Stanislaw Lem: Sterntagebücher

Die drei Formen der Masse sind Materie, Energie und Information. Sie können in einander übergehen, die eine in die andere. Energie und Materie sind notwendig, um Information zu erzeugen. Genau umgekehrt verhielt es sich kurz vor dem Urknall. Wir erinnern uns: Im Anfang war das Wort. Oder zumindest die Information.

Lems Buch setzt sich – wie sein Titel bereits vermuten lässt – aus einer Reihe von Kurzgeschichten, gegliedert in zwei etwa gleich große Teile, zusammen: Reiseerzählungen („Tagebücher“) und Erinnerungen des Sternreisenden Ijon Tichy. Herausgegeben hat sie kein geringerer als der bekannte Astrozoologe Prof. A. S. Tarantoga im Namen der Institute der Tichologie, der Tichographie und der beschreibenden, vergleichenden und prognostischen Tichonomik.

Schon mit den ersten Zeilen des Vorworts nimmt das geistreiche Spiel Lems, das niemals zu versiegen scheint, seinen Lauf. Der Leser findet sich in einem von Witz, Sarkasmus und Humor gezeichneten Universum wieder. Bizarr, bunt, phantastisch, dabei aber nie platt oder leer und immer unverkennbar irdisch: in jeder Reise Ijon Tichys entdeckt der Leser sich selbst und seine Welt mit ihren Fragen, Zweifeln und Problemen. Science fiction als Reise in die Vergangenheit – und zu sich selbst.

„Unser“ Sternreisender ist ein bekannter Mann – ein Held im eigentlichen Sinne ist er aber nicht. Er ist auch kein Gelehrter, Wissenschaftler oder Forscher, obwohl er durchaus in deren Kreisen verkehrt. Tichy ist sympathisch, gerade weil er ein fehlerbehafteter Mensch bleibt. So überwindet er beispielsweise die Diktatur eines Elektronengehirns, hinter dem sich eigentlich ein altes, zittriges Menschlein (natürlich ein Bürokrat!) verbirgt. Zuvor fällt Tichy aber dennoch auf die Tücken des totalitären Regimes herein, dessen Kniffe und Tricks der Leser ganz nebenbei verstehen lernt.

Wir finden eine Parodie des Kommunismus, Zeitreisen, Auswüchse christlichen Missionareifers (Auf dem Planeten Arpetusa bekannte sich die gesamte Bevölkerung zum Zölibat – nun drohen sie auszusterben, da keine Kinder mehr gezeugt werden.), Paradoxien (Zeitschleifen) während der zahlreichen Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit und eine gewaltige Theodizeediskussion mit mönchisch lebenden Robotern, die einer Art Universalreligion, einer letzten noch möglichen Form des Glaubens, anhängen: “ […] es gibt eine Welt, und es gibt einen Gott, und es gibt einen Glauben, […] aber der Rest ist Schweigen.“ Aber nicht nur das: dem Leser begegnen fremde Welten mit ihren eigenen skurril-phantastischen Faunen und Floren, Wesen und Völkern. Wirrköpfige Erfinder, zerstreute Gelehrte und umstrittene Wissenschaftler dürfen natürlich nicht fehlen – sie finden besonders in den Erinnerungen Ijon Tichys Erwähnung. Von dem für einen Narren gehaltenen Wissenschaftler Donda (auf den das Dondasche Gesetz und die Dondasche Barriere zurückgehen) stammen die eingangs erwähnten Überlegungen zur Äquivalenz von Masse, Materie und Information.

Das Erstaunliche ist nicht, welche Fragen Lem aufgreift und verarbeitet (das haben andere vor ihm getan), sondern wie er das tut: voll erstaunlicher Wendungen und stets mit schalkhaftem Lächeln, beispielsweise, wenn dem Leser die vollkommene Sinnlosigkeit der ewig existierenden menschlichen Seele vor Augen geführt wird (natürlich im Beisein ihres Erfinders), oder wenn ein Kybernetiker die Möglichkeit das menschliche Gehirn oder Leben überhaupt künstlich herzustellen, als einfallsloses Plagiatentum bezeichnet (wenn schon müsste man etwas vollkommen neues erschaffen) – hier werden gleich zwei Träume der Menschheit ad absurdum geführt.

Ein paar Kurzgeschichten entpuppen sich unerwartet als düster und spukhaft – die eine oder andere fällt aus dem Rahmen und erreicht nicht ganz das hohe Niveau der übrigen. Summa sumarum überwiegen die Positiva bei weitem – einzig die geringe Zahl an weiblichen Charakteren fällt auf.

Typisch für Lems Umgang etwa mit dem Leib-Seele-Problem ist die folgende kurze Unterhaltung mehrerer dampfbetriebener Roboter:

„Es ist doch klar, die Wolken sind eine Lebensform der Dampfmaschinen im Jenseits. Die Grundfrage lautet doch: Was war zuerst – Dampfmaschine oder Wasserdampf? Ich behaupte – der Dampf“
„Schweig, ruchloser Idealist!“ zischte eine andere.

Stellen wir uns also den großen Fragen, aber nehmen wir sie um Himmels Willen nicht allzu ernst.

3 Antworten zu “Stanislaw Lem: Sterntagebücher

  1. theolounge 22. Mai 2008 um 11:25 pm

    fein fein….schau mal bei uns rein zum Thema: http://www.theolounge.de

  2. Pingback: Ijon Tichy - Raumpilot «

  3. Pingback: Stanislaw Lems Sterntagebücher als (sehr kultiger) Trash-Film «

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: