Schlagwort-Archiv: Kunst

Aphorismen, Notate und Uneinsichtigkeiten IV

Nie ist die Existenz dramatischer als in unserer Kindheit, und nie bewusster als im Alter; dazwischen liegen ein Abschnitt geschäftsmäßiger Vergessenheit und die gnadenvolle Unbekümmertheit der Jugend. Verglichen mit der Kindheit, tritt im Alter die Existenz vor dem absehbaren Ende, gleichsam von der anderen Seite her, ins Bewusstsein: Während das Kind stets darum kämpft, mit den Intensitäten, die ihm die Welt auferlegt und die es durchdringen und durchjagen, zurechtzukommen, also Stabilität zu erlangen, ist das Alter von der Leere, einem Übermaß an Stabilität, einem Mangel lebenslohnender Intensität, vielleicht einem Erschöpfen der Sinne, bedroht. Das Flehen endlich sterben zu können, als Betagter aber nicht chronisch Kranker, ist ernst zu nehmen und zeigt, dass ein Leben trotz hinreichender Funktionalität, an sein Ende kommen kann.

Weiter auf Begleitschreiben.

Beobachtung

Dass sich etwas zeigt und wie es sich zeigt, spricht bereits dagegen es Beobachtung zu nennen, weil es beinahe übergroß in den Beobachter hinein tritt: Umgebung, Dinge, Lebewesen, Menschen und keinesfalls rein visuell. Es passiert, die objektive Bestimmung der Beobachtung ist aufgegeben, besser: aufgehoben, wie die Bestimmung, dass der Beobachter für das Gelingen seiner Beobachtung verantwortlich ist. Man kann es auch als Verselbstständigung des Äußeren, von Teilen des Äußeren, bezeichnen, und je fremder man ihnen ist, je weniger man sie in ihrer Gesamtheit einzuschätzen vermag, also Einschätzungen und ein Verständnis nicht existieren, umso leichter und unmittelbarer gelingt es. Ist man befangen, kennt man das, was man mit seinen Sinnen berührt, ja ist man es gewohnt, dann verweigert es sich, gleichsam. — Passivität ist eine Voraussetzung, eine Art sinnliche Aufnahmebereitschaft, ebenso eine innere Gelöstheit, Leichtigkeit und Neugierde: Ein zweiter Modus des Sehens, der Wahrnehmung insgesamt, Empfindung in dem was sich zeigt, der sich nicht gut steuern lässt, aber unentbehrlich für die Vorstellungskräfte ist.

Angst des Beobachters

Dass ihn also einer spiegelt, so wie es ihm selbst immer wieder gelingt, und einige Augenblicke lang, bis auf den Grund seiner Seele sieht.

Die Kraft der Literatur…

…zeigt sich an ihrem Vermögen den Leser (noch) zu entrücken.

Vermessenheit I:

Im Augenblick seines Offenbarwerdens, das Schöne auch noch verstehen zu wollen.

Modisch und modern

Modisch → Das häufige (angehäufte) Neue.

Modern → Das einsame Neue.

Gefallen

Zu dem, was gefallen hat, zieht es einen immer wieder hin … beinahe magisch.

Eine Stimme zu haben,…

…bedeutet einen Stil zu haben.

Das einmal Vollbrachte…

…ist wenig später schon nicht mehr bedeutsam.

Professionalität:

Gekonntes Agieren in bestimmten und erwarteten Bahnen.