Gomorrha. Eine Reise ins Reich der Camorra.

Gomorrha ist eine Erzählung ohne Fokus, ohne Hauptdarsteller und vordergründiger Handlung; ein Stück neapolitanischer Realität, und ihre Abstraktion; ein langer, aber nie langweiliger Film, ein Spiegel des Alltags gewöhnlicher Menschen, Spielfiguren der Camorra.

Erst nach und nach fühlt man, wie aus den parallel geführten Erzählungen, Fäden im Hintergrund zusammenlaufen, in den Händen irgendwelcher Clans und ihrer Paten. Aber auch hier bleibt der Film konsequent: Hautnah werden die Frontlinien des Kampfes, die sich mitten durch Wohnblöcke ziehen, gezeichnet, aber die Hintermänner ausgespart, und höchstens angedeutet: Ohne Befehle tue ich nichts.

Kinder und Jugendliche werden fast selbstverständlich zu Tätern, sie wachsen in das System, haben gar keine andere Möglichkeit (sie sind mit der Gewalt bekannt; täglich): Zuerst sind es bloß Botengänge, die etwas Geld einbringen; man lernt ein paar Kerle, die raue Welt nebenan (Es herrscht Krieg) kennen; man steht Schmiere, erhält seine Männlichkeitsprüfung und ist plötzlich mitten drin, spielt Lockvogel bei einem Mord. Und der Freund schließt sich den Gegnern an: Komm zu uns, sonst müssen wir dich am Ende töten, oder du mich.

Die Menschen haben keine Wahl, sie wollen nicht, aber sie müssen, und stoßen am Ende immer an dieselbe Barriere: Entweder du bist für, oder gegen uns. Und wenn du gegen uns bist, bist du tot. Da spielt niemand den Helden, denn er hat fast täglich vor Augen, was passieren kann.

Die Heldenlosigkeit des Films gibt der immer präsenten Camorra etwas fatalistisches: Sie scheint immer schon vorhanden (wird in keinster Weise reflektiert), unüberwindlich, und jeder versucht, trotz allem, mit ihr aus zukommen – da zählen, selbst wenn man die eigene Scham vor Augen hat, und gerne anders handeln möchte, Bekannt- oder Freundschaften nichts mehr, man passt sich an die neuen Machthaber an, und ignoriert wen man kennt, aber besser nicht mehr kennen sollte.

Und dann, überraschend, obwohl man den Widerspruch geahnt, seine Artikulation aber nicht zu hoffen gewagt hatte: Ich bin anders als Sie. Die (neue) rechte Hand eines Camorra-Mitglieds, das illegale Mülltransporte organisiert, ein ruhiger, introvertierter Mann, steigt aus dem Auto und geht zu Fuß weiter. Kein Sieg, aber Widerstand.

Diese von Gewalt geprägte, „männliche“ Welt, in der Frauen scheinbar keine Rolle spielen, ist auch anziehend, reizvoll die Nachahmung, und berauschend das Spiel mit der Gefahr, mit dem Besitz der Welt. Nur diese Welt kennt keinen Pardon, selbst für zwei jugendliche Milchgesichter, die ihren Übermut, den Erwachsenen nacheifern zu müssen, bitter bezahlen. Nach mehreren Warnungen werden sie – im Glauben einen Auftragsmord auszuführen – hinterrücks eiskalt ermordet. Ein Bagger steht bereit, er führt ihre Leichname in der hoch erhobenen Schaufel fort. Ein seltsames, fast komisch-erhabenes Schlussbild.

Die „Ethik“ der Camorra ist einfach, erbarmungslos und logisch bis in den Tod: Sie ist Gesetz, und daraus lässt sich alles ableiten:

Wir verlieren unser Ansehen im Bezirk, wenn wir die beiden Jungen töten.
Aber es muss sein. Ich habe sie gewarnt, und ich habe hier das Sagen.
Dann informieren wir wenigstens ihre Eltern bevor wir es tun.

Da müssen („dürfen“) halbe Kinder mit Lastwagen voll Giftmüll fahren, weil die Fahrer nicht zur Verfügung stehen, am Sterbebett wird kühl und ohne Rücksicht der Platz für eine neue illegale Deponie erpresst, und selbst Frauen werden – trotz kurzer Skrupel – aus Rache hingemordet. Die immer präsente Gewalt verkommt nie zum Selbstzweck, und bleibt gerade dadurch eine reale Bedrohung, ja sie ist derart normal, dass niemand, trotz der vielen Toten, weint.

Gomorrha gerät nie in die Verlegenheit Hollywood nacheifern zu wollen, er bleibt sich selbst treu, und erschließt dem Seher eine Welt, die dem „großen Kino“ verschlossen bleibt: Durch sein Erzählen legt er das System frei, deckt die Verflechtungen der Menschen mit der Camorra auf, wie sie von ihr korrumpiert und gegeneinander ausgespielt werden, und macht verständlich warum sie so unendlich schwer loszuwerden ist. Weder die Handelnden, noch die Camorra selbst werden in Frage gestellt, oder bewertet: Ihre abscheuliche Fratze tritt aus dem Spiegel wie von selbst hervor.

Anmerkung: Zitate sind kursiv gesetzt, aus dem Kopf zitiert, und daher sinngemäß zu verstehen.

Advertisements

4 Antworten zu “Gomorrha. Eine Reise ins Reich der Camorra.

  1. Gregor Keuschnig 25. September 2008 um 10:10 am

    Ich habe den Film nicht gesehen, von ihm gehört und auch von diesem Buch nur selber gelesen. Der Autor muss sich – so lese ich – seit diesem Buch verstecken, weil er Anschläge fürchtet. Bei aller Sympathie für das Aufdecken dieser Strukturen (sind diese aber nicht längst in ihrer Infiltration in die Gesellschaft bekennt?), frage ich mich, was mit einem solchen Film beabsichtigt ist. Ein Gegenentwurf zum Folklore-Hollywoodfilm („Der Pate“ kommt mir da in den Sinn – der tiefgründiger ist, insbesondere im 2. Teil, als man vielleicht beim ersten Sehen bemerkt)? Ist die blosse Zustandsbeschreibung genug? Die Verflechtungen der Politik in die mafiösen Strukturen (wie es immer so schön heisst)?

    Warum entstehen Parallelsysteme wie Mafia oder Camorra (oder wie sie auch immer heissen)? Sie entstehen, weil die staatliche Gewalt nicht mehr existent ist. Weil sie korrumpiert ist. Und weil Menschen Schutz in diesen Parallelstrukturen suchen erhalten, sofern sie sich der „Gesetze“ unterordnen. Das soll kein Plädoyer sein oder gar „Verharmlosung“. Aber ich glaube, dass diese Verkommenheit dieser Gesellschaft immer auf beiden Seiten zu suchen ist.

    Wenn noch einmal ein Hollywood-Klischee, dann dies von der Westernstadt, die Angst vor einer Bande von Verbrechern hat – obwohl sie (die Bürger) in der Mehrheit sind. Die Frage des Kindes hier: Warum? Die Frage des Erwachsenen: Warum wird der Mafia mehr Problemlösungskompetenz (ich weiss, es klingt geschraubt) zugesprochen als den (einstmals) staatlichen Organisationen? Und: Besteht diese Gefahr der parallelen „Staatsgewalt“ nicht immer und übrall?

    (Letzter Gedanke: Warum nicht endlich alle Rauschmittel „freigeben“, warum nicht kontrolliert abgeben? Warum nicht Prostitution in geregelte Bahnen bringen? Warum nicht den Sumpf austrocknen, statt ihn – zu bestaunen?)

  2. metepsilonema 26. September 2008 um 7:05 pm

    Eine Teilantwort, zum Rest später.

    Zunächst ist (wie Du vermutest) der Film mit Sicherheit eine Art Gegenentwurf (Ich muss gestehen, ich kenne den Paten nicht, habe dunkel in Erinnerung in sehr jungen Jahren einmal einen Teil gesehen zu haben.).

    Dann hängt der Film wohl mit dem Erscheinen des Buchs zusammen; ich kenne die italienischen Verhältnisse nicht, daher kann ich nur spekulieren, aber vielleicht hat das Buch – und das scheint zumindest durch das Untertauchen des Autors belegt – eine Bewusstseinsbildung (oder -änderung) bewirkt, oder ist der Ausdruck einer solchen. Dann wäre der Film auch in diesem Zusammenhang zu sehen, selbst wenn der Regisseur einen Film über und nicht gegen die Camorra machen wollte.

    Dann sind Filme (nicht alle, klar) – man mag sie als Kunst sehen, oder auch nicht – natürlich auch über den Inhalt hinweg wirksam, im allgemeinen Sinne (ähnlich wie Literatur). Gomorrha erschöpf sich nicht im dokumentarischen (auch wenn ich das zuwenig thematisiert habe, aber man kann das Handeln der Menschen sicher aus diesem speziellen Kontext lösen, und als Parabel lesen; Menschen in totalitären Systemen arrangieren sich auch oft, hier sind eventuell die selben Mechanismen am Werk).

    Die Verflechtungen der Politik werden hingegen kaum behandelt.

  3. metepsilonema 26. September 2008 um 8:26 pm

    Und die beiden Jungen zeigen in ihrer Reaktion auf ihre Umgebung ebenfalls ein verallgemeinerbares Schema.

  4. metepsilonema 29. September 2008 um 4:35 pm

    Nach dem Kinobesuch haben wir (kurz) diskutiert warum man der Camorra (oder der Mafia im Allgemeinen) nicht Herr wird, und einige waren recht desillusioniert was eine Verbesserung der Situation betrifft. Ich würde in eine ähnliche Richtung (Absenz staatlicher Gewalt) gehen wie Du. Außerdem scheint es mir, als wäre dem Norden Italiens, die Lage im Süden relativ gleich, was die Situation wohl auch nicht verbessert. Und drittens: Erst wenn die mafiösen Strukturen auch in der Bevölkerung auf breiter Basis abgelehnt werden, wird sich tatsächlich dauerhaft etwas ändern (Wie es damit zur Zeit steht weiß ich nicht, aber Savianos Buch könnte Ausdruck einer solchen Ablehnung sein).

    Wie ich oben schon angesprochen habe: Das Verhalten von Menschen gegenüber, oder in Strukturen, die zur äußersten Gewalt bereit sind, scheint immer ähnlich zu sein, ob das nun ein totalitäres, oder mafiöses System ist. Wenige leisten Widerstand, einige arrangieren sich, oder werden zu Teilen des Systems, und die allermeisten suchen den „besten“ Weg für sich und ihre Angehörigen, ohne dabei allzu auffällig zu sein (eine Art schicksalshafte Hinnahme). Ändern wird sich das Verhalten der Allgemeinheit erst, wenn bestimmte Schwellenwerte überschritten werden, etwa wenn nicht mehr genug Raum für eine „normales“ Leben bleibt, oder die Gewalt „beliebig“ wird.

    Die Bürger sind in der Mehrheit, aber nicht organisiert – in den entsprechenden Filmen läuft es dann ja auch meist darauf hinaus das einige unerschrockene Helden beginnen Widerstand zu organisieren. Etwas vergleichbares müsste – abgesehen von der Wiederherstellung des Monopols an staatlicher Gewalt – natürlich auch passieren. Es reicht vermutlich wenn sich lokale „Widerstandsgruppen“ bilden und sich allgemein eine „Anti-Mafia“ Haltung ausbreitet, also das System einfach nicht mehr reibungslos funktioniert. Das kann man vielleicht auch Zivilgesellschaft nennen, aber Etikettierungen besagen nicht viel.

    Die Problemlösungskompetenz der Mafia besteht nur deshalb, weil es offenbar keine andere (funktionierende, oder konkurrierende) gibt. Und damit auch keine Wahl. Eine parallele Staatsgewalt wird sich immer erst dann entwickeln wenn ein Vakuum vorhanden ist, daher droht die Gefahr nicht immer und überall. Und selbst, wenn es ein Vakuum gäbe, vielleicht könnten die Bürger es aus eigener Kraft füllen.

    Deine abschließenden Fragen sind ein weites Feld: Bei Drogen und Prostitution spielen gesellschaftliche Moralvorstellungen mit Sicherheit eine bedeutende Rolle. Zur Austrocknung braucht es Mut und politischen Willen – naja, nicht nur politischen…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: