Neoklassizismus. Zwei ältere Herrn.

Modernistischer Klassizismus. So könnte man das durchaus nennen. Aber lassen Sie es mich erklären.

Zwei ältere Herrn, die das neunzehnte Jahrhundert noch miterlebt haben, sitzen auf einem Ledersofa: Graues Sakko und Hose, dezente Krawatte, weißes Hemd; sie kennen einander lange Zeit und sehen fast gleich aus, obwohl sie nicht mit einander verwandt sind. Haare haben sie fast keine mehr. Auf dem Esstisch steht eine leere Flasche Rotwein; der Rauch einer Zigarre hängt in der Luft. Sie sind dekadent und wissen das; gleichmütig diskutieren sie die Entwicklungen ihrer Zeit, fast so, als ob sie ihre eigenes Experiment wäre, das sie sich selbst überlassen haben; sie gehören zu den letzten ihrer Art und haben ihre Arbeit getan: Es ist an der Zeit zuzusehen.

Ich bitte darum. Wenn jemand Zeit hat, dann wir beide.
Der klassische, etwas vulgär kulturkonservative Mensch, der alles Moderne im Grunde verachtet und für den – um ein musikalisches Beispiel anzuführen – die drei großen „B“, Bach, Beethoven und Brahms heißen und die Musikgeschichte danach endet, unterscheidet sich nur um Nuancen vom Modernisten, vom Neoklassizisten. Sehen sie: Der erste bringt Beethoven gegen den Jazz in Stellung oder auch Mozart und der zweite widerspricht ihm nur insofern, dass er Schönberg, Hauer und Stockhausen hinzuzieht, das ist der entscheidende Punkt. Dieses Spiel kann man, mit anderen Namen wiederholen, meine Auswahl ist etwas subjektiv, aber ich glaube man erkennt worum es geht.
Glasklar, fahren Sie nur fort.
Beide wollen etwas festschreiben, sie beharren, sind konservativ. Mehr noch, sie verteidigen es – um den berühmten Satz umzuformen: Solidarität mit der Kunst im Augenblick ihres Sturzes. Sie können sich zwar nicht über eine gemeinsame Theorie verständigen, da ihre Differenzen über Affirmation und Negation größer nicht sein könnten, aber ihre Gegner kennen sie, und auch darüber sind sie sich einig: Die großen Werke sind herrlich, wie am ersten Tag.
Genau: Der Modernist gibt nicht auf, er steht zu sich, auch wenn es aussichtslos ist. Allerdings würde ich meinen, dass sie sich nur darin einig sind, dass immer eine Art erlösendes Moment vorhanden ist — herrlich würde der Modernist nicht mehr sagen.
Ja, da gehe ich mit. Wie der Konservative kämpft er auf verlorenem Posten, allerdings hat er den Gefallen, die Freude an der antiquierten Position verloren — matte und dunkle Farbtöne überwiegen. Das Tragische an den Modernisten ist, dass sie in Wahrheit dem Untergang ihrer Liebe, der großen Kunst, Vorschub leisten.
Sie meinen, dass der Pop in Wahrheit…? Das ist geradezu genialistisch gedacht!
Danke. Aber lassen Sie es mich zu Ende bringen. Zunächst die Romantiker: Sie standen gegen die Aufklärung, die Vernunft und das klare Bewusstsein; sehen Sie, man hat die Romantiker immer wieder als Konterrevolutionäre verdammt, als Reaktionäre, in Wahrheit waren sie das Gewissen der Aufklärung. Romantik ist Moderne, genauso wie Kant und die kopernikanische Wende gehört ihnen zu gleichen Teilen. Obwohl man den Pop hasst, ihn als Systemstütze diffamiert und dabei noch fürchtet, er könnte das Heilige beflecken und entweihen, kommt ihm heute dieselbe Rolle zu. Gegen die Romantiker war man noch nachsichtig, sie wollten dem Gemeinen einen hohen Sinn geben und immerhin, dafür mussten sie diesen kennen; auch wenn dieser Gedanke manchem ein Zuviel an Gleichheit war, sie stellten das Heilige nicht in Frage und man kam darin überein irgendwie auf derselben Seite zu stehen. Eine Art Waffenstillstand. Der Pop ist allerdings radikaler: Im Bewusstsein seiner Gewöhnlichkeit, will er gar nichts anderes sein, als Masse, Mechanik, Lärm, Abgeschmacktheit und Gebrauch. Das versteht ein Modernist nicht, da gibt es jemand, der weiß, dass er bestenfalls Durchschnitt ist und will trotzdem nicht darüber hinaus, ja er besitzt auch noch die Frechheit festzuhalten, dass alle Künstler wären. Er verneint damit das Hohe oder hält es für nichtig, unbedeutend. Und bei einem Solchen hilft nur mehr die Zuchtrute! Schlimmstenfalls bläut man ihm ein, was Kunst ist und was nicht. Das Gewissen der Modernisten ist der Pop, nur haben sie ihn nie verstanden. Und eigentlich hätten sie sich nur daran erinnern müssen, was die Spätaufklärung bereits wusste. Und darum fielen sie: Das Heilige ist über seine eigene Rechtfertigung gestürzt.
Das Heilige zu rechtfertigen…
… auf diese Idee muss man erst einmal kommen
Ja…

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2 Antworten zu “Neoklassizismus. Zwei ältere Herrn.

  1. Gregor Keuschnig 9. März 2011 um 10:07 am

    Irgendwann kann man das fortschreiben: Mit zwei älteren Herren, die das 20. Jahrhundert noch erlebt haben. Man tausche nur einige Namen aus – die Klage bliebe wohl die gleiche.

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