Wer macht unsere Körper hohl?

Kurz bevor wir unser Eingebundensein in den Betrieb begreifen, bringen wir eine gedachte Außenperspektive unseres Selbst mit seiner inneren Befindlichkeit zusammen.

Ursächlich, so erkennen wir, steht das Innere mit dem Äußeren in einer noch ungeklärten Verbindung, die wir, das wird uns schlagartig bewusst, bislang nicht zur Kenntnis genommen haben. Wir sehen uns selbst, in hektisches Treiben verfallen, beobachten unser Tun von oben herab, während wir ein diffuses Gefühl von Leere fühlen, das sich verdichtet und als Hohlraum entpuppt; wir erschrecken über den verhangenen Zeitpunkt seiner Geburt wie die Dauer seiner Existenz und darüber, dass wir in Gefahr laufen, bei lebendigem Leib noch weiter und endlich völlig ausgehöhlt zu werden. Unsere Mitverantwortung macht uns traurig, als ob eine wesentliche Möglichkeit vergeben worden wäre und noch einmal erschrecken wir: Verglühen, auszehren, verbrennen: Solches kommt uns in den Sinn.

Ob es einmal anders war, ob es anders geht und warum eigentlich? — Diese Fragen markieren die Schwelle über die wir steigen und ab welcher der Betrieb seine Macht über uns zu verlieren beginnt. Er hat uns stillschweigend vereinnahmt, ohne Mühe verzwecklicht, zu Selbstausbeutern gemacht. Wir schöpfen nicht mehr, da ist kein Kern, der sich an unserem Tun nährt, wir treiben nur noch, ge- und betrieben: Unsere Selbstzwecklichkeit haben wir für den Betrieb aufgegeben, unsere Autonomie oder zumindest: Die Möglichkeit einer Gestaltung von Abhängigkeit, der Gestaltung einer Beziehung. — Anders konnte es gar nicht kommen, ohne Bewusstsein von Hervorbringung und Existenz eines Kerns: Wir waren gezwungen an den Betrieb zu glauben, zu hoffen, ihn ernst zu nehmen und tatsächlich: Nur um die Narren müht er sich vergeblich.

Der Fetisch um den die Betriebenen tanzen, ihre unentwegt wirbelnden, hohl und leicht gewordenen Körper wurden es, weil ihnen die Anerkennung selbst zu sein versagt blieb. Wenn die systemimmanente Existenz unausweichlich ist, darf der Betrieb keinesfalls ernst genommen werden, ein Spiel muss sich mit und um ihn entfalten, dann tut sich alsbald ein Dasein außerhalb seiner Logik auf: Das mag zwar eine Art Spaltung sein, aber vielleicht nicht viel mehr, als man immer schon zu tun gezwungen war: Das Sinnvolle mit Ironie und das Sinnlose mit Leidenschaft tun.

* * *

Graue Theorie und längst alles lebendig zwischen den Deckeln eines Buchs. Eine Reminiszenz hier.

3 Antworten zu “Wer macht unsere Körper hohl?

  1. tom-ate 4. März 2012 um 10:37 am

    „Ursächlich, so erkennen wir, steht das Innere mit dem Äußeren in einer noch ungeklärten Verbindung, die wir, das wird uns schlagartig bewusst, bislang nicht zur Kenntnis genommen haben.“

    Ungeklärt? Ja, für das irrlichternde Subjekt, dem die völlige Aushöhlung droht, ist die Verbindung, die Schnittstelle ungeklärt. Subjekte sind oft nur Schnittstellen zwischen Innen und Außen. Meistens sind sie nicht mehr als das. Und manchmal eben noch weniger. Einige sind aber auch ein bisschen mehr, was im „Hohlkörper“ (noch) keinen Platz hatte.

    • Phorkyas 6. März 2012 um 5:43 pm

      Ist jetzt aus’m Kopf zitiert, aber ich glaub‘ Plessner definiert das Lebewesen so: als Wesen, bei dem die Innen-Außen-Beziehung gegenständlich bzw. zu ihrem Wesen gehörend auftritt (so ungefähr). Durch Organe steht der Organismus im Kontakt mit dem Außen. –

      Auch wenn ich’s vielleicht nicht verstehe, kommt’s mir gar nicht so abwegig vor, weil ja schon bei einer Zelle die Membran einen Innenraum vom Außen trennt. Das Lebewesen beansprucht, behauptet diesen Raum – wie eine lebende Gruppe beim Go. Die Trennwand ist natürlich durchlässig, es gibt Stoffwechsel. Und diese kleinen Zellautomaten können ihrerseits Botenstoffe tauschen und symbiotisch zusammenrotten, und dabei merkwürdige, große Zellhaufen formen, die auf Bürostühlen hocken und merkwürdige Texte in metallene Kisten tippen.

      Aber hier begebe ich mich aufs biologische Glatteis, da solltet ihr bei Bedarf intervenieren. Vielleicht nur ist das biologische Außen-Innen ein guter Startpunkt, insofern dort die Relation geklärt ist? – auf dem geistigen Terrain aber.
      (Der zweite Absatz erinnerte mich sehr an Plessner, mete, deswegen kam ich auf den ganzen Käse. Die Verblüffung darüber, dass der Mensch/das Subjekt sich selbst zum Objekt machen kann – und sei es notwendigerweise nur als ein Hohlkörper, weil ihm bei dieser Analyse immer doch auch etwas sich zu entziehen scheint, da er ja auch der Analysierende ist?)

      Beim geistigen drängen sich mir bei Außen und Innen zwei Dinge auf:
      1) Bei den Qualia sehe ich das gewissermaßen übertragen ins Geistige: auch unser Bewusstsein beansprucht seinen eigenen Raum, der unverwechselbar sei.
      2) In der Mystik wird die Subjekt-Objekt-Spaltung scheinbar aufgehoben (bei Jaspers auch Umgreifendes?) – die Trennung war nur Illusion in der wirklichen Wirklichkeit ist alles Eins.
      Oft erscheint mir das als schöne Illusion, und der Mystiker könnte mir dann sagen: Du klammerst dich nur an dein lächerliches Ich, so kommst du nie heraus.. Ja,möchte ich dann antworten, aber das ist doch auch gerade das Leben: dieses beständige Spiel zwischen Innen und Außen, Wandel und Wechsel, Dialektik. Wie soll ich denn da außerhalb stehen wollen, ist denn außerhalb nicht nur der Tod?

      [@mete: Sorry, dass ist schon ziemlich off topic und lang über Gebühr… Zum Betriebs-Begriff wollte ich eigentlich noch einiges sagen, weil er mir noch etwas missfällt, aber vorerst seist du von phorkyadischen Kommentarattacken verschont]

      • metepsilonema 8. März 2012 um 6:57 pm

        Der Gedanke scheint mir schon sinnvoll: Unsere Bezüglichkeit und Getrenntheit wird ja immer wieder schmerzlich (Trauer und sich alleine fühlen) oder freudvoll (ein positiver Bezug zu einem äußeren Ereignis) bewusst.

        Das biologische und das geistig-sinnliche Außen und Innen hängen zusammen, auch wenn wir das anders erleben. — Von Plessner habe ich nix gelesen, ich verwehre mich gegen den Plagiatsvorwurf. Ha! So was aber auch.

        Ja, wer die Welt will und nicht das Eine, der muss mit Dunkelheit, Trauer und Unbeständigkeit leben, wie auch mit Freude und Glück.

        Schreib nur, wenn Dir noch mehr einfällt. Es dauert zur Zeit mitunter etwas bis ich antworte.

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