Rodentia ad portas I: Vorahnungen.

Bleierne Schwere hatte sich nach verlassen der gastlichen Bleibe – ihr Hausherr meinte für heute genug verdient zu haben – an meine unschuldigen Sohlen geheftet, und versetzte jede Stufe über die ich zu meiner Wohnung hinauf schritt in eigentümliche Schwingungen, während ich damit beschäftigt war, das, was mein geistiges Auge narrte, in jenen unbedeutenden Winkel meiner Wahrnehmung abzudrängen, der ihm meines Erachtens nach zustand (eigentlich stand ihm gar keiner zu, aber meine Verhandlungsposition war denkbar schlecht). Unmittelbar nach dem Aufsperren – ich war im Begriff die Schwelle zu überschreiten – kroch die Schwere bis in meine Knie, und schlug Wurzeln: Ich durchflog mein kleines Vorzimmer, und landete mitten auf dem Küchenboden.

Einträglich war die Sache vor allem hinsichtlich der stattlichen Zahl an blauen Flecken, die man durch einen Sturz zu solch später Stunde gewinnt, da sämtliche Reaktionen, die uns im Lauf der Erdgeschichte mitgegeben wurden, entweder verlangsamt, oder gänzlich ausgefallen sind. Noch bevor ich mich aufrappeln konnte, nahmen die grauen Fellknäuel, die ich durch den Sturz kurz aus meinen Augen verloren hatte, wieder ihre ursprüngliche Form, nämlich die zweier Ratten, an.

Da sie dem beständigen Umrunden meiner heimwärts wankenden Gestalt überdrüssig geworden waren, gingen die Ratten nun in einer neuen Tätigkeit auf: Sie begannen sich polka-tanzend durch meine Wohnung zu bewegen. Bemerkenswerter als der Tanz, den sie relativ unbeholfen darboten, war das Faktum, dass es sich nach wie vor um Ratten handelte. Meine psychoanalytische Halbbildung ließ nur einen Schluss zu: Was ich vor mir hatte, war ein Musterbeispiel verdrängter Ängste, die wie ein Lichtstrahl in die dunkle Kammer meines Bewusstseins fielen, das sich zur Zeit in einer Phase ausgesprochener Herrschaftsschwäche befand. Man musste das Phänomen (die tanzenden Ratten) bloß einer Analyse unterziehen, und konnte dadurch Hinweise auf den Ursprung meiner unbewussten Verwirrungen erlangen – angesichts der späten Stunde beschloss ich das auf den nächsten Vormittag zu verschieben.

Nachdem die Ratten nicht aufhören wollten, und gutmütiges Zureden fehl am Platz war, versuchte ich sie endlich zu vertreiben, was, der Leser ahnt es, natürlich fehl schlug. Ich gab also nach einigen Versuchen die Störenfriede mittels meines, für derartige Fälle bereit liegenden Telefonbuchs in friedvollen Schlummer zu versetzen auf, und wandte mich in Richtung meiner, wie ich meinte, hochverdienten Liegestatt. Nun kam es, wie es kommen musste, die Ratten folgten meinen unsicheren Schritten bis vor das Bett, um nach kurzer Prüfung durch ihre empfindlichen Näschen, in selbiges zu springen, was meine ohnehin grausigen Vorstellungen weiter beflügelte, und den Vorstellungen ebenbürtige Albträume zur Seite stellte.

Nach einer äußerst unruhigen Nacht – ich schwor, das nächste unfreiwillige Beisammensein mit den grauen Quälgeistern durch meine Schrotflinte unbarmherzig zu beenden – erwachte ich, und labte mich wie jeden Morgen an der durch die Jalousien schwappenden grauen Lichtmasse (das was die auf Sparflamme strahlende Sonne zu karger Winterszeit hergibt, und der gierige Mensch verschlingt).

Im Schutz der Dunkelheit war es meinem Körper gelungen die Vorherrschaft aller wahrnehmungserweiternden Moleküle zurückzudrängen, und alle wichtigen Territorien wieder zu erobern, einzig im Bereich meiner linken Schläfe schienen die Kämpfe noch voll in Gang zu sein. Jedenfalls kam mir sogleich eine Idee wie ich der Plage – die Schrecken meiner schlafarmen Nacht krochen gerade unter der Decke hervor – Herr werden konnte: Ein mir bekannter, dem Christentum verfallener Inder, hatte immer wieder behauptet, dass ein kräftiger Assam sogar den Teufel austreibe, und gegen den ist selbst eine Horde Ratten harmlos. Ich leerte die rasch gefüllte Tasse (ich habe die Angewohnheit warmen Tee stets in einer Thermoskanne bereitzuhalten) in einem Zug, und die Ratten lösten sich im diffusen Licht des Vormittags – nicht ohne noch einmal zu grinsen – ebenso plötzlich auf, wie sie gekommen waren. Erleichtert sank ich zurück und schmiegte mich in Polster und Decke – sie waren wieder ganz mein. In dieser äußerst entspannten Lage, fügten sich einige abgängige Puzzlesteine nach und nach in das Fragment gebliebene Bild des letzten Abends.

Wie es so meine Angewohnheit ist, lasse ich mich nie ganz von der jeweiligen Stimmung aufsaugen, sondern bleibe, und sei es mit einem noch so unbedeutenden Nervenbündel, für etwaige Unregelmäßigkeiten empfänglich (bedauerlicher Weise wird dies immer wieder als Unaufmerksamkeit gedeutet). Daher entging mir auch nicht, dass sich in den Reihen trotz der guten Stimmung hie und da Löcher auftaten, und nur die anwesenden Pärchen – ganz entgegen ihren sonstigen Gewohnheiten – zum Bleiben entschlossen waren. Nach und nach fügte sich um meine singuläre Erscheinung ein fester Ring von Pärchen. Was konnte man anderes tun, als zum verbalen Befreiungsschlag auszuholen? Zum Thema passend – wir ließen gerade eine überaus ergiebige Diskussion über praktikable Höhen von Stöckelschuhen zugunsten einer Erörterung über den im Bekanntenkreis zu erwartenden Nachwuchs zurück – nahm ich Ausfallsstellung ein, und führte einen – wie ich meinte – gut platzierten Stoß: Pärchen – spitzte ich in süffisantem Tonfall zu – schaffen sich entweder Kinder oder Haustiere an, denn zu mehr reiche es für gewöhnlich nicht, da es ihnen an Sinn für alle übrigen Aspekte des Daseins mangle, dabei wohl wissend, dass es unter den Anwesenden noch keine Kinder, dafür aber jede Menge Haustiere gab. Insgeheim hielt ich mich für eine Parade bereit, aber meine so elegant geführte Klinge, prallte wirkungslos von Blusen, Leiberln und Pullover meiner Widerparts, die sich zu keiner Reaktion hinreißen ließen. Entweder trug man unter der wolligen Oberfläche verborgen, Kettenhemd und Harnisch, oder man war fest entschlossen sich hinterher um so blutiger zu rächen. Ich lehnte mich zurück, und war doch etwas enttäuscht.

An dieser Stelle bemerkte ich, dass der Zustrom meiner pulverisierten Erinnerung immer uneinheitlicher wurde: Mit den Schnipseln der vergangenen Nacht, vermengten sich Teile mitunter weit zurückliegender Ereignisse, und es war im Einzelfall recht schwer zu erkennen, welches wohin gehörte; so enttarnte ich eine Begebenheit auf einer Geburtstagsfeier, die mich beharrlich, aber letztlich erfolglos, getäuscht hatte, und auch die Anwesenheit zahlreicher Personen war nicht mehr eindeutig festzumachen, von Löchern, die in ihrem Verhalten, ganz ihren großen schwarzen Verwandten glichen, denn sie saugten alle anderen Stücke, Schnipsel und Teilchen, egal wohin sie gehörten, ein, ganz zu schweigen. Nur ein Fels ragte aus der verwirrten Erinnerung empor, und es ist ein Glücksfall, denn er schien mir, um wenigstens einen ungefähren Überblick rekonstruieren zu können, unentbehrlich.

