Kunst und Wissenschaft I

Obwohl man sie gerne in einem Atemzug nennt, trennt die beiden doch mehr als sie vereint.

Erstens: Folgen wir Kant, kann ein ästhetisches Urteil niemals wissenschaftlich sein, weil es gegen dessen Grundbedingung der Interessenlosigkeit verstößt: Wissenschaft gibt es nicht ohne ein Interesse an Erkenntnis. Daher kann ein Wissenschaftler ein Kunstwerk ästhetisch nur beurteilen, wenn er für den Moment der Betrachtung aufhört ein solcher zu sein.

Zweitens: Wissenschaft ist immer „begrifflich“ gebunden, sprachlich oder mathematisch, und versucht Dinge und Erscheinungen zu fassen, zu beschreiben, zu erklären und ihnen möglichst nahe zu kommen. Wiederum mit Kant gesprochen, stößt das wissenschaftliche Verstehen hier an eine Grenze: Die Idee des Schönen macht von sich reden, lässt sich aber begrifflich nie zur Gänze fassen; darüber hinaus hört Kunst dort auf Kunst zu sein, wo sie immer eindeutiger und begrifflicher wird, d.h. sich unvermittelter Erklärung verschreibt und auf Darstellung und Ausdruck verzichtet.

Kunst kann schön oder hässlich sein, entscheidend aber ist die innere Stimmigkeit eines Werks, seine Folgerichtigkeit. Ein Künstler der zu sehr in eine Richtung drängt, z.B. mit allen Mitteln ein bestimmtes Gefühl provozieren will oder sich zu sehr politischen Aussagen verschreibt, verunmöglicht die interessenlose Betrachtung durch die Artikulation seines eigenen Interesses; man ist gelangweilt und geht weiter.

8 Antworten zu “Kunst und Wissenschaft I

  1. Phorkyas 6. April 2011 um 5:32 pm

    (I) Zwar mag es interessant sein, den Kant mal auf diese Gegenueberstellung loszulassen, aber dann bleibst du bei deiner Betrachtung vielleicht auch bei ihm haengen. – Leider hab ich noch nicht einmal eine Einfuehrung in die Aesthetik gelesen, aber mal so einen Schnellschuess aus der Huefte: Aesthetische Wahrnehmung als interessenloses Wohlgefallen hat zwar seine Vorzuege – als ich das hoerte dachte ich: wunderbar jetzt hat er selbst dieses vornehmlich Gefuehlige, Subjektive der Aesthetik wieder objektiviert.. und vielleicht ist ja auch etwas daran, aber was er damit liefert ist ja nur das aesthetische Geschmacksurteil. So wie wenn man durch die Kunstbildkataloge scannt und nur sagt: „gefaellt mir/ gefaellt mir nicht“ – und dann sind wir nicht weit von der modernen Vermarktung von Kunst die nur noch Design darin sieht, der Kuenstler und Stil als Marke und Label – steht dem gegenueber nicht die Moeglichkeit einer aesthetischen Erfahrung? Dass das Kunstwerk einem etwas sagt, dass es (..ich muesste jetzt bloede Metaphern dafuer einsetzen). Aber ich hoffe es ist klar geworden, was ich kontrastieren wollte: Das ‚interesselose Wohlgefallen‘ tastet gewissermassen nur die aesthetische (visuelle?) ‚Oberflaeche‘ ab,.. und es mag ja auch Kunstformen geben danach trachten, die diese Oberflaeche moeglichst ansprechend gestalten (womit das Objekt auf die innere Leerheit hinzuweisen soll?), aber das wird der konzeptuellen (postmodernen?!) Vielfalt der Kunst doch nicht gerecht, oder? Urteilen wir bei dem, was wir als ‚grosse‘ Kunst ansehen, was in unseren persoenlichen Olymp aufgenommen wird, nicht ganz anders? Interesselos?

    (II) Wer nennt den Kunst und Wissenschaft in einem Atemzug? Was vereint sie denn: dass sie intellektuell hochwertig angesehen sind? Ist dieses ‚und‘ zwischen ihnen nicht auch trennend (z.B. im Sinne der „zwei Kulturen“)? Dann haette man deinen Text auch unter dem umgekehrten Vorzeichen starten koennen: Eigentlich geht das ja nicht zusammen, die kalte Folgerichtigkeit der Logik und die genialische Kreativitaet der Kunst.. aber dann schreibst du: entscheidend aber ist die innere Stimmigkeit eines Werks, seine Folgerichtigkeit – Gilt das nicht auch fuer eine wissenschaftliche Theorie? Gelten fuer diese nicht ebenso ‚aesthetische‘ Geschmacksurteile – dass Forscher sich von der Schoenheit einer Theorie sogar blenden lassen, dass sie noch stimmiger, eleganter eine verborgene Symmetrie der Welt enthuellen soll?

    • metepsilonema 6. April 2011 um 8:41 pm

      Lieber Phorkyas, das Gegenteil (des Geschmacksurteils) ist der Fall: Interessenlos ist das Wohlgefallen nur, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind. Sehr anschaulich ist der Vergleich mit dem Essen von dem ich las: Wenn ich Hunger habe, dann wäre die Forderung nach Interessenlosigkeit nicht erfüllt, der Geschmack einer Speise kann nicht entsprechend geprüft werden (die Speise würde in jedem Fall gut schmecken oder zumindest besser als sonst — Wohlgefallen wäre nicht gleich Wohlgefallen). Der wichtigere Punkt ist aber, dass sich das interessenlose Wohlgefallen einer inneren Stimmigkeit entspricht: Ein Kunstwerk gefällt, wenn es in sich stimmig ist (seine eigene Logik enthält). Das ist weit mehr als ein bloßes Geschmacksurteil, weil wir es begründen und kommunizieren können. Aber Kant sieht einen Teil dieses Urteils im Subjektiven angelegt, d.h. wir können zwar darüber streiten, aber Differenzen nicht hundertprozentig auflösen. Das entspricht durchaus meiner Erfahrung und Art Kunstwerke zu betrachten zu versuchen, auch darum finde ich es schlüssig und einleuchtend. Und das interessenlose Wohlgefallen hat auch noch einen weiteren Aspekt: Kunst die zu stark in eine Richtung drängt, also einem Interesse dient, z.B. politischem, verunmöglicht die Erfahrung der Stimmigkeit (und der Betrachter merkt das, weil sie zu „laut“ schreit).

      Kunst und Wissenschaft werden, scheint mir, oft zusammen genannt, in Wien stehen z.B. das Kunst- und Naturhistorische Museum einander gegenüber und auch die Musen zeichnen einen gewissen Zusammenhang. Du hast Recht, dass das „und“ zwischen beiden Unterschiede impliziert, das ist unbestritten, aber mir scheint, dass man beide dann in einer Art größerem Zusammenhang wieder nahe bei einander sieht. Bezüglich der wissenschaftlichen Theorie möchte ich deutlich widersprechen: Wissenschaft muss sich immer an dem messen lassen was ist, auch die nicht dezidiert empirische Forschung; alles was sich jeder empirischen Grundlage entzieht (rein logisch gebaut ist) wie Mathematik, Philosophie oder Theologie, ist keine Wissenschaft (bezüglich der Mathematik mag ich mich vielleicht irren). Insofern gilt wissenschaftliche Stimmigkeit nur etwas, wenn sie in einem positiven Bezug zur Welt steht (widerspruchsfrei zur ihr, etwas was die Kunst nicht muss).

      • Phorkyas 7. April 2011 um 11:35 am

        Kants Aesthetik hatte ich nur in der Mittelstufe daher kommt noch weitere Unschaerfe hinzu – allerdings scheint es mir nicht, als haette ich das Gegenteil dessen im Blick, was du beschreibst.. Vielleicht ist es mir noch nicht gelungen, genau zu benennen was mir an Kants Kunstvorstellung missfaellt. Mir scheint er traut der Kunst zu wenig zu (so aehnlich meinte ich das in meinem vorigen Einwurf: fuer die Beschreibung eines Geschmacksurteils ist Kants Aesthetik vielleicht gut, aber fuer Kunst ist es doch vielleicht etwas zu wenig). Nicht dass ich ein grosser Verfechter von Konzeptkunst usw. waere, aber ich denke gerade diese modernen Formen zeigen doch, dass da sehr viel mehr moeglich ist (z.B. soziale Plastik, Readymades, Performances..).

        Kommt bei Kant denn auch so etwas vor wie die innere Stimmigkeit des Kunstwerkes?

        Hmm.. Vielleicht ist mein Widerstand auch etwas uebertrieben. Dieser Begriff ‚innere Stimmigkeit‘ ist leider eben etwas offen (man koennte diesen ja z.B. als Uebereinstimmung, Ineinanderaufgehen von Inhalt und Form definieren – aber das erschiene mir auch schon was altbacken.. da koennen bewusste Dissonanzen oder auch Atonalitaet doch auch sehr ’schoen‘ sein)

        PS. Was die Wissenschaft betrifft moechte ich den Aesthetizismus nicht uebertreiben, aber.. nimmt man mal so’n Paradigmenwechsel an, dann erscheint’s mir doch plausibel, dass solche Dinge auch eine Rolle spielen (z.B. das ’schoenen‘ griechische Alphabet welches oft verwendet wird – zu Beginn der Quantenmechanik da wehrten sich manche gegen dieses ominoes-obskure Psi, heute ist es eher ein Reiz[?])…

      • metepsilonema 8. April 2011 um 2:10 pm

        Mehr zu Kant am Wochenende. Auf jeden Fall hat er seine Vorstellungen so entworfen, dass sie nicht nur auf Kunst anwendbar sind, ästhetisches Betrachtungen in der Natur funktionieren im Prinzip genauso, vielleicht ist es das was Dich stört (aber in der Natur ist diese Betrachtung nicht immer möglich).

        Kannst Du ausführen was Du mit mehr möglich meinst? Spätestens ab Kant werden Kunstwerke als autonom angesehen, d.h. sie sollten für sich stehen und aus sich wirken. Wenn ich ellenlange Erklärungen brauche um ein Kunstwerk überhaupt zu verstehen können, dann ist es nicht autonom und nicht interessenlos – ich würde das eher als „Schwäche“, nicht als „Stärke“ sehen (aber es gibt natürlich andere Standpunkte).

  2. Phorkyas 8. April 2011 um 2:34 pm

    Das „Mehr“ sehe ich schon darin, dass Kunst einfach eine Idee oder ein Konzept verwirklichen kann und schon dadurch Wirkung erzielen kann, diese Konzepte aber so frei sind, dass eine formale und inhaltliche Fixierung dessen was Kunst ist, nicht moeglich ist. Kunst sprengt (oder kann zumindest) einfach alle Rahmen, Festlegungen, in die man sie zwaengen will. (So sehr dass selbst das Bundesverfassungsgericht gewissermassen kapitulieren muss und einen ‚offenen Kunstbegriff‘ propagiert – also eigentlich zugibt, auch nicht zu wissen was Kunst ist.)

    Autonomie ist gut. Es scheint was du da anvisierst ist der hermeneutische Zirkel, der dann ermoeglicht wird, wenn man das geschlossene, autonome Werk vor sich hat. – Aber auch das ist kein Dogma [mehr?]. Kunstwerke koennen z.B. wie in der sozialen Plastik auch Gesellschaftszusammenhaenge darstellen wollen – oder gar in Interaktion mit dem Betrachter oder der Umgebung treten (indem z.B. Bonbons in Figuren ausgelegt werden und der Besucher aufgefordert ist, sich eines zu nehmen, so dass allein auf diese triviale Weise, sich das Werk (durch den Betrachter) aendert)

    (Vielleicht unterschaetze ich den Kant mal wieder, aber gerade aus der (post?)-modernen Perspektive weiss ich nicht wie sehr er einem bei Kunst weiterhelfen kann.. Muesst ich doch mal ne Einfuehrung zur Aesthetik in die Hand nehmen..)

    • metepsilonema 8. April 2011 um 6:41 pm

      Da gehe ich schon mit, aber wenn all diese Versuche jeweils nur bestimmte Teilaspekte beleuchten, ist das immerhin etwas. Ich sehe aber zu dem was Du schreibst keinen Widerspruch: Wenn ich während der Betrachtung eines Kunstwerk ein interessenloses Wohlgefallen entdecke, dann widerspricht das nicht einer gesellschaftskritischen Intention des Werks (es würde nur dann widersprechen, wenn es seine einzige Intention wäre, soweit habe ich es jedenfalls verstanden). Und mein Eindruck ist, dass gerade dieses Verständnis von ästhetischer Betrachtung der Offenheit und Vielfalt gerecht wird. Fixiert ist ja im Prinzip nur, dass das Werk ein stimmiges sein soll (wie gesagt bald mehr dazu).

      Die Prinzipien ästhetischen Wahrnehmens sind nicht nur auf die Kunst anwendbar, aber das bedeutet nicht, dass es nicht um Kunst geht, wenn wir sie betrachten. Vielleicht liegt unsere Differenz aber wo anders und wir sollten uns einmal ansehen, was wir unter Geschmacksurteil verstehen. Ich würde meinen, dass eine Art der Wahrnehmung, die eine Distanz einzunehmen vermag und ein Werk prüft und dann beurteilt, etwas anderes ist als ein dahingesagtes „es gefällt mir“ (das wäre für mich eher das Geschmacksurteil, wo bei es in meiner Auffassung kein Urteil ist), weil man — bewusst oder unbewusst — eine Leistung vollbringt, nämlich die einzelnen „Aspekte“ des Werks miteinander abwiegt und eine Art Logik in der Zusammenstellung findet.

      Interessanter Weise wurde von Seiten der Postmodernen wieder Kants Begriff des Erhabenen aufgenommen.

      Ich glaube wir werden unseren postmodernen Diskurs sehr bald wieder aufnehmen.

  3. Phorkyas 8. April 2011 um 3:29 pm

    PS. Wenn du schreibst, dass Kant z.B. auch die Natur als aesthetisch wahrnehmbar sieht, so wuerde ich gleich anfuegen: alles. Alles ist aesthetisch wahrnehmbar, wie z.B. in meinem bloeden Beispiel die typographische Schoenheit der Quantenmechanik (das waer doch en schoener Titel fuer nen Aufsatz). — Damit geht es dann aber doch gar nicht mehr um Kunst, oder? (Das war ein weiterer Hauptpunkt: Hat Kunst ueberhaupt etwas mit einem aesthetischen Geschmacksurteil zu tun? Das deutet sich in obigem Sermon vielleicht auch an, dass ich diese Frage verneinen moehte.. auch wenn ich mit der Behauptung alles sei einer aesthetischen Anschauung zugaenglich moeglicherweise selbst in einen offenen Kunstbegriff schlittere…)

    Nun denn ich will dich nicht weiter aufhalten – eigentlich ist mir die Postmodernen-Diskussion wichtiger.. und da moechte ich auch bald nachlegen, hab vielleicht neuen Stoff/Kanonenfutter, des moecht ich doch mal loswerden..

  4. metepsilonema 10. April 2011 um 10:53 pm

    Zu Kants Begriff des Schönen und dem Geschmacksurteil (aus der Kritik der Urteilskraft, letzte Zeile der Seite):

    Geschmack ist das Beurteilungsvermögen eines Gegenstandes oder einer Vorstellungsart durch ein Wohlgefallen, oder Mißfallen, ohne alles Interesse. Der Gegenstand eines solchen Wohlgefallens heißt schön.

    Ich glaube nach wie vor, dass das etwas anderes ist, als ein schnelles „gefaellt mir/ gefaellt mir nicht“ (zudem es mir immer wieder passiert ist, dass ein erstes Gefallen eines Bildes, sich nach dem Hinwenden und der genaueren Betrachtung als irrig erwiesen hat). Ein schnelles, bloßes Hinsehen ist auch kein Urteil, das Abwägen und Zeit braucht.

    [Zum Rest später, besser nicht alles auf einmal diskutieren.]

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