löffel heraus, legte ihn an ihre Lippen und klopfte mit Zunge und Schneidezähnen dagegen. Für einen Augenblick sah sie nachdenklich aus, obwohl sie sich längst entschieden hatte: Ein helles, lautes Lachen, dann wirbelte sie alles durcheinander, und trank.

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Gespräch mit einem Flötenspieler

Nach dem Ende eines Konzerts im letzten Winter, der so unerbittlich kalt gewesen und in dem mir die Musik wie ein unerwarteter Frühling erschienen war, begegnete ich an der Schwelle des Hauses einem Musiker und das wenige was ich über ihn weiß oder zu wissen meine, entnahm ich unserem Gespräch, das sich an unsere Begegnung anschloss und obwohl ich ihn nur über Umwege bedrängte, etwas von sich preiszugeben, wich er mir hartnäckig und beständig aus; ich vermag nicht zu sagen, ob er selbst an dem Konzert mitgewirkt hatte, nur als Zuhörer anwesend oder zufällig unter die Menge geraten war, die nach dem Abschluss aus dem Saal und dem Gebäude drängte; — ich bin mir nicht einmal sicher, ob er überhaupt ein Instrument beherrschte, obwohl einige seiner Bemerkungen und manche Indizien dafür sprachen und vielleicht hat er sich nur einen Scherz erlaubt und in mir einen unfreiwilligen, aber desto begabteren Mitspieler gefunden. Weiter als PDF.

Ein Leben für die Literatur

Es war nicht auszumachen woher die Stimme kam, aber sie hatte zweifellos recht. Mein Leben für die Literatur, wiederholte Bob, das war es, was ich immer wollte. Mehr von diesem Beitrag lesen

Das Ewige und die Welt

Ihr Götter!, rufe ich lachend; und während meine Stimme durch ein Labyrinth aus Stein irrt, und sich immer wieder überschlägt, greife ich einen faustgroßen Splitter aus dem Bett, und schleudere ihn gegen den Himmel. Ich betrachte seinen Fall, und male ich mir den ihren aus: Was hattet ihr, außer Hohn, für unsere geliebte Erde übrig? Mehr von diesem Beitrag lesen

Thomas. Fragmente und Erinnerungen.

Erzählen. Was kann man anderes tun, als erzählen? Was bleibt in dieser Welt noch, als sich am Erzählten zu berauschen, und im Rausch von ihr zu erzählen? Was, als dieser Welt seine eigene entgegen zu halten, und aus einer Gegnerschaft heraus zu bejahen? Und doch: Es gibt ein Leben, es gibt ein Versprechen, das selbst jene Fliesen zurückwerfen, die jeden Tag meine Füße zerschneiden. Mehr von diesem Beitrag lesen

Zwischen Nichtbeachtung und Heldentum: Der Soldat und die (europäische) Demokratie

Sebastian

Thomas und Sebastian starrten auf eines der klassizistischen Häuser in der Museumsstraße. Und obwohl es alles andere als einen Anblick bot, der zum Halten einlud, und die beiden auch keine Freunde klassizistischer Architektur waren, so dass ein hervorragender Erker, oder ein zierliches Sims ihre Aufmerksamkeit beansprucht hätte, blieben sie dennoch stehen. Mehr von diesem Beitrag lesen

Federball

Für FK

Der Ball touchierte das Netzband und stieg steil empor. Senkrecht würde er auf die Grundlinie fallen, und meinen Gegner zu einer Rückwärtsbewegung zwingen. Er aber wartete nur, und sprang, als sich der Ball schon beinahe über ihn hinwegbewegt hatte, einfach drei oder vier Meter in die Höhe; er stieß sich vom Boden ab und flog, oder schwebte, wie ein Taucher der zurück an die Oberfläche gleitet. Ich war erstaunt, einen Moment lang, denn ich wusste, dass es möglich war. Mehr von diesem Beitrag lesen