Ich hatte mich lange Zeit um mein Bierglas, und dessen unumgängliche Leerung gekümmert, aber im selben Moment – das passiert meist dann, wenn einen die rücksichtslose Welt auf sich selbst zurückwirft, und alles scheinbar bedeutungslose in unser Blickfeld rückt, und sein Weltsein mit den spezifischen Gesetzmäßigkeiten und Eigenschaften offenbart – die Bewegung der in ihm aufsteigenden Kohlendioxidbläschen studiert, und die ihr zu Grunde liegenden Gesetzmäßigkeiten zu beschreiben versucht. Ganz konnte ich die mir selbst gestellte Aufgabe nicht vollenden, denn die äußere Welt nahm, in einem etwas rüpelhaften Versuch, alsbald wieder Kontakt zu mir auf. Aber dazu später. Zunächst gewahrte ich, dass Fetzen des Bierschaums an der Glaswand abwärts zu rutschen begannen, ein untrügliches Zeichen eines schlecht gesäuberten Glases (normaler Weise sollten die Schaumreste an der Innenwand haften bleiben). Eine zweite Beobachtung bestätigte meine Vermutung, denn die hohe Dichte aufsteigender Kohlendioxidbläschen, verweist auf den selben Sachverhalt – sie entstehen durch den Zerfall der instabilen Kohlensäure in Kohlendioxid und Wasser, entweder durch Erschütterung, oder die Anwesenheit feiner Schmutzteilchen. Der eigentliche Entstehungsgrund für die Bläschen ist die überschrittene Löslichkeit von Kohlendioxid in Wasser, d.h. erst wenn der Zerfall von Kohlensäure so weit fortgeschritten ist, dass kein Kohlendioxid mehr in Wasser gelöst werden kann, entstehen die Bläschen. Was die Bewegung der Bläschen betrifft, lassen sich folgende allgemeine Regeln aufstellen: Aufgrund ihrer geringeren Dichte steigen die Bläschen in einer gleichmäßig beschleunigten, und geradlinigen Bewegung auf; unmittelbar nach ihrer Entstehung noch etwas verlangsamt, denn Trägheits- und Reibungskräfte mit Substratteilchen oder Wassermolekülen müssen überwunden werden. In einer theoretischen Betrachtung – ideale Bierglasform, keine Abnutzung, vernachlässigte Adhäsiv- und Trägheitskräfte, geringe äußere Einflüsse (kein anwesender Biertrinker), keine Schmutzteilchen etc. – erfährt die Bewegung der Bläschen kaum Abweichungen von der knappen, oben gegebenen Beschreibung, und die Geschwindigkeit der Bläschenbewegung ergibt sich aus drei Faktoren: Schwerkraft, Dichte, und Reibung. Hat man allerdings ein reales Bierglas vor sich, und einige Übung im Beobachten wird man alsbald einige Abweichungen von den theoretischen Vorhersagen ausmachen können. Bläschen die nahe der Glaswand empor steigen, finden sich in einem ungleichen Kräftespiel wider, denn die Reibungskräfte zur Glasseite hin sind wesentlich größer, als jede zur Flüssigkeitsseite, d.h. das Bläschen erfährt an beiden Seiten eine unterschiedlich starke Veringerung seiner Geschwindigkeit, und wird damit in eine korkenzieherartig geschraubte Bewegung versetzt. Ein weiteres Phänomen sind – offensichtlich durch wechselseitige Anziehung hervorgerufene – kreisende Bewegungen der Bläschen um einander während sie hochsteigen, vergleichbar mit Planeten die nicht um die Sonne, sondern um einander kreisen, und sich dabei gerichtet ausbreiten. Ich war gerade dabei einige subtilere Bewegungen zu analysieren, und Einflüsse von Glasformen – Krügerl, Tulpe, Weißbierglas – und Biersorten in meine Betrachtungen einzubeziehen, als ich hart auf dem sogenannten Boden der Realität aufschlug (eigentlich war es die Realität die auf mich einschlug, aber wer wollte denn nachtragend sein). Jedenfalls überraschte man mich mitten in einem Schwarm von Kohlendioxidbläschen mit der Frage, ob ich ihnen – einem der in Überzahl vorhandenen Pärchen – nicht einen Gefallen tun könnte. Das „könnte“ war in jener unaufdringlichen Bestimmtheit, wie sie nur von manchen Frauen beherrscht wird, betont, und zugleich durch ein fünffach verlängertes „ö“ – dem nahenden Großgeschenkstag des Jahres angepasst – geschickt verpackt. Aber es hätte gar keiner Mogelpackung bedurft, denn meine ausgeprägte Schläue ließ im Verbunde mit meiner Schlagfertigkeit, ein knappes „ja, gerne“ folgen, und erst ihr eineinhalb Minuten lang zur Schau gestelltes Grinsen belehrte mich, dass ich geradewegs in die aufgestellte Falle getappt war.

Der letzte Schnipsel den ich mir selbsttherapeutisch aus der Nase zog, offenbarte dann auch was wie ein Sturmwind durch jedes Kämmerlein meines Gehirns gefegt war: Jenes Pärchen hatte mir für die ersten Tage des nahenden, noch jungfräulichen Jahres das Sorgerecht für ihre beiden erdnussgroßen Jungmäuse übertragen.

